Le terrain est tout

Le terrain est tout Les naturopathes, médecins, éducateurs et beaucoup d’autres stratèges de la publicité prêchent pour nous que notre vie ne se compose que de stress – du berceau à la tombe. Combien de mauvais démons dans le Moyen-Age les facteurs de stress (« stresseurs ») sont cachés partout, même sous le tapis. Tout le monde sait: Le diable est dans le détail, mais la plupart sont surpris quand ils apprennent: le stress n’a pas été inventé pendant 70 ans par Hans Selye, un médecin autrichien. Prévention du stress est maintenant une entreprise très rentable. Si vous voulez vous éloigner, vous pouvez épouser une famille heureuse dans la publicité ou vous pouvez tomber dans le coma (une île presque sans stress …) ou tout simplement ignoré les Selye-isme.

 

Wenige englische Vokabeln sind so unbemerkt im alltäglichen Gebrauch üblich geworden wie Stress. Gerade da man selbigen überall vermeiden möchte, begegnet er einem so häufig wie die Vokabel selbst. Deren ursprüngliche Bedeutung freilich ist ein wenig aus dem Sinn entschwunden, wie es immer der Fall ist, wenn etwas zunächst wenig, dann viel und schließlich (fast) alles bezeichnen kann oder soll. Die Grundbedeutung des englischen Verbs to stress ist in etwa strecken, dehnen, spannen – von dort aus gelangte es zur Nebenbedeutung anspannen. Wer nun an Freud, Jung, Adler oder andere übliche Verdächtige denkt, liegt falsch, denn es war der austro-ungarische, später kanadische Mediziner Hans Selye (1907 – 1982) der den Begriff prägte. Dabei unterschied er schlechten (distress) und guten (Eustress) Stress, letzterer ist heute gleichfalls etwas in Vergessenheit geraten und wird von manchen allenfalls noch als EU-Stress missverstanden. Selye verfasste rund 40 Bücher und 1700 Artikel zu seinem Thema. Seine Arbeiten dazu sind bis heute in mehr als einer halben Million anderen wissenschaftlichen Arbeiten zitiert – in allen Sprachen der Welt und stündlich werden es mehr. Dabei ist es gar nicht so einfach zu erklären, warum sich inzwischen alle Welt mit solchem Eifer befasst, was sie vorgeblich vermeiden will und was vor Hans Seyles Experimenten niemand kannte. Selye gab zu, dass der französische Physiologe Claude Bernard (1813 – 1878) einen starken Einfluss auf ihn ausübte. Dessen berühmtes Motto lautete: „Le germe n’est rien, le terrain est tout!“, was einen fast schon sozialistischen Beiklang hat und auf Deutsch in etwa heißt : „Der Keim ist nichts, das Milieu ist alles.“ Das erklärt womöglich bereits ein wenig, ebenso der Umstand, dass Bernard, ein Pionier der Vivisektion, von seiner Frau und Tochter verlassen wurden, weil sie seine „grausame Tierquälerei“ nicht mehr ertragen konnten und schließlich die Tierschutzbewegung in Frankreich anführten. Das würde man heute als Stress in der Familie bezeichnen. Selye, der in Wien geborene Sohn eines Chirurgen besuchte ein Benediktiner-Kolleg und studierte ab 1924 in Prag ehe er 1931 in die USA und dann nach Kanada auswanderte. Den Stress-Begriff lieh er sich aus der Physik (freilich ohne ihn jemals zurückzugeben), genauer gesagt aus der Werkstoffkunde („Materials Engineering“), in welcher in Belastungstests Zug, Spannung oder Druck eines Materials erprobt werden, um festzustellen, bei welchen Belastungen es zerbricht. Man spricht von einer Materialermüdung (fatigue (material)). Selyes „Material“ waren Mäuse und Ratten und so wie er diese in den 1930er Jahren in Kanada plagte, so nagt Selyes Entdeckung längst am modernen Alltagsmenschen, während sein eigene Name trotz einiger früher Bestseller der Allgemeinheit entronnen ist. Kurz vor seinem Tod erklärte er jedoch noch mit erkennbarem Stolz: „Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt: Stress“. So gesehen zeigt sich die Menschheit fast ein wenig undankbar, freilich ist das gesellschaftliche Leben heute noch viel schnelllebiger und die Anzahl an stress auslösenden Faktoren („Stressoren“) ist ungleich zahlreicher geworden. Zwei Schuljungen im ungefähren Alter von zehn Jahren verdeutlichten mir dies heute an der Bushaltestelle. Auf die Frage des einen: „Was machst heut noch?“ antwortete der andere, er habe jetzt die stressige Busfahrt vor sich. Obwohl oder weil uns Stress zumindest in dieser verbalen Form überall mehrmals täglich, ja „andauernd“ begegnet ist davon die Rede, dass man „Stress vermeiden“ soll. Die Vehemenz mit der dies mittlerweile fast in allen Lebensbereichen (vom Kreißsaal bis zum Altenheim) propagiert wird, ist längst selbst schon lästig, Entschuldigung, ein Stress-Faktor und dabei in etwa so sinnvoll wie die Aufforderung: „Seien Sie spontan!“ Um glücklich zu werden soll man sich insbesondere eine „positive Atmosphäre“ schaffen, sich entspannen („relaxen“), sich von „Problemen“ ablenken, wenn möglich lachen, tanzen und sich wohl fühlen. Wenn man sich überlegt, welche Bestandteile des Alltagslebens heute von Stress-Spezialisten als Stress-Faktoren gedeutet werden, müsste der erstrebenswerte stressfreie Idealzustand letztlich auf eine Art Wachkoma hinauslaufen. Jedenfalls sollte es ein Zustand sein, in welchen man nicht durch sog. Alltagsbelastungen davon ablenkt wird, sich von harmonisierenden Werbebotschaften beeinflussen zu lassen. Genaugenommen würde es Stressgeplagten also reichen, wenn sie ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und in einen Fernsehwerbespot umziehen, vielleicht zur Rama-Familie, die immer gute Laune und schönes Wetter hat. Wenn da nur nicht schon wieder dieser Umzugsstress wäre. Die „Stress-Lawine“ ist heute nicht mehr zu stoppen, aber wir können sie eindämmen. Dazu genügt es, übereifrige Experten, deren Plaisir es ist, möglichst alles in unserem Leben als Stress zu definieren, als gewöhnliche Menschen wahrzunehmen, die unterm Strich doch nur ihr eigenes Ein- und Auskommen sichern wollen und deshalb heillos dem Selye-ismus verfallen sind. Ihre Gelassenheit entspringt ihrer Fähigkeit sich auf ihr Bankkonto zu konzentrieren. Unser Glück wäre hingegen, zufrieden zu sein mit den Menschen, die um uns sind und mit dem was wir haben (und sind), auch wenn es nicht die Rama-Familie ist und unser Auto brummt, statt summt. Zumindest unsere Partner und Kinder werden uns nicht verlassen, weil wir andere quälen müssen um unseren „Lebensstandard“ aufrechtzuerhalten.

(Yehuda Shenef, Sept. 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)

Dezember 24, 2009 at 3:50 pm Hinterlasse einen Kommentar

Living in a bubble

„To live in bubble that is“, according to the former US President George W. Bush, „what happens when you are president“. Living in a bubble as a metaphor goes back to David Vetter, who suffered from SCID syndrome and spent his whole life in a sterile isolator until he died 25 years ago, age 12. He was known to the world media as “the boy in the bubble” – what now is a more political metaphor for fenced off senior politicians who lost contact to the normal everyday life and people.

Vor 25 Jahren starb David Philipp Vetter im Alter von 12 Jahren an einer Infektion, ausgelöst durch eine Knochenmarkspende. Da er an SCID, einer Erbkrankheit mit schwerem Immundefekt litt, verbrachte er sein gesamtes Leben innerhalb eines sterilen Isolators aus Kunststoff. Als „Boy in the Bubble“ wurde er in den 1970ern und 1980er Jahren weltberühmt und inspirierte gleichnamige Film-Erfolge mit John Travolta oder Hits von Paul Simon. Doch spätestens seit Ronald Reagan wurde das Leben in der Blase auch als politische Metapher etabliert. Erstmals war es sein Sohn Michael, der die Umgebung um seinen Vater entsprechend bezeichnete. Damals lebte David noch. Im Wahlkampf von 1992 münzte Bill Clinton den Begriff auf den amtierenden Präsidenten George Bush Sen., der in einem Interview nicht dazu in der Lage war, den aktuellen Milchpreis richtig einzuschätzen. Für den Herausforderer Clinton war dies ein klarer Beleg dafür, dass der Amtsinhaber hinter einer Sicherheitsblase lebte und zwischen dem White House, Camp David und diversen Terminen lückenlos abgeschirmt von Secret Service ein realitätsfernes Leben führte, das mit dem des Volkes nichts mehr zu tun hatte.

Vom Bubble Boy war zuvor bekannt geworden, dass er aufgrund seiner Isolation in der Plastikwelt ein eindimensionales Empfinden der Außenwelt hatte. Da er mit ihr nicht in Berührung kam und sich bis zuletzt kaum in ihr bewegen konnte, erschien sie ihm mehr oder minder eindimensional und eine Begebenheit wie Wind war ihm unbegreiflich und auch gedanklich nicht zu vermitteln. Dem gewählten und dann selbst im Amt waltenden Clinton wurde aber schnell klar, dass es kein Attribut seines Vorgängers war, völlig abgeschottet zu werden, sondern dass es das Amt mit sich brachte. Liebte Bush Sen. es, sich als aktiver Golfer zu zeigen, so wollte Clinton als joggender Läufer medial präsentiert werden. Der Preis dafür war die völlige Abriegelung eines Waldes und Landkreises, die nicht umfangreicher sein könnte, wäre ein Giftalarm ausgebrochen. Bush Sen. der sich nach väterlichem Vorbild mehr dem Golfen widmete, zog sich dann doch lieber auf die eigene Ranch zurück, wo er ungestört reiten und sich entspannen konnte. Als er im Mai 2002 zu einer seiner umstrittensten Auslandsreisen nach Berlin kam, wurden Teile der Millionenstadt komplett abgeriegelt. Der Präsident, der es bedauerte, die deutsche Hauptstadt fast nur aus dem Helikopter wahrzunehmen, betonte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sodann auch, dass man als US-Präsident inzwischen ein Leben in einer Blase führe. „I live in a bubble. That’s what happens when you are president.“ Später darauf angesprochen präzisierte er, dass er als Präsident aufgrund der Sicherheitsanforderungen sich nicht mehr frei bewegen könne, ohne einen enormen Apparat von begleitenden Personen zu bewegen. Das sei eine Blase, in der es sich freilich sehr angenehm leben lasse, da sie – außer Freiheit – alle Annehmlichkeiten biete.

Zwar mögen die Sicherheitsauflagen für US-Präsidenten besonders übertrieben erscheinen – man erinnere sich an Obamas Besuche in Dresden oder Prag – doch auch europäische und deutsche Politiker sind längst hinter einer sie schützenden Blase verschwunden. Wer zu ihnen durchdringen oder nur in die Nähe kommen will, wird handverlesen, durchleuchtet, datenrechtlich erfasst, beargwöhnt und kontrolliert wie ein Terrorverdächtiger und dergleichen mehr. Dutzende Personen warten parat als Chauffeure für die „0-1“-Staatskarosse, für Begleitfahrzeuge, die Motorrad-Eskorte, Sekretäre, … der medizinische Notarztwagen darf für den Fall der Fälle natürlich nicht fehlen und um all das herum postieren sich lokale Sicherheitskräfte vom Veranstalter und die örtliche Polizei, die auch mal ganz staatstragend und wichtig sein darf. Der Präsident, der eine Rede hält, die ein Referent geschrieben hat, schüttelt der ausgewählten lokalen Prominenz die Hand und lächelt mit ihr für die Lokalpresse, ehe er das Gebäude verlässt und mit der ganzen Entourage in die schnell vorgezogene Wagenkolonne entschwindet, zum nächsten entsprechenden Termin. Das gemeine, eher verwunderte als neugierige Volk, das in Vorbereitung in mitunter scharfen Ton herum gescheucht oder weggeschubst wird, versteht oft gar nicht so genau, was vor sich geht und so liest mancher das Kennzeichen laut und mit fragendem Unterton als „Null zu eins“, als handle es sich um eine Heimniederlage – was es vielleicht ja auch ist. Doch schon düst die Kolonne mit Standarte, Eskorte und Blaulichtwagen ab. Der Präsident hatte eine Rede zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises und dabei den angemeldeten Besuchern euphorisch zugerufen, dass Fahrradfahren inzwischen längst „cool“ sei und das Fahren im spritfressenden Geländewagen hingegen „out“. Das fand Beifall bei den Gästen, von denen nur vier ein Fahrrad vor der Halle abgestellt hatten. Die Sonderschutzfahrzeuge der präsidialen, höchsten Sicherheitsklasse B7 sind freilich etwas schwerer als gewöhnlicher Modelle und haben auch ohne begleitende Kolonne einen „etwas“ höheren Spritverbrauch. Das ist keine Kritik an der konkreten Person oder am Amt des Präsidenten, denn es ist klar, dass sich unter uns Volk gewiss auch einige Verrückte befinden, vor denen man auf der Hut sein muss. Darauf achten wir im Alltag doch auch. Problematisch ist es aber wohl, wenn eine ältere Dame von Sicherheitskräften relativ unsanft und harsch zum Absteigen vom Rad gezwungen wird, um einer Autokolonne zu weichen, die doch erst Minuten später abfährt. Sie ist nur leicht mit der Außenseite der Blase in Berührung gekommen, die offenkundig weit schmerzhafter als deren Innenwelt ist. Doch vielleicht kann es sie trösten zu erfahren, dass der Präsident in seiner Rede das Fahrradfahren ganz ausdrücklich lobte.

(Oktober 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)

Dezember 17, 2009 at 3:02 pm Hinterlasse einen Kommentar

FDP Europa Wahlkampf in Augsburg

27th of May 2009 - Augburg, Rathaus Platz

27th of May 2009 - Augburg, Rathaus Platz

Europawahlkampf der FDP "Für Deutschland"

Europawahlkampf der FDP "Für Deutschland"

Europawahlkampf Mai 2009

Europawahlkampf Mai 2009

"immer wieder gerne in ... Augsburg"

"immer wieder gerne in ... Augsburg"

Oktober 23, 2009 at 3:26 pm Hinterlasse einen Kommentar

Bitte lächeln..!

 

In Franz Lehars Operette „Land des Lächelns“ wird das Dauerlächeln als Eigenschaft den Chinesen zugeschrieben. Dort heißt es: „Und wenn uns Chinesen das Herz auch bricht, wen geht das was an, wir zeigen es nicht. Immer nur lächeln, immer vergnügt, immer zufrieden wie immer’s sich fügt.“ Trotzdem der durchschnittliche Chinese von dieser Zuschreibung mangels Operettenkenntnis in der Regel keine Ahnung hat, ist diese die äußere Form wahrende Freundlichkeit bei uns zum Sinnbild und sprichwörtlichen Charakter der Chinesen geworden. Mittlerweile ist das Lächeln freilich ein globales Markenzeichen und so verwundert es auch nicht, dass es überall Ratgeber, Seminare, Kurse, Lektüren, Videos und dergleichen mehr gibt, die uns Nachhilfe in dem geben wollen, was wir offenbar in Elternhaus und Schule nicht fürs Leben gelernt haben, oder zumindest nicht ausreichend. Heilpraktiker, Motivations- und Mentaltrainer suggerieren uns eine Art Lächel-Defizit, das eine Schwäche, wenn nicht gar ein Defekt ist, ohne welchen wir im Leben viel besser zurecht kämen.

 „Ein Lächeln hätte genügt“, ist ein oft gehörte Klage.

Wir wundern uns mit einer gewissen Verärgerung darüber, warum die gestresst wirkende Verkäuferin im Supermarkt nicht immer lächelt. Immerhin ist das ihr Job und sie bekommt dafür 4.40 Euro netto die Stunde. Oder die Bedienung im Restaurant, die gerade 20 Cent Trinkgeld bekam. Ist das nicht wenigstens ein Lächeln wert? Es fehlen ihr doch nur noch 14 weitere Leute wie wir und sie kann sich selbst eine Tasse Kaffee genehmigen. Sicher, sie kann den auch billiger haben, aber das könnten wir auch.

„Optimismus kann man lernen“

Das behaupten zahlreiche Motivationstrainer, die nicht weniger bemüht sind uns zum Lächeln zu bringen wie Zirkus-Clowns oder Kabarettisten. Doch mittels stetig lächelnder Werbeträger, die uns in Zeitungsanzeigen und Fernsehspots den Eindruck vermitteln, die bloße Nähe zu einem bestimmten Joghurt, einer Schokoladentafel oder einem Auto könnte unser Leben aufheitern, sind wir längst darauf abgerichtet, immer zu lächeln, oder doch wenigstens von anderen ein Lächeln zu erwarten. Mehr noch als unterbezahlte Arbeitskräfte könnten noch Langzeitarbeitslose von einer Image-Beratung profitieren. Zeit genug hätten sie vielleicht, um zumindest im Fernsehen zu verfolgen, wie selbst in Verlegenheit geratene korrupte Politiker und Wirtschaftsvertreter allerwenigstens dann noch über ein gewinnbringendes Lächeln verfügen und so (neben Schulden) zumindest doch einen positiven Eindruck hinterlassen.

Das inzwischen längst zum gesellschaftlichen Ideal stilisierte grundlose Lächeln ist in der Psychologie freilich ein typisches Merkmal einer ausgeprägten Schizophrenie. Es ist dieses bestimmte, oft sehr sanfte, milde, „wissende“ Lächeln („bland smile“), bestens geeignet für stille Menschen in Gruppen oder auf Fotos. Kunstkenner schätzen es im Ausdruck der Mona Lisa. Fast immer hinterlässt es ausnahmslos positive Eindrücke, aber nicht selten verbirgt sich dahinter eine ernsthafte Psychose. In seltenen extremen Fällen kann sich hinter diesem Lächeln ein Serienmörder verstecken, wie etwa Ed Gein, das berüchtigte Vorbild für Filme wie „Psycho“ oder „Schweigen der Lämmer“, dem man wegen seiner Freundlichkeit seine brutalen Morde nicht zutraute. Auch dann noch nicht, als er am Stammtisch Witze darüber machte. Zahlreiche andere stets lächelnde Psychopaten, wie zuletzt etwa der „Amokläufer“ von Winnenden, waren und sind „immer nett und zu allen freundlich“. Zu fast allen.

Doch abseits der Frage, wie es sinnvoll ist, Psychopaten wegen ihres Lächelns nicht mehr zu erkennen, stellt sich die weitere, welchen wirklichen Vorteil wir nun im Alltag von einem überall angepriesenen „gewinnbringenden Lächeln“ haben, das uns genauso „natürlich“ zu eigen sein soll wie die gut sitzende Markenkleidung?

Wer hier den motivierenden Ratgebern Geld und Glauben schenkt und meint, dass sich durch Dauerlächeln außer einer Schizophrenie etwas entwickeln lässt, der kann ebenso gut darauf vertrauen, mittels Augenzwinkern eine Roulette-Kugel zu beeinflussen, um auf diese Weise  reich zu werden.

Beruflich verordnetes Dauerlächeln macht krank.

Besonders gefährdet sind nach Untersuchungen von Psychologen der Frankfurter Universität Stewardessen, Verkäufer und Mitarbeiter von Call-Centern, von denen gegenüber Kunden zuvorkommendes „zwanghaftes Vorgeben“ von Freundlichkeit sogar vom Arbeitgeber verlangt werde. Ihnen drohten beispielsweise Depressionen und Herz-Kreislauferkrankungen. Gemäß dem Emotionsforscher Prof. Dieter Zapf ist „Nettsein wider Willen purer Stress“. Wie sich dauerndes Lächeln abseits des Berufslebens in unserem Alltag auswirkt, ist hingegen unerforscht und das wird vermutlich auch so bleiben. Schließlich wissen wir, dass wir in unserer Freizeit Spaß haben müssen, um das Leben genießen zu können. Nicht zuletzt deshalb fordern wir selbst Familienmitglieder und gute Freunde zum „bitte Lächeln“ auf, wenn wir sie für unsere Fotoalben ablichten. Anders könnten wir sie auch kaum in guter Erinnerung zu halten. Wie sollte das auch gehen?

Vielleicht gibt es uns zu denken, das anders als beim Menschen Lächeln in der Tierwelt seltsamerweise keineswegs als Zeichen der Freundlichkeit gilt, sondern als Zeichen der Unterwerfung, wenn nicht gar als Drohung (die Zähne zeigen) zu verstehen ist. Daran ändern in der Praxis auch Cartoons und Trickfilme nichts, wie jüngst eine Frau im Berliner Zoo lernen musste. Sie sprang in das Gehege der niedlichen Eisbären und wollte mit ihnen schmusen. Diese deuteten ihr Lächeln offenbar falsch und verletzten sie lebensgefährlich. Die Frau wurde als geistig verwirrt eingestuft. Das verstehe wer will.

April 20, 2009 at 10:09 am Hinterlasse einen Kommentar

flag

[URL=http://s06.flagcounter.com/more/p31][IMG]http://s06.flagcounter.com/count/p31/bg=FFFFFF/txt=000000/border=CCCCCC/columns=2/maxflags=15/viewers=0/labels=0/[/IMG][/URL]

Januar 12, 2009 at 11:12 pm Hinterlasse einen Kommentar

Bittere Medizin für Hasenherzen

 Who ever wanted to have a loan, knows that banks ask, what collateral, reserves or equity capital you have. Questions that now the banks themselves have to be answered. Ironically governments actually are trying to find solutions for problems they have brought on the banks. This sets a thief to catch a thief. The remedy applied are bitter pills we all have to swallow.

 

The New Wirtschaftswunder

Wer schon mal einen Kredit haben wollte, weiß, dass Banken gewöhnlich danach fragen, welche Sicherheiten, Rücklagen oder Eigenkapital man hat. Fragen, die nun die Banken selbst zu beantworten müssen. Ironischer weise versuchen nun Regierungen diese Fragen zu beantworten und Lösungen für Probleme zu finden, die sie selbst verschuldet haben. Der Kreditmarkt ist ein Angebotsmarkt und Geld will fast jeder. Wenn Kredite billig, jedoch ohne eingehende Bonitätsprüfung zu haben sind, dann werden sie natürlich auch von jenen genommen, die sie sonst nicht bekommen würden. Von „maßlosen Bankern“ zu sprechen ist ebenso verfehlt wie von einer „gierigen Mittelschicht“. Schließlich gab keine Massendemonstration von Kreditwilligen, die Banken belagerten, um günstige Immobilienkredite zu erhalten. Die Idee einen „Subprime-Markt“ für weniger solvente Kunden zu schaffen, entstammt der Clinton-Ära. Anstelle eines ökonomisch stabilen Eigenheimprogramms das Häuser für Mittellose finanzierte, wurden riskante Kredite vergeben, fehlbewertet und weiterverkauft. Dies geschah unter dem bewusst in Kauf genommenen Risiko der mangelnden Bonität der Neukunden. Das Programm veranlasste die US-amerikanische Zentralbank ( FED) den privaten Banken Geld zu geben und entsprechende Kunden zu werben. Dies sollte die US-Wirtschaft ankurbeln und sich selbst tragen. Sozusagen ein Wirtschaftswachstum auf Pump. Zusammen mit erhöhten Steuern und abgesenkten Staatausgaben, insbesondere im Sozialbereich hatten die „Clintonomics“ Erfolg und einen ausgeglichen Staatshaushalt hinterlassen. Möglich wurde dies auch durch zunehmende Investitionen ausländischer Geldgeber, die nun auf den US-Markt drängten, um als Geld- und Kreditgeber am Clintonschen Wirtschaftswunderland teil zu haben. Saudische Ölscheichs, japanische Großbanken und nicht zuletzt auch Europäer karrten ihre Gelder Containerweise in die USA, um Kreditnehmer der unteren Mittelschicht aus den Vorstädten beim Häuslebau zu helfen. Diese wiederum wurden von den verlockenden Angeboten (vom Staat gefordert und gefördert!) verführt, die finanzierbaren Pläne nach bezahlbaren Wohnungen und kleinen Anschaffungen gegen die Aussicht auf privates Eigentum einzutauschen. Hätten die Banken so gehandelt, wie sie es ohne staatliche Vorgaben üblicherweise tun, wäre die Mehrzahl dieser „faulen Kredite“ nie vergeben worden. Alles schien ganz fabelhaft zu funktionieren, da die US-Wirtschaft boomte, während in Europa die Massenarbeitslosigkeit grassierte. Doch dann kam der 11. September 2001 und mit ihm der Zusammenbruch des Fortschrittglaubens. Rasch bröckelte das Vertrauen in die sog. New Economy und das virtuelle Wachstum zahlreicher Dot-Com-Firmen erwies sich als Luftblase. Der Dollar triumphierte zunächst über den neu eingeführten Euro, so wie Bush über Saddam Hussein. Letzterer hortete im Erdloch in den er ergriffen wurde bezeichnender Weise stapelweise 100 – Dollar-Noten. Doch seinem Beispiel wollte niemand folgen. Die US-Regierung unter George W. Bush sah sich zum weltweiten Kampf gegen den Terror berufen und verpulverte Milliardensummen im arabischen Sand. Doch stieß dieser militärische Kampf international auf, sagen wir mal, geteiltes Echo und zahlreiche Anleger der restlichen Welt investierten nun lieber in den Euro als in den Dollar – auch in der Hoffnung, auf diese Weise den Dollar und somit die USA-Wirtschaft zu schwächen, die andererseits aber in der eigenen Handelsbilanz vom niedrigen Dollar-Kurs profitierte. Das „kalkulierte Risiko“ des Subprime-Markts ging als Rechnung nun solange auf, solange die Kreditnehmer dazu in der Lage waren, ihre Kredite auch zurückzubezahlen. Steigende Kreditzinsen und explodierende Energiepreise machten dem aber nicht nur einen Strich durch die Rechnung. Die betroffenen US-Banken gingen ihrerseits nun dazu über, Teile dieser „faulen Kredite“, verbunden mit „regulären“ als collateralized debt obligations (CDO) mit attraktiven Ratings auszustatten und an ausländische Banken und Institute zu verkaufen. Diese griffen begierig zu, sahen sie doch die einmalige Chance im vordergründig boomenden US-Immobiliengeschäft Fuß zu fassen. Japanische, arabische, europäische Banken, darunter nicht wenige staatliche Landesbanken aus Deutschland sahen bei weiterhin künstlich erhöhten Immobilienpreisen auch kein unkalkulierbares Risiko. Mit den Immobilien selbst als Sicherheit sollten solide Käufer gewiss kein Problem sein. Diese blieben freilich aus. Die nun ab 2006 einsetzende Welle an Zwangsversteigerungen brachte den Banken erhebliche Verluste ein, da ein allgemeiner Preisverfall damit einherging. In der Folge nun stimmten die Zahlen der Banken, die mit überteuerten Assets bilanziert hatten natürlich nicht mehr mit der nüchternen Realität überein. „Gewinnwarnungen“ alarmierten Anleger und Banken wie Rückversicherer begannen einander im Interbankenmarkt zu misstrauen und schließlich platzte die Blase. Banken wurden zahlungsunfähig, gingen pleite, wurden aufgekauft oder zumindest teilweise verstaatlicht, während die Aktienkurse weltweit im Sinkflug waren. Wie immer wenn etwas ordentlich schief läuft stellt sich die Schuld-Frage und diese wird bereitwillig mit der allseitigen Anklage des „kapitalistischen Systems“ beantwortet. Das ist populistisch und kommt gut an, verschweigt aber, warum etwa deutsche Politiker, die in den Aufsichtsräten der beteiligten staatlichen Banken saßen, jede eigene Verantwortung verleugnen und stattdessen Manager weit weniger betroffener privater Banken an den Pranger stellen und Debatten über deren Haftung und Bezüge anzetteln. Der Staat hatte massiv lenkend und verzerrend in den Markt eingegriffen (und damit die Gier jener Banker, die er nun als Ursache des Problems ansieht, verschuldet.. Die nun in den USA und in der EU aufgelegten Rettungspläne in utopischen Milliardenhöhen sind dabei nun aber keine Lösung des ursächlichen Problems, sondern schlicht die massive Erhöhung jenes Medikaments, das den Markt vergiftet hatte. Kapitalismus, bzw. Marktwirtschaft, basiert jedoch auf Freiheit und Eigentumsrecht. Die massive Umverteilung von Eigentum durch den Staat zur Ankurbelung der Konjunktur ist genaue das Gegenteil einer freien Marktwirtschaft. Die in Europa als erz-kapitalistische geltende US-Wirtschaft hat sich von den Prinzipien des freien Marktes aber schon seit Roosevelts „New Deal“ im Prinzip verabschiedet. Immer dann wenn es zu einer Konjunkturdelle kam, griff der Staat ein, um den Markt mit Geld zu Investitionen anzuregen. Das entspricht vielmehr einer staatlichen Planwirtschaft als einem „zügellosen Kapitalismus“. Eine Privatisierung der Post etwa ist in den USA kein Thema. Der United States Postal Service ist und bleibt ohne Diskussion in Staatsbesitz. Als Ende der 80er-Jahre US-Sparkassen zu Hunderten kollabierten, sprang bereits der Staat ein, was US-Steuerzahler 125 Milliarden Dollar kostete. Bereits 2003 nach den Bilanzskandalen bei Enron vertrieb die Bush-Regierung mittels vor Überregulierung strotzenden Gesetzen zahlreiche börsennotierte Unternehmen von der Wall Street. Nun folgt mit der De-facto-Verstaatlichung der ohnehin einst staatlichen Unternehmen Fannie Mae und Freddie Mac „die größte Nationalisierung in der Geschichte der Menschheit“, die der Ökonom Nouriel Roubini als „den radikalsten Regimewechsel in der globalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte“ beklagt. Die USA seien auf dem besten Wege, sich russischen Verhältnissen anzugleichen, weitere Forderungen an Moskau sich dem freien Markt zu öffnen, seien überflüssig. Und in Deutschland? Es stellt sich schon mal die Frage, wie der Staat überhaupt Gebühren für seine „Garantien“ bemessen will, wenn er die Bonität der besicherten Banken nicht kennt. Die Bundesregierung wird sich mit 80 Milliarden Euro an klammen Banken beteiligen, also eine Teilverstaatlichung betreiben. Verstaatlicht werden logischerweise nur die miesen Banken und Geschäfte der Staat selbst wird dadurch das was er anderen vorwerfen will: zum Zocker. Ganz so als ob die Pleiten diverser Landesbanken und der KfW noch nicht reichten. Sicher ist es vorstellbar, dass diese Banken irgendwann auch wieder reprivatisiert werden könnten. Zu wahrscheinlich ist dies nicht. Der Weg aus der Krise: Nicht mehr Staat, sondern weniger Staat ist die Lösung. Wenn der Preis hierfür eine Wirtschaftskrise ist, dann muss er bezahlt werden, denn die Krise kommt früher oder später, nur wenn sie früher kommt, ist ihr Ausmaß geringer. Banken, Kunden, aber auch Politiker müssen (aufs neue?) lernen, dass es kein einklagbares „Naturrecht auf Gewinn“ gibt. Das meiste im Leben muss man sich erarbeiten. Und wie immer im Leben gibt es Aufs und Abs. Mal gewinnt man, mal verliert man. Besitz und Geld verschwindet nicht im Jenseits, es gehört nur einem anderem. Dieser Andere ist nicht selten der Staat. Andre Kostolany, der berühmter Börsenfachmann, sagte einst, die Börse habe ein Hasenherz. Damit brachte er jene hasentypische Eigenschaft ins Gespräch die meist als Feigheit oder übertriebene Furchtsamkeit gedeutet wird, andere aber als Wachsamkeit und Vorsicht werten. Hasen sind abgesehen davon aber auch dafür bekannt, sehr schnell zu sein, wenn es darum geht, sich vor Gefahren in Sicherheit zu bringen. Dabei sind sie dazu in der Lage für ihre Verfolger oft verwirrende Haken zu schlagen und Richtungsänderungen vorzunehmen. Nicht wenige neigen nun selbst zur Angst, vor den „Börsianern“ und blasen zur Hasenjagd auf die bösen Spekulanten. Und die Hasen selbst? Sie zerstreuen sich in alle Winde und suchen sich sichere Höhlen, sprich lukrative Anlagen und „bunny money“ und sie tun, was Hasen eigentlich am besten können: sich munter vermehren, so wie eh und je.

 

(Oktober 2008, erschienen im EuroJournal 4/2008)

Oktober 25, 2008 at 12:04 pm Hinterlasse einen Kommentar

Sicher ist sicher

 Just in case: What will happen if you are going to install an alarm system, perhaps with motion detectors and a video surveillance facility in your house or garden, but your neighbor is responding aggressively and is threatening with retaliation? You would think the behavior of your neighbors would be absurd. In this very manner is the Russian response to the projected missile defense. The “West” must be politely but firmly to protect Russia’s former allies.

 

Fühlen Sie sich bedroht, weil es in Ihrer Nachbarschaft gelegentlich zu Überfällen, Belästigungen, Vandalismus oder Einbrüchen kommt? Dann liegen Sie wahrscheinlich im Trend, denn die Sicherheitsbranche erlebt in den letzten Jahren einen regelrechten „Boom“, wie nicht nur Umsatzzahlen, sondern auch Investitions- und Beschäftigungspläne der Unternehmen belegen. Gegenwärtig sind nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Wach- und Sicherheitsdienste alleine in Deutschland bereits rund 170.000 Menschen in dieser Branche – überwiegend im Objektschutz – beschäftigt. Ordner, die man früher eher von Kontrollschleusen auf Flughäfen oder bei Großveranstaltungen traf, begegnen einem heute bereits alltäglich als private Wachmänner in öffentlichen Parks, in Bussen oder Bahnen, in Einkaufszentren. Was wäre nun, wenn auch Sie in ihrem Haus eine Alarmanlage, vielleicht dazu Bewegungsmelder und eine Videoüberwachungsanlage installieren würden. Oder besser gefragt, was würden Sie sagen, wenn Ihr Nachbar darauf gereizt reagierte, Sie vor solchen Maßnahmen warnt und sogar in scharfen Worten damit drohte, dass er alles unternehmen würde, um Ihre Installation zu verhindern? Sie werden wohl rasch erklären, dass Ihre Alarmanlage doch gar nicht auf ihn gemünzt sei und auch keine Bedrohung darstelle. Vielleicht werden Sie sogar Ihren Nachbarn anbieten sein Haus in das Sicherheitskonzept mit einzubeziehen. Freilich nur bis zu dem Punkt, an dem er mit finsterem Blick ankündigt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um Ihre Anlage wirkungslos zu machen. Spätestens dann käme Ihnen das Verhalten Ihres Nachbarn wahrscheinlich absurd vor.

An genau diesem Punkt sind die Gespräche zwischen der NATO und Russland bezüglich der Stationierung des geplanten Raketenabwehrschildes angelangt und der Krieg in Georgien hat den Konflikt nochmals verschärft, fühlen sich einige der osteuropäischen Staaten durch Russlands vordergründigen Einmarsch in Georgien doch nicht mehr bloß theoretisch bedroht. Auch im Baltikum oder in der Ukraine leben zahlreiche Russen, denen der Kreml bei beliebigem Vorwand „zur Hilfe“ eilen könnte. „Ground –Based Midcourse Defense System“ oder abgekürzt „GMD“ nennt sich das geplante System, dessen Effizienz von vielen bezweifelt werden, freilich nicht von den US-Militärs. Das System soll dazu in der Lage sein, im Weltraum anfliegende Sprengköpfe und als Intercorps bezeichnete Raketen auf sie zu steuern um gegebenenfalls Atomwaffen noch im Weltraum zu zerstören. Die ersten Waffensysteme wurden bereits im Frühjahr in Alaska und Kalifornien installiert. Nun sollen Abfangraketen in Polen und eine Radarstation in Tschechien folgen.

Kritiker, insbesondere aus Frankreich oder Deutschland bezweifeln die Effizienz oder gar die Realisierung des Raketenschildes, dessen einzige reale Wirkung womöglich darin bestünde, das angespannte Verhältnis zu Russland weiter zu verschlechtern und einen neuen „Kalten Krieg“ mit einer weiteren Aufrüstungsspirale in Gang zu setzen.

Die NATO sieht das anders. Zwar schlug bislang etwa die Hälfte der bisherigen Abschusstests der USA fehl, doch eine zehntausendseitige Machbarkeitsstudie aus dem Jahre 2006 belegt sowohl die technische also auch finanzielle Realisation des Projektes, das den rapide veränderten Sicherheitsbedürfnissen des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen soll. In der Analyse dazu heißt es, dass es im Jahre 1972 lediglich neun Staaten gab, die ballistische Raketen besaßen. Heute ist diese Zahl auf 27 hochgeschossen – und sie schließt gegnerische Regime wie den Iran ein, die Verbindungen zu Terroristen haben und an der Entwicklung von Atomwaffen arbeiten.

Der Kreml fasst das GMD jedoch als Bedrohung seiner eigenen Sicherheit auf, ohne schlüssig begründen zu können, wie und warum ein defensives Waffensystem die Sicherheit Russlands gefährden könnte. Der russische General Anatoli Nogowizyn drohte Polen unverhohlen damit, die Installation könne „nicht ungestraft bleiben“. Polen setze sich damit „zu 100 Prozent der Gefahr eines Angriffs aus“. Man werde sodann eigene Raketen auf den früheren Warschauer-Pakt-Staat zu richten. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hingegen hob hervor, das Abkommen schließe die von Polen gewünschte „Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe“ ein, wozu auch die Verstärkung der polnischen Streitkräfte mit Patriot-Abwehrraketen gehöre. Die USA beteuerten, Polen in „schwierigen Zeiten“ umgehend zu Hilfe zu kommen. Die NATO, so Tusk, würde im Falle einer Bedrohung Polens wahrscheinlich viel zu langsam reagieren. Es könnte „Tage, Wochen dauern, diese Mechanismen in Gang zu bringen“. Deshalb sei die direkte Beistandsverpflichtung der USA für sein Land so wichtig, überlebenswichtig.

Man muss wohl kein Strategie-Experte sein, um den Äußerungen zu entnehmen, dass es bei dem schwelenden Konflikt nicht wirklich um das Für und Wider zu einem Raketenabwehrsystem gehen kann, sondern vielmehr um die Behauptung eigener Einflusssphären.

„Im Westen nichts Neues“ lautet der bekannte Roman von Erich Maria Remarque. Doch aus russischer Sicht gibt es durchaus etwas „Neues“ in den Tagen zunehmender Spannungen im Verhältnis zwischen Russland und „dem Westen“. Der „Westen“ nämlich reicht mittlerweile mit Polen, dem Baltikum und … ja auch mit Georgien an Russlands Grenzen. Russland nun sieht in der unzweifelhaften Orientierung einstiger kommunistischer Staaten hin zur EU und zur NATO den Verlust einer eigenen Einflusssphäre. Mehr noch fürchtet es nunmehr selbst gegenüber direkten Nachbarn sogar noch etwaige militärische Druckmittel zu verlieren. Dies wurde spätestens in der Kosovo-Frage deutlich, als Russland bei der Anerkennung der ehemals jugoslawischen Republik durch dem Westen trotzig damit drohte, im Gegenzug die georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien anzuerkennen. Dies ist nun bekanntlich so gekommen.

Russlands Verhalten gleicht ein wenig dem Mann der „Hammer-Geschichte“ aus der „Anleitung zum Unglücklich sein“ des Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Darin will ein Mann ein Bild aufhängen, hat aber nur einen Nagel, jedoch keinen Hammer. Folglich will er seinen Nachbarn nach dem Werkzeug fragen. Doch ihm kommen zunehmend Zweifel, ob der Nachbar ihm den Hammer auch tatsächlich geben wird und entdeckt bei seinen Überlegungen immer mehr Gründe, die dafür sprechen, dass sein Nachbar ihm eigentlich feindlich gesonnen ist, ihn letztens ja nicht mal richtig gegrüßt habe, usw. Schließlich stürmt er hinüber und schreit seinen verdutzten Nachbarn an: „Behalten Sie ihren Hammer doch!“

Letztlich gleicht das Verhalten des Kremls also einer Art von Selbsthypnose, um den Kontrollverlust über einstige Nachbarn zu kompensieren. Das soll nicht heißen, dass Russland nun ein altes Mütterchen ist, das man nicht als potentielle Bedrohung ernst nehmen muss – der Kaukasus-Konflikt zeigt gegenteiliges. Vielmehr spricht alles dafür, Russland mit Worten zu besänftigen, ihnen möglicherweise auf Jahre hinweg den UEFA-Cup und den Grand Prix de la Chanson zu schenken – insofern man die vitalen Sicherheitsinteressen seiner souveränen Nachbarn aktiv verfolgt. Denn sicher ist sicher.

(erschienen im EuroJournal pro management 3-2008)

September 15, 2008 at 11:37 am Hinterlasse einen Kommentar

„G’sund samma …!“

Israelis die ohne entsprechende Vorprägung Bayern besuchen, staunen oft über das bayerische Staatswappen, das von zwei Löwen flankiert ist und über dem Schild eine Krone trägt, denn in selber Weise  zeigen sich seit Jahrhunderten auch zahllose Thoraschilder … und blauweiß sind die Farben Israels wie Bayerns. Das macht neugierig, manchmal stutzig, sind dies doch Hinweise auf eine tiefer gehende als allgemein wahrgenommene Verwandtschaft, als Resultat von mehr als tausend Jahren gemeinsamer bayerischer Geschichte.


Runde 60 Jahre alt wurde im August der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, der heute 13 Einzelgemeinden vertritt, woran eine Feierstunde Ende November in München erinnerte. Die Zahl der Juden ist hier in den letzten 15 Jahren durch zahlreiche Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR, die sich wie zahlreiche heimische Bayern mit dem Hochdeutschen schwer tun, kontinuierlich auf rund 20.000 Juden angewachsen, was trotzdem aber nur einem Drittel der Zahl von 1933 entspricht. 

Jüdisches Leben in Bayern ist heute immer wieder ein Balanceakt zwischen gewohntem Alltagsleben, familiären Erinnerungen an finstere Zeiten, Zuversicht und latenten Bedrohungsszenarien. Nach wie vor herrscht 62 Jahre nach Dachau auf allen Seiten aber noch immer ein weit verbreitetes Gefühl der Verkrampfung und eine oft empfundene Kluft zu deren Abbau mit klassischer Musik untermalte zeremonielle Akte und mahnende Bekenntnisse breitenwirksam wenig beitragen können. Das alles ist in Bayern nicht anders als im Rest Deutschlands, trotzdem ist das Verhältnis in Bayern sicher etwas herzlicher und wärmer. Der Aufbau neuer Gemeindezentren wie in Nürnberg oder München zeigt aber auch einen Weg in die Zukunft, die an die reiche jüdisch-bayerische Geschichte anknüpfen will und kann.

Anhängend an verklausulierte Formeln wie etwa im Staatsvertrag zwischen Bayern und dem Israelitischen Landesverband von 1997 wo es heißt „Eingedenk des geschichtlich bedingten besonderen Verhältnisses zu seinen jüdischen Bürgern und geleitet von dem Wunsch, das freundliche Verhältnis zwischen dem Freistaat und der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu fördern und zu festigen…“ können wir Juden in Bayern heute aber auch ganz einfach sagen „G’sund samma …!“

Yehuda Schenef

Dezember 6, 2007 at 12:21 pm Hinterlasse einen Kommentar

Fussball ist unser Leben

Wenn man über Globalisierung spricht, denken viele zuerst an McDonalds, Coca-Cola, an Hollywood oder Rockmusik, doch kein anderer Lebensbereich ist globalisierter als der Fußball. Der einst lokal geprägte Sport hat sich zu einem multinationalen, kontinentale Grenzen überbrückenden Geschäft entwickelt. Spitzenpartien europäischer Ligen werden weltweit live im Fernsehen gesehen. Vereine wie der FC Bayern München bieten die Inhalte ihrer deutschen Webseite neben dem schon obligatorischen Englisch auch auf Spanisch, Japanisch und sogar Chinesisch an. Während in allen Teams international agierende Mäzene einen bunten Mix aus Südamerikanern, Afrikanern und unterschiedlichsten Europäern zusammenkaufen, erreichen die Transfersummen und Spielergehälter astronomische, stammen vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden aus Pakistan. Wie die begehrten, inzwischen jährlich neu gestalten Spielertrikots werden sie von renommierten Sportartikelherstellern wie Puma oder Adidas nicht selten in Kinderarbeit produziert. Andererseits färben sich abertausende Koreaner oder Japaner, die die „Marke Beckham“ lieben ihre Haare blond, um wie ihr Star auszusehen. Zugleich wird der Fußball von Politikern und Konzernen vereinnahmt, die ihr eigenes Image mit persönlicher Stadionpräsenz, Vereinsmitgliedschaften oder Sponsorentum volkstümlich aufwerten. Aus der TV-Perspektive sieht es so aus, als wären nationale Grenzen und Identitäten aufgehoben und in einer multinationalen, globalisierten Fußball-Welt aufgegangen. Doch der helle Schein der Inszenierung trügt. Fußball ist zwar ein weltumspannendes, zugleich aber durchaus ambivalentes und widersprüchliches Phänomen. Anderswo befürchtete Parallelgesellschaften sind zur gelebten Tagesordnung geworden. Fußball ist insbesondere in Europa längst nicht nur zum Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen gediehen, sondern zum identitätsstiftenden Faktor einer breiten Masse angeschwollen, die sich an der stets wachsenden Anzahl von Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen nicht mehr satt sehen kann. Zeitgleich ist der Sport zum Emblem radikaler Fußballfans aus gesellschaftlichen Randgruppen geworden, die ihre Frustrationen und ihre Wut auf den neuen Schlachtfeldern einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft mit brutaler Gewalt und offenem Rassismus abreagieren.

 

Als Deutschland 1954 in der Schweiz gegen die favorisierten Ungarn nur neun Jahre nach Kriegsende (1950 war den Deutschen noch die Teilnahme untersagt worden) den Titel des Fußball-Weltmeisters gewann, hieß es allgemein “Wir sind wieder wer” und spätere Chronisten sehen in dem als „Wunder von Bern“ stilisierten sportlichen Erfolg die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik. Neun Jahre nach der Kapitulation den die überwiegende Mehrheit eher als Zusammenbruch denn als Befreiung erlebte, wagten Deutsche wieder einen gemeinschaftlichen Blick auf sich selbst und sie fanden, dass sie sich „als Weltmeister“ neben den anderen Nationen gut sehen lassen konnten. Die Fußballerspieler wurden in einem nationalen Taumel „als Helden gefeiert wie zehn und fünfzehn Jahre zuvor die Jagdfliegerasse und die erfolgreichen U-­Boot-­Kommandanten“, resümiert der Historiker Hans-­Peter Schwarz in seinem Buch über „Die Ära Adenauer“. Dass ältere deutsche Spieler wie Fritz Walter, Max Morlock oder Toni Turek schon während der Nazizeit zu den Sportheroen gehörten und Herberger für die Nationalmannschaft schon seit 1937 als Reichstrainer verantwortlich war­, interessierte die Gesellschaft nicht mehr. Als im Siegesglück noch „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt wurde, beanstande das kaum jemand. Augenfälliger war auch der Umstand, dass zum Berner Finale kein einziger deutscher Bundesminister angereist war. Adenauer und Heuß, aufgewachsen in einer Zeit, da das Spiel noch als „englische Fußlümmelei“ und „undeutsch“ galt, hätten eine Einladung auch als Unverschämtheit empfunden.

 

Die propagandistische Ausbeutung des Sports durch die Nazis (diese hatten als nationale Arbeiterbewegung vor allem den „Arbeiterverein“ Schalke 04 für ihre Zwecke instrumentalisiert, der in den zehn Spielzeiten der Naziherrschaft neun mal im Finale der Meisterschaft stand und dabei sechs Titel errang, während der „Judenklub“ FC Bayern München, Deutscher Meister des Jahres 1932, nicht nur sportlich ins Abseits geriet) spielte dabei sicher noch eine gewisse Rolle, doch mit dem Titelgewinn in Bern sollte sich sodann auch die Haltung nachkriegsdeutscher Politiker zum Sport im Allgemeinen und zum Fußball im Besondern ändern. Heute sind im Deutschen Fußball-Bund (DFB) über sechs Millionen Mitglieder in rund 170.000 Mannschaften organisiert (alle politischen Parteien in Deutschland wären froh wenn sie zusammen ein Drittel dieser Mitgliedszahl erreichten), darunter mit steil steigender Tendenz, fast eine Million Frauen und Mädchen. Selbstverständlich zeigt sich, nebst anderer, auch die politische Prominenz mittlerweile zu gern in Stadien und längst nicht nur bei Endspielen. Man sagt, Fußball spiegle den Charakter eines Volkes wieder und Deutsche rühmen sich dabei als diszipliniert, kampfstark und unbeugsam. Kommentatoren bewundern oder reklamieren je nachdem die „klassischen deutschen Tugenden“, die offensichtlich an die Stelle früherer preußischer Tugenden getreten sein mussten. Fußball als gesellschaftliches Vorbild.

 

Im vergangenen Jahr feierte „Fußball-Deutschland“ als erneuter Gastgeber des Turniers zwar anders als 1974 keinen weiteren Titelgewinn, so aber doch unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sich selbst als „weltoffenen“ Gastgeber. Den oft und auch im Ausland überwiegend wohlwollend zitierten Slogan hatte sich der jüdisch-österreichische Aktionskünstler André Heller ausgedacht. Franz Beckenbauer, Präsident des Organisationskomitees meinte, die WM biete „Deutschland die Riesenchance, sich der Welt als herzlicher Gastgeber zu präsentieren.“ Damit stand er keineswegs alleine. Immer wieder wurde dafür geworben, Deutschland und die Deutschen der restlichen Welt „anders“, sprich aufnahmebereit, kontaktfreudig, gesellig, ja „weltoffen“ darzustellen. Bundeskanzlerin Merkel pries Deutschland als „fußballbegeistertes und weltoffenes Land” zugleich an, so als ob Fußballbegeisterung und Weltoffenheit synonyme, ja austauschbare Begriffe wären. Doch abseits der medialen Kampagnen ist die Lebenswirklichkeit von Spielern wie Fans oft eine ganz andere.

 

 

Es mutet etwas schizophren an: Während Profiklubs wie ZSKA Moskau (UEFA-Pokal-Sieger 2005), 1923 als Sportklub der Roten Armee gegründet und mittlerweile wie Chesea London vom russischen Oligarchen Abramowitsch finanziell gefördert, inzwischen längst auch dunkelhäutige Spitzenstars aus Brasilien spielen, grassiert im Umfeld der der Stadien der Rassismus. Immer wieder thematisiert Amnesty International rassistische Gewalt in Russland, wo allein im ersten Halbjahr 2006 bei rund 100 Übergriffen 18 Personen getötet und 160 bisweilen lebensgefährlich verletzt wurden. Opfer haben es dabei selbst bei ganz eindeutigen Sachverhalten in der Regel schwer, vor ordentlichen russischen Geschworenengerichten Recht zu finden. Immer wieder kam und kommt es zu Freisprüchen der Täter, während dunkelhäutige Opfer der Gewaltverbrechen als „Unruhestifter“ mit der Abschiebung rechnen müssen. Der bizarre Mix aus der Bejubelung schwarzer Sporthelden auf der einen und rassistischer Gewalttaten auf der Straße ist aber beileibe keine russische Eigenart. Auch in westlicher orientierten Staaten wie der Ukraine, in dessen erster Liga allein 18 Nigerianer spielen, oder Polen (das gemeinsam mit der Ukraine 2012 Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein wird) haben Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Unter polnischen Hooligans, denen seitens der UEFA ein ausgeprägtes Gewaltpotential attestiert wird, ist derlei Gedankengut weit verbreitet. In Stadien sind antisemitische Slogans “Juden ins Gas!” zu hören und man sieht Transparente mit deutschen Aufschriften wie “Arbeit macht frei”. Roman Giertych, seit Mai 2006 stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Volksbildung Polens, gründete bereits 1989 im Alter von 18 Jahren die rechtsextreme “Allpolnische Jugend” (Młodzież Wszechpolska), heute eine Art Neonazi-Kameradschaft, die ihre Mitglieder vor allem aus der Szene gewalttätiger Fußball-Fans rekrutiert. Das Hooligan-Problem existiert in Polen seit Mitte der 1990er Jahre. Immer wieder kam es dabei zu blutigen Schlachten mit zahllosen Verletzten, allein bei Fehden zwischen den Krakauer Hooligans gab es in den letzten Jahren bereits fünf Tote. Zu lange hat die Öffentlichkeit in Polen das Hooliganproblem verharmlost, was bei einer gewissen Nähe mancher Politiker nicht zu sehr verwundern muss. Neuerdings aber reagiert der Staat mit Strenge. Besucher von Spielen werden gefilmt, Namen und Ausweise kontrolliert, straffällige Hooligans sollen vor Schnellgerichten gestellt und Stadionverbote ausgesprochen werden. Das sind begrüßenswerte Ansätze, die aber offenbar nicht zu viel bewirken. Gerade erst wurde Legia Warschau nach Ausschreitungen seiner Anhänger von der UEFA auf zwei Jahre für europäische Wettbewerbe gesperrt. Schwer wiegt eine kaum zu kaschierende ideologische Nähe zwischen verantwortlichen Politkern und Fußball-Schlägern. Wozu dies im Extremfall führen kann, zeigten in beispielloser Weise die Balkankriege. Željko Ražnatović, besser bekannt als „Arkan“ war im jugoslawischen Bürgerkrieg zu Beginn der 1990er Jahre Anführer der paramilitärischen Organisation „Tigrovi“, der der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eine aktive Beteiligung an Völkermord und ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo vorwarf. Zugleich war er, selbst bewährter und erfahrener Belgrader Hooligan, auch Präsident des Fußballklubs FK Obilic, dem er mittels Gewalt und Einschüchterung gegnerischer Spieler und Schiedsrichter 1998 zur jugoslawischen Meisterschaft verhalf. Seine Fußballkontakte waren entscheidend für den Bürgerkrieg in Jugoslawien, da die bisherige Armee des Vielvölkerstaats zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechens wegen ihrer Völkermischung kaum in der Lage war, die Schmutzarbeit des Krieges für Milosevic’ Zentralregierung umzusetzen. Arkans Tiger jedoch, als Fußball-Schläger mit alltäglicher Gewalt bestens vertraut und ohne Skrupel leisteten als Kämpfer an vorderster Front zuverlässige Dienste beim Überfall auf Häuser und Zivilisten. Schläger wie die Fan-Gruppe von Partizan Belgrad „Grobari“ („Totengräber“) schienen dabei ihrem Namen traurige Referenz zu erweisen zu erweisen.

 

Es scheint, als ob sich die durch den Fußball produzierten Emotionen längst nicht immer unter Kontrolle halten lassen. Auch im Land des Weltmeisters von 2006 ist die Diskussion um Fußball und Gewalt neu entbrannt, nachdem bei heftigen Fußball-Krawallen Anfang Februar 2007 auf Sizilien ein 38-jähriger Polizist ums Leben kam und mehr als 70 Menschen verletzt wurden. Erst die zeitweilige Einstellung des Spielbetriebs und drakonische Sicherheitsmaßnahmen und Umbauarbeiten in den Stadien haben die explosive Lage wieder beruhigt. Der eruptive Gewaltausbruch kam aber keineswegs zufällig zustande, sind Gewalt und Rassismus auch im italienischen Fußball alltäglich. Das traurigste Beispiel für eine offen rechte Gesinnung ist wahrscheinlich der frühere Stürmer-Star vom Römer Klub Lazio Paolo Di Canio, der 2005 im Derby gegen den verabscheuten Stadtrivalen AS Rom mit hasserfülltem Gesichtsausdruck mit dem Hitlergruß das Publikum grüßte. Der italienische Fußballverband verurteilte Di Canio zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Anhänger der offen rechtsextremen Fangruppe „Irriducibili” (“die Unbeugsamen”) demonstrierten sodann mit rund 500 Anhängern vor dem Sitz des nationalen Fußballverbandes, wobei es zu Tumulten, Verletzten und zahlreichen Verhaftungen kam. In den Spielen danach waren von Seiten der Lazio-Fans immer wieder Sprechchöre für den Stürmer zu hören, wobei hunderte von ihnen – wie ihr Vorbild – den rechten Arm ausstreckten. Auch rechtsradikale Symbole wie das Hakenkreuz tauchen im Fanblock von Lazio immer wieder auf und der Rivale AS Rom wird mit Spruchbändern adressiert, auf denen zu lesen steht: “Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser“.

 

Schwarze Spieler, wie der französische Welt- und Europameister Patrick Vierra von Juventus Turin werden von gegnerischen Fans ausgepfiffen und mit Affenlauten verhöhnt, so bald sie den Ball berühren. Der aus der Elfenbeinküste stammende Marc Zoro vom Erstligisten Messina, von Inter-Fans als “dreckiger Neger” beschimpft konnte erst nach minutenlangen Zureden von seinen Mailänder Gegenspielern zum Weiterspielen überredet werden, womit eine weitere Eskalation und ein möglicher Spielabbruch verhindert wurde. Fans von Inter hatten beim Mailänder Derby gegen den AC Milan, dem Club des ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi, im April 2005 den farbigen brasilianischen Torwart Dida mit einem Feuerwerkskörper getroffen und verletzt.

 

Im Oktober 2004 sorgte der spanische Nationaltrainer, der frühere Fußballprofi Luis Aragonés für einen Skandal. Ein heimisches Fernsehteam filmte vor einem Länderspiel gegen Frankreich auf dem Trainingsgelände zufällig mit, wie er seinen Spieler Reyes gegen dessen Londoner Mannschaftskollegen Thierry Henry mit obszönen rassistischen Bemerkungen scharf machen wollte. Der spanische Fußballverband leitete eine Untersuchung ein und belegte Aragonés mit einer eher symbolischen Geldbuße in Höhe von 3.000 Euro, limitierte zugleich aber auch die Bewegungsfreiheit der Presse und Fernsehteams auf dem Trainingsgelände. Offenkundig das falsche Signal. Im Folgemonat wurde beim Freundschaftsspiel zwischen Spanien und England jede Ballberührung eines der dunkelhäutigen englischen Kickers von den Rängen mit Affengebrüll und Schmähgesängen verhöhnt. Dieses Mal entschuldigte sich der spanische Fußballverband RFEF in einem offiziellen Schreiben ausdrücklich bei den englischen Nationalspielern. Da die Wellen der Empörung hoch schlugen und in England Boykottaufrufe gegen spanische Urlaubsorte laut wurden, sah sich sogar der spanische Außenminister Miguel Moratinos veranlasst, seinem britischen Amtskollegen Jack Straw, „im Namen der spanischen Regierung“ um Verzeihung zu bitten und betonte dabei, dass Spanien ein „weltoffenes und tolerantes Land“ sei, in dem Rassismus nichts zu suchen habe. „Rassismus bleibt weiterhin das größte Problem im europäischen Fußball“, ließ der europäische Fußballverband UEFA nach dem Skandalspiel im in Madrid verlautbaren.

 

Das Phänomen des Fußball-Rowdytums ist jedoch britischen Ursprungs, wie der moderne Fußballsport selbst. Fans von Vereinen wie dem FC Chelsea aus London waren in dieser Entwicklung stilbildend und prägten die Welt der Fußballschläger. Es entstanden Fan-Gruppen die sich „Chelsea Headhunters“ nannten und engste Verbindungen zu Organisationen wie „Combat 18“ (die 18 steht dabei für den 1. und 8. Buchstaben des Alphabets, also für AH = Adolf Hitler) unterhielten, jener berüchtigten Schlägertruppe die als „Sicherheitsdienst“ bei Veranstaltungen der rassistischen British National Party (BNP) fungierte und bei zahlreichen Überfällen, Anschlägen und mit dem Versenden von Briefbomben an farbige Sportler mindestens sechs Menschen tötete und in diversen Stadtteilen Rassenunruhen anzettelte. Traurigste Berühmtheit erlangten britische Schläger im Mai 1985 beim Europapokal-Endspiel im Brüsseler Heysel-Stadion, bei dem vor laufenden Kameras 39 Menschen tot getrampelt wurden. Die Folgen waren weit reichend. Alle englischen Vereine wurden danach für fünf Jahre gänzlich von internationalen Pokalwettbewerben ausgeschlossen. Doch schon 1989 sorgte ein englisches Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest für eine noch größere Katastrophe. Zu viele Fans wurden innerhalb des Stadions in den Liverpool-Block hinein gelassen. Die Fahrlässigkeit der Polizei führte dazu, dass tausende Liverpool-Fans gegen den Zaun gedrückt wurden. 96 Tote und 730 Verletzte waren zu beklagen. Bloße vier Jahre nach Heysel führte die neuerliche Tragödie dazu, dass es in englischen Stadien mittlerweile nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Auch sind britische Konzepte gegen Rassismus und Antisemitismus in Stadien sehr viel effizienter als anderswo in Europa. Es hat sich eine “Kultur der null Toleranz etabliert, die dem konsequent und aggressiv entgegentritt”, so Lucy Falkner von der englischen “Football Association” (FA). Mit bis zu 3 Jahren Haft muss ein Randalierer in England rechnen, wenn er sich diskriminierend verhält oder äußert. Auch im Ausland begangene Straftaten werden entsprechend geahndet. Vereinen, die nicht entschieden genug gegen Rassismus in ihren Stadien vorgehen, drohen Punktabzug, Platzsperren oder sogar ein Zwangsabstieg. Im Zuge von New Economy hat sich die Szenerie freilich auch gerade im Ursprungsland der Hooligans enorm verändert. Die dickste Kröte hatten rechtsgerichtete Chelasea-Fans zu schlucken, als der russische Milliardär Roman Abramowitsch den Verein im Jahr 2003 kaufte und seitdem mehr als sechshundert Millionen Euro in neue, meist ausländische Spitzenspieler investierte. Die stark von Antisemitismus geprägte Konkurrenz der Londoner Chelsea-Fans zu ihren lokalen Widersachern bekam eine eigentümliche Note, waren ihnen doch die „Yids“ von Tottenham und Erzrivale Arsenal London (dessen Hauptaktionär der reiche Diamantenhändler Danny Fiszman ist) verhasst. Nunmehr hatten sie selbst einen jüdischen Besitzer, der fleißig „Afrikaner“ wie Essien oder Drogba kaufte und jüngst sogar noch Israelis wie Ben Sahar und Tal Ben Haim verpflichtete (Anm.: inzwischen ist mit Avram Grant ein Israeli auch Cheftrainer des Klubs). Das ist offensichtlich zu unverdaulich, zumal sich „Chelski“ unter der Ägide des „Öl-Zaren“ mittlerweile zum internationalen Nobelklub und Treffpunkt der Schickeria entwickelte. Es ist kein Platz mehr für Hooligans, wo nun die feine High Society mit Martinigläsern in VIP-Loungen gastiert. Die meisten Hooligans wandern in unterklassige Ligen ab, wo es noch den „echten“, nicht kommerzialisierten Sport gibt – was Schlägereien freilich mit einschließt.

 

Parallele Entwicklungen sieht man in Deutschland, wo deutsche Nationalspieler wie der in Ghana geborene Gerald Asamoah, Vize-Weltmeister von 2002, ausreichend einschlägige Erfahrungen sammeln konnten, obwohl es in der Bundesliga nur selten zu Randale oder rassistischen und antisemitischen Entgleisungen kommt. Ironischerweise ist der blonde, mehrfache Welttorhüter Oliver Kahn regelmäßiges Opfer entsprechender rassistischer Schmähgesänge, die ihn mit zugeworfenen Bananen als „hässlichen Affen“ verhöhnen, was möglicherweise auch mit seiner angeblichen, in bestimmten Fankreisen vermuteten, wohl gar nicht vorhandenen „jüdischen Abstammung“ zu tun hat. Ansonsten werden Rassismus und Gewalt wie in England verstärkt in die unteren Ligen verdrängt, wo die Mittel für Vorbeugung und Sanktionen fehlen. Fanbetreuer, Videoüberwachung, Stadionverbote? Fehlanzeige. Die viel zitierte „Weltoffenheit“ verliert sich in der Provinz. Im Dezember 2005 beispielsweise entfalteten einige Cottbusser Fans ein Transparent auf dem das Wort „Jude” zu lesen war. Das D in Juden wurde ersetzt durch den geschwungen geschriebenen Großbuchstaben, Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD. Kein Einzelfall. Selbst in Regionalligaspielen ist Antisemitismus präsent. Der Chemnitzer FC ist zu Gast beim FC St. Pauli. Bereits vor dem Spiel skandieren die mitgereisten Chemnitzer Fans Gesänge wie „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir – von St. Pauli bis nach Auschwitz“. Das Spiel selbst muss mehrere Minuten wegen Rauchbomben und Ausschreitungen unterbrochen werden.

 

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das Oberligagastspiel von Sachsen Leipzig in Halle. Immer wenn der Leipziger Spieler Ade Ogungburean an den Ball kam imitierten die Fans Affenlaute. An sich bereits ein kaum mehr erwähnenswerter Vorfall, wenn der beleidigte Spieler sich nicht seinerseits mit einem Hitlergruß an die grölenden Zuschauer gewandt hätte. Der Mob stürmte daraufhin von der Tribüne und wollte Vergeltung üben. Es kam zu Handgreiflichkeiten, bei denen Ogungburean auch persönlich von Fans geschlagen und verletzt wurde. Die Partie musste abgebrochen werden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten zunächst nicht gegen die Angreifer, sondern gegen den Spieler, doch das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Sehr zum Unmut der gegnerischen Fußball-Fans, die nunmehr sogar noch eine Bevorzugung des Afrikaners monierten: „Wir kriegen auch ein bis anderthalb Jahre aufgebrummt, wenn wir einen Hitlergruß machen.“ Wo einige Schlachtenbummler meinten, man müsse „den Nigger erschießen“, zeigten andere durchaus – globalisierungskritisch – gesehen ein gewisses exemplarisches Verständnis für dessen Situation: „Die Feinde sind nicht die Nigger, die Feinde sind die, die es ermöglichen, dass die überhaupt hier spielen können.“   

 

Tatsächlich gibt es im Fußball ausgeprägte Migrationsbewegungen vom armen Süden in den reichen Norden, analog zu den realen Flüchtlingsströmen etwa von Afrika nach Europa. Jahr für Jahr kommen tausende Menschen bei dem Versuch ums Leben, mit Schlauchbooten oder in völlig überladenen billigen Kuttern nach Europa zu gelangen ums Leben. Die spanische Guardia Civil schätzt, dass es an manchen Tagen bis zu 700 Menschen illegal versuchen das Meer zu überwinden. Experten gehen davon aus, dass mindestens die Hälfte der Illegalen, die niemand registriert und von keiner Statistik erfasst werden, im Meer ertrinkt. Weltklassespieler wie Michael Essien hingegen brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu kommen. Der Ghanaer, zweifacher Fußballer des Jahres in Frankreich wurde für 38 Millionen Euro von Lyon nach Chelsea geholt. Barcelona zahlte für den Kameruner Samuel Eto’o 27 Millionen Euro. Rund 5.000 „ballverliebte“ brasilianische Kicker spielen in Europa und längst nicht nur bei großen Spitzenklubs. Man findet sie in zweitklassigen rumänischen Mannschaften ebenso, wie in fußballerisch noch unbedeutenderen Ländern wie Albanien oder auf den Färöer-Inseln. Überall ist es besser als in den heruntergekommenen Slums von Sao Paolo oder Rio. Und wo sie erst einmal den Sprung ins Eldorado Europa geschafft haben, bekommen ihre Träume Flügel, denn die meisten Träumenden schaffen es nicht mal nach Albanien.

Doch Vorurteile und Rassismus zerstören nicht nur das Spiel, sondern auch so manchen Traum ums „runde Leder“, das pakistanischen Kinderhände für wenige Cents schon längst aus Kunststoffteilen zusammennähen, ehe sie in Europas Sportgeschäften mit Adidas-Logo und dem offiziellen Segen des Fußball-Weltverbandes FIFA, zugelassen und geprüft für 150 Euro verkauft werden.

 

Europas Fußball bleibt weiterhin das erfolgreichste und vielleicht folgenreichste Produkt jenes weltumspannenden Phänomens namens Globalisierung, das zeitgleich als Vehikel für brutalsten Rassismus und multikulturelle Völkerverständigung, für horrende Milliardengewinne und uneingeschränkte Ausbeutung, für exklusive Massenunterhaltung und soziale Verarmung auftritt. „König Fußball“ ist omnipräsent und wird in vollen Arenen inbrünstiger zelebriert als jede Religion. Als integraler Bestandteil der eigenen, der lokalen wie auch der nationalen Identität behaupten die jungen, athletischen Protagonisten stellvertretend eigene Wünsche und Träume in einer ansonsten fremden und unverständlichen Welt. Selbst entschiedene Globalisierungskritiker stellen den Fußball nicht in Frage, zu selbstverständlich nutzen auch sie die ihnen willkommenen Identifikationsmuster, sei es der Lokalpatriotismus oder die Freude an einer weltumspannenden Gemeinsamkeit. Trotzdem einige der größten Namen des Weltfußballs wie Pele, Beckenbauer, Matthäus oder neuerdings auch Beckham als Spieler und Werbeträger in den USA aktiv waren, stießen die Kicker im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ an Grenzen und konnte trotz mehrer Anläufe und einer im Land ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft nie richtig Fuß fassen. Das ist freilich nicht ohne Ironie, stehen die USA doch als angebliche Anstifter der Globalisierung oft am Pranger weltweiter Kritik. Tatsächlich aber lehnen die meisten Amerikaner den europäischen Fußball – mit bekannter globalisierungskritischer Rhetorik – als „unamerikanisch“ ab und fürchten, um eigene amerikanische Werte, wie sie Baseball, Basketball oder Eishockey verkörpern.

 

Yehuda Schenef

 erschienen im “EuroJournal pro management” Heft 4/2007)

Juli 30, 2007 at 10:45 pm Hinterlasse einen Kommentar

Eine unsterbliche Botschaft

Man könnte Mietek Pemper für vieles bewundern, ist er doch keineswegs ein rüstiger Rentner, sondern ein ebenso viel beschäftigter Geschäftsmann wie umsichtiger Autofahrer und kann im Alter von 87 Jahren auf ein langes, erfülltes Leben zurückblicken. Nicht minder voll ist allerdings auch sein Terminkalender, der ihn nebenbei bei zahlreichen Reisen von der einen Ehrung zum nächsten Vortrag führt. Vor wenigen Tagen erst wurde er in der israelischen Botschaft in Berlin mit der Carnegie-Medaille als „Held der Zivilisation“ ausgezeichnet, zusammen mit Oskar Schindler, seinem bereits 1974 verstorbenen Lebensretter. Dass er mit ihm nun auf eine Stufe gestellt wird, behagt Mietek Pemper nicht so recht, müsse zwischen ihm und Schindler doch ein Abstand bleiben, wie er betont. Es ist keine vorgespielte Bescheidenheit, wie man sie bei Preisempfängern oft vernimmt, die ein Lob zurückweisen, um zweimal gelobt zu werden, sondern Ausdruck seines Charakters, maßgeblich verantwortlich für jene ergreifende, dramatische Geschichte, die sein Leben prägte und Stoff für Steven Spielbergs mit mehreren Oscars prämierten Film „Schindlers Liste“ bot, für den Mietek Pemper dem Erfolgsregisseur als maßgeblicher Beteiligter, als Augenzeuge und beratend zur Seite stand. 1200 Namen standen ursprünglich auf der nunmehr zu Weltruhm gelangten Liste, doch rechnet man deren Nachkommen mit ein, so sind es heute bereits mehr als 6000 Menschen die dem Retter Schindler ihr Leben verdanken und mit ihnen werden es mehr werden. Viele Gründe für Pemper, um sich für die Erinnerung an den Retter einzusetzen, zu dessen 100. Geburtstag 2008 eine Briefmarke erscheinen wird. Pemper selbst hatte sich dafür stark gemacht, zunächst beim Bürgermeister Augsburgs, wo er seit 1958 lebt. Dort wurde er in diesem Jahr mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt ausgezeichnet, eine Auszeichnung die ihm 2001 bereits die Universität Augsburg zuerkannte, weil er wie es in der Laudatio hieß „maßgeblich dazu beitrug, dass aus der Auslöschung der deutschjüdischen Gemeinschaft durch den nationalsozialistischen Rassenwahn die Hoffnung auf eine schließliche deutsch – jüdischen Versöhnung erwuchs“. Diese Hoffnung verkörpert Mietek Pemper in der Tat wie kaum ein anderer und so ist er unermüdlich in seinem Bemühen, als Zeitzeuge einer finsteren Epoche uns Ahnungslosen Rede und Antwort zu stehen, und Auskunft darüber zu geben, wie inmitten einer geistigen Hochkultur ein Absturz in die Barbarei möglich war und wie er Unerträgliches ertrug.  

 

Der 1920 in Krakau gebürtige Mieczysław Pemper wuchs in einem eher konservativen jüdischen Elterhaus auf. Zwar war seine Familie nicht orthodox ausgerichtet, jedoch spielten regelmäßige Synagogenbesuche, wie auch Kontroversen über den samstäglichen Schulbesuch eine Rolle. Wie vielen anderen entging auch den Pempers nicht die bedrohlichen Entwicklungen im damaligen Europa und im deutschen Nachbarland. Wenig Zeit verging jedoch zwischen seinem Abitur und der Aufnahme seines Studiums der Rechtswissenschaften und Wirtschaftslehre bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, die den Zweiten Weltkrieg auslösten. Doch ein wieder aufflackernder Hass auf Juden war auch schon zuvor in Polen virulent und führte etwa dazu, dass noch 1938 an der Universität für jüdische Studenten separate Bänke eingerichtet wurden. Als dies zunächst von den Juden ignoriert wurde, wurden ihnen negative Zensuren für das Fehlverhalten erteilt, worauf sie den Unterricht stehend verfolgten. Mit dem deutschen Einmarsch in Polen wurden jedoch die polnischen Hochschulen für alle, auch für Nicht-Juden geschlossen.  

 

Nunmehr sollte Mietek Pemper, dessen Familie nun im Krakauer Ghetto Nachbarn der Familie Roman Polanskis waren, im Rahmen der Zwangsarbeitsverpflichtung im Büro der jüdischen Gemeinde arbeitete, zunächst vor allem davon profitieren, dass er eine deutschsprachige Großmutter in Breslau hatte und seine Sprachkenntnisse auch in der Schule in Intensivkursen weiter vertieft hatte und unter den deutschen Besatzern zum Übersetzer wurde. Der Umstand, dass er dabei die Sprache oftmals weit besser noch beherrschte und dass auch sein Polnisch anders als bei vielen polnischen Juden ohne jiddischen Akzent auskam, prädestinierte ihn wohl für seinen weiteren Weg, der ihn als Gefangenen bereits früher erkennen ließ, in welche Richtung sich alles entwickeln würde, als andere noch nicht einmal begriffen hatten, dass sie nunmehr Gefangene waren. Sein akademischer Sachverstand wie auch sein exzellentes Gedächtnis, dass ihn auch heute noch nicht ihn Stich gelassen hat und es ihm ermöglicht, im Gespräch wortgetreue Dialoge wiederzugeben, ermöglichte es ihm in einem Umfeld zu überleben, in dem ein einzelnes Menschenleben nichts mehr Wert war. Dies kristallisierte sich umso mehr heraus, als Pemper 1943 schließlich Sekretär von Amon Göth, dem zwölf Jahre älteren Leiter des KZ Plaszów bei Krakau wurde. Der Wiener Göth sammelte „Erfahrungen“ in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka, ehe er Ende 1942 die Liquidierung des Krakauer Ghettos durchführte und im Februar 1943 die Kommandantur über das KZ Plaszów übernahm. Seinen Spitznamen Schlächter von Plaszow bekam Göth, der ca. 1,92 Meter groß und 120 kg schwer war, für seine Vorliebe, morgens mit einem Präzisionsgewehr auf KZ-Häftlinge zu schießen oder sie von seinen beiden Hunden, der Dogge Rolf und dem Schäfermischling Alf zerfleischen zu lassen. Wenigstens 500 Menschen brachte er eigenhändig um. Jedes Mal nachdem Göth einen Menschen ermordetet hatte, forderte er zusätzlich noch die Karteikarte des Ermordeten an, um schließlich auch dessen Verwandte töten zu lassen, da er keine „unzufriedenen Leute” in „seinem“ Lager haben wollte. Für den schmächtigen, wesentlichen kleineren Mietek Pemper war der tagtägliche Umgang mit Göth folglich ein Tanz auf dem Vulkan, denn jede Kleinigkeit oder Laune hätte für den „Sekretär“, Stenograph und Übersetzer jederzeit tödlich enden können – und nicht nur für ihn. Welche Selbstdisziplin und Konzentration es dabei erforderte von früh bis spät unter unmittelbarer Todesangst und beständiger Lebensgefahr in den Diensten eines gewissenlosen, kaltblütigen Mörders fehlerlos und sorgsam zu arbeiten, kann man kaum nachvollziehen, doch Mietek Pemper vollbrachte dieses „Kunststück“ und sammelte in seiner Tätigkeit, die ihn mit vielen geheimen Dokumenten in Kontakt brachte, wertvolle, lebensrettende Informationen und manches mal gelang es ihm sogar, den intellektuell weit unterlegenen Göth zu beeinflussen und so beispielsweise die in den meisten anderen Konzentrationslagern übliche Tätowierungen mit rein technischen Argumenten auszureden. „Göth lebt wie ein Pascha, während unsere Soldaten im Osten sterben“, zitiert Pemper dessen SS-Untergebene. Diese zeigten ihn schließlich auch wegen persönlicher Bereichung und Unterschlagung von „Reichseigentum“ an, wozu alles gerechnet wurde, was das Regime selbst Juden und anderen unter der Besatzung geraubt hatte. Göth wurde daraufhin am 13. September 1944 in Wien von der SS verhaftet, jedoch kam es bis zum Kriegsende nicht mehr zum Prozess. Als Pemper nun unter die Obhut des Industriellen Oskar Schindlers kam, war es als ob er nach einem Teufel einem Engel diente. Ein Engel im klassischen Sinne war Schindler freilich nicht. Der wie Göth 1908 geborene sudetendeutsche Fabrikantensohn war angeblich noch vor der deutschen Besetzung und Zerschlagung der Tschechoslowakei Agent für den Geheimdienst unter Wilhelm Canaris und wurde, enttarnt für den Verrat tschechischer Eisenbahngeheimnisse wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Lediglich der deutsche Einmarsch rettete ironischer Weise den späteren Lebensretter das Leben. Die Uniformen für den von den Nazis inszenierten Überfall Polens auf den deutschen Sender Gleiwitz, den das Nazi-Regime der Weltöffentlichkeit als Grund für den Angriff auf Polen anführte, hat nach den Ergebnissen des US-amerikanischen Holocaust-Forschers David Crowe niemand anderes als Oskar Schindler besorgt. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen begab sich Schindler sodann auch in der Absicht, geschäftlich davon profitieren zu können, nach Krakau und übernahm im Oktober 1939 eine Emailwarenfabrik, die zuvor einem Juden gehört hatte. Die kleine Fabrik in Zablowic nahe Krakau, die nunmehr Küchengeräte für die Wehrmacht herstellte, wuchs rasant und beschäftigte Ende 1942 bereits etwa 800 Gefangene – rund die Hälfte von ihnen stammte aus dem Krakauer Ghetto. Schindler, ein Lebemann und Glücksspieler, genoss das Leben in vollen Zügen, war dem Alkohol zugeneigt und hatte zahlreiche Affären, wobei Pempers Einschätzung gemäß die Initiative meist von den Frauen ausging. Was ihn nun aber von den zahlreichen anderen Kriegsgewinnlern unterschied, war vor allem die menschliche Behandlung seiner Arbeiter. Nach und nach wandelte sich seine ursprüngliche, schnöde Absicht, sich zu bereichern, zu dem ebenso bemerkenswerten wie gefährlichen Anliegen, so vielen Juden wie möglich das Leben zu retten. 

 

Im März 1943 wurde das Krakauer Ghetto geräumt und die verbliebenen Juden in das Arbeitslager Plaszow gebracht. Er überzeugte seinen Saufkumpan Göth, ihm die Einrichtung eines privaten Unterlagers für seine jüdischen Arbeiter bei seiner Fabrik zu erlauben, wo er ihnen auf dem Schwarzmarkt erworbene Lebensmittel zu den Ernährungsrationen bot. Als es nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad zu einem Wechsel in der Politik der Nationalsozialisten kam, war dabei die Einstufung seiner Fabrik als „kriegswichtige Produktion“ ausschlaggebend, die ihm von der deutschen Militärverwaltung des besetzten Polens eingeräumt worden war. Dabei profitierte Schindler auch maßgeblich von Pempers reichhaltigem Insiderwissen. Aufstellungen über alle technischen Anlagen wurden vorgenommen und aufgelistet, für welche Fabrikation sie eingesetzt und welche als „kriegswichtig“ gelten konnte. Schindler trickste nun, fälschte Papiere und gab sogar Kinder oder Akademiker als qualifizierte Metallarbeiter aus, was ihn oftmals unter den Verdacht brachte, seine jüdischen Häftlinge zu begünstigen und in Konflikt mit der Gestapo brachte. Mit dem immer weiterreichenden Vorstoß der Roten Armee und der damit einhergehenden „Liquidierung“ zahlreicher Lager wurde die ohnehin unfassbare Situation immer bedrohlicher, da nunmehr der Weg vieler direkt in die industrielle Vernichtung Auschwitz’ führte. Schindler und seinen Helfern gelang es aber nach und nach immer noch mehr Juden auf seine Liste zu bekommen und sie oft unter dramatischsten Umständen zu retten – unter anderem gelang es, in Auschwitz die Freilassung von Frauen auszuhandeln, indem der Gestapo 7 Mark pro Tag und Kopf versprochen wurden, der einzige dokumentierte Fall, in der eine größere Gruppe das Vernichtungslager verlassen konnte, solange es in Betrieb war. Bis zuletzt rechtfertigten Schindler und seine Frau Emilie die Wichtigkeit ihrer Juden und des Betriebs für den deutschen „Endsieg“, an dem zu Beginn des Jahres 1945 allenfalls noch Wahnsinnige glauben konnten.  

 

Während Schindler in den letzten Kriegstagen sich nach Deutschland durchschlug, kehrte Mietek Pemper nun nach Krakau zurück, wo er davon erfuhr, dass auch seine Mutter unter glücklichen und ungewöhnlichen Umständen überlebte, als nämlich SS-Führer Heinrich Himmler, ohne Wissen Hitlers seinen persönlichen Masseur, den in Estland geborenen Felix Kersten, der häufig nach Schweden reiste, beauftragte, dort Kontakte zu einem Vertreter des Jüdischen Weltkongresses anzubahnen. Als Gegenleistung für die Freilassung jüdischer KZ-Häftlinge sollte der Kongress die US-Regierung dazu bewegen, Deutschland ihrerseits gewisse Konzessionen zu machen, die den ersten Schritt zu einem erhofften Waffenstillstand an der Westfront darstellen sollten, überzeugt, dass Briten und Amerikaner eine sowjetische Vorherrschaft in Europa nicht hinnehmen und früher oder später eine Übereinkunft mit Deutschland suchen würden, um den weiteren Vormarsch der Roten Armee in Europa zu stoppen. Im Februar 1945 traf sich Kersten in Stockholm mit einem hochrangigen Delegierten des Jüdischen Weltkongresses, Hillel Storch, der ihm zu Händen Himmlers eine Liste mit Forderungen übergab. Dazu gehörte als wichtigster Punkt die Freilassung zumindest eines Teils der noch in KZs inhaftierten Juden.


In der Nachkriegszeit vollendete Pemper sodann sein Studium in Krakau als Magister in Ökonomie und war zuvor noch ab dem Sommer 1945 Dolmetscher und Zeuge bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Polen, u.a. auch als Hauptzeuge im Prozess gegen Amon Göth, der nun wegen seiner Verantwortung für die Ermordung von mehr als 8.000 Menschen allein im Lager Plaszow, weiterer 2.000 Menschen bei der Liquidierung des Ghettos in Krakau-Podgórze am 13. und 14. März 1943 sowie bei Hunderten von Morden bei der Auflösung der Ghettos in Szebnie und Tarnów angeklagt wurde. Die Amerikaner hatten Göth an die Polen ausgeliefert, weil sie befanden, dass sich sein „Wirken“ fast ausschließlich auf das polnische Territorium beschränkte. Beim Verlesen der Zeugenliste in der Anklageschrift hatte er nach dem Zeugnis des Chefanklägers Dr. Jan Sehn wörtlich ausgerufen: „Was? So viele Juden? Und uns hat man immer gesagt, da wird kein Schwanz übrig bleiben“. Göth gab an „nur Befehle“ befolgt zu haben, doch Pemper sagte als zwölfter Prozesszeuge aus, dass Göth ganz offensichtlich auch ohne Befehl Menschen getötet hat, auch weil es schlicht unmöglich war, dass er sich für jeden einzelnen Fall der Tötung die Genehmigung seiner vorgesetzten Behörde hätte holen können. Göth, dessen Verteidigung damit in sich zusammen brach, wurde vom Gericht in Krakau zum Tode verurteilt und gehängt. Die Nachricht von seinem Todesurteil wurde in der ganzen Stadt plakatiert und auch seitens der polnischen Bevölkerung mit großer Beachtung aufgenommen.  
Mietek Pemper blieb bis zum Tod seiner kranken Mutter, die er pflegte, in Polen und übersiedelte hernach 1958 nach Deutschland, wohin er seinem Bruder folgte. Während dieser jedoch nach Hamburg verzog, blieb Pemper letztlich dann doch in Augsburg, wo er am Fuße des Judenbergs unweit des früheren mittelalterlichen jüdischen Viertels bis heute in seinem Büro als Unternehmensberater und Immobilenhändler tätig ist. Auch mit Oskar Schindler hatte er wieder zu tun. Schindler, von dem Pemper sagt „er war ein außergewöhnlicher Mensch aber nur für außergewöhnliche Zeiten“, lebte zunächst fünf Jahre in Regensburg, ehe er sich in Argentinien erfolglos als Tierzüchter und Fellhändler versuchte und schließlich nach seiner Rückkehr 1961 bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main und abwechselnd in Jerusalem wohnte. Pemper bemühte sich damals auch darum, seinem Beschützer und Retter, der in den letzten Kriegsjahren sein gesamtes finanzielles Vermögen aufbrauchte, um seine Arbeiter vor dem sicheren Tod in Sicherheit zu bringen, finanzielle Entschädigung für seinen Fabrikbesitz zu erzielen. Doch in der frühen Nachkriegszeit konnte man manches Mal den Eindruck gewinnen, als wäre dies leichter gewesen, wenn man nicht 1000 Juden gerettet, sondern getötet hätte. Über die heute so berühmte Geschichte sprach Pemper in den ersten Jahrzehnten kaum und schon gar nicht öffentlich. Auch als er im April 1993 auf Einladung von Spielberg bei den Dreharbeiten in Krakau war, fragte er sich, wie der Film besonders in Deutschland wohl ankommen würde und rechnete damit, dass er ebenso ignoriert würde wie das Buch des Australiers Thomas Keneally, auf dem Spielbergs Film basiert. Hier irrte sich Pemper, der im Film mit seinem Freund Itzak Stern zu einer Person vereint wurde, nur einmal kurz wird beim Verlesen einiger Namen der Liste zur Einblendung einzelner Darsteller auch kurz der Name Mietek Pemper erwähnt. Damit beginnt natürlich auch die Frage nach der Authentizität des Films und den Schwierigkeiten komplexe Sachverhalte unter oft völlig chaotischen mitunter aber auch absurd pedantischen Bedingungen zu vermitteln. Schon um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu überfordern war es nach Spielbergs Auffassung erforderlich sich auf wenige Protagonisten zu konzentrieren. Aus Gründen der Dramaturgie hatte er auch die Entstehung der Liste stark vereinfacht dargestellt. Im Film diktiert sie Schindler sie einfach. Aber 1000 Namen mit Geburtsdatum, Beruf usw. auswendig aufzusagen, wäre nicht möglich gewesen. Tatsächlich wurde daran jedoch in der Lagerkommandantur viele Tage lang bearbeitet. Andererseits aber sparte der Film natürlich auch reale Szenen aus, wie etwa die Zerfleischung von Menschen durch Hunde, die einem breiten Publikum nicht zu vermitteln wären. Pemper selbst wurde auch von einem dieser Hunde am Ellenbogen gebissen und er zeigt während des Gesprächs seine noch heute sichtbare Wunde. Damals musste er weiter in Göths Schreibstube arbeiten. Film und Wirklichkeit haben also durchaus eine unterschiedliche Färbung, doch wer außer den Zeitzeugen weiß es noch? Anders als rein dokumentarischen Werken, gelang es Spielbergs Film aber eben auch ein Publikum von inzwischen 200 Millionen Menschen zu erreichen und eine Breitenwirkung zu erzielen, die sonst nicht möglich wäre. 

 

Mietek Pemper, der Mann der in seinem langen Leben vielen Mächtigen und Ohnmächtigen, machtbesessenen und – missbrauchenden Menschen begegnet und trotzdem vor allem er selbst geblieben ist, ist es heute vor allem ein Anliegen, dass man versteht, wie diese Ereignisse damals möglich waren und so nutzt neben seinem Buch das er geschrieben hat, bei häufig strapazierten Stimmbändern seine Kraft, um in Vorträgen zu erzählen von seiner Geschichte, von Schindler und von jener Zeit, die für uns jungen Generationen oft in Metaphern und Begriffen hängen bleibt. Zwar ist er unverheiratet und kinderlos geblieben, doch vielleicht kann man in einem bestimmten Sinne die Nachkommen der „Schindler-Juden“ auch als seine Kinder ansehen, jedoch ist Pemper wie auch immer keineswegs ein Opfer oder Gefangener seiner Erinnerungen, sondern ist trotz seines fast biblischen Alters geistig vital, vielseitig interessiert und belesen und man kann sich kaum ein Thema denken, bei dem er nicht informiert mitreden und etwas Kluges mit feinsinnigem Humor anzumerken versteht, häufig natürlich in Form von Geschichten und Anekdoten, die er im Laufe seines Lebens aufgesogen hat. Das kann sich auf Napoleon beziehen oder auf Goethe, etymologische Erklärungen über den slawischen Ursprung des Namens Porsche oder aber Betrachtungen über das mittelalterliche Augsburg, immer wieder auch lateinische Zitate, die er noch aus seiner Schulzeit kennt oder aus Werken der Weltliteratur, die er im Original gelesen hat … und wenn sein Gedächtnis ihn ausnahmsweise doch einmal etwas im Stich lässt, so steht auf, geht zu einem Bücherregal und weiß zumindest ganz genau, wo er nachschlagen muss. So ist er natürlich auch informiert über die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und macht sich auch manche Sorge über die Zukunft der jüdischen gemeinden in Deutschland. Er weiß von der Bedrohung die mitunter auch von radikalen Islamisten für Juden ausgehen, bringt seine Sorgen dazu aber nicht ohne Gegenbeispiel zum Ausdruck. Als er kürzlich in München einen Vortrag vor Schülern hielt, stand am Ende eine Gruppe geschlossen auf und ging Richtung Ausgang. Dort standen sie dann eine Weile abseits und warteten, sprachen mit dem Lehrer. Dieser kam später zu Mietek Pemper, der das Verhalten zunächst nicht einschätzen konnte, und erzählte ihm, dass diese Schüler Muslime waren und ihn baten, Pemper für seinen Vortrag zu danken. Deutschen Schülern schärft Pemper immer wieder ein, dass das Nazi-Regime nicht nur jüdische Menschenleben kostete und stellt immer wieder fest, dass nur wenige von ihnen auch nur ahnen, dass auch Millionen Deutsche im Krieg ums Leben kamen, sondern oft nur Erfolgsgeschichten über Blitzkriege verinnerlicht haben. Diese Unbedarftheit beunruhigt ihn. Der Historiker Ian Kershaw sagte eins, dass der Weg nach Auschwitz mit Gleichgültigkeit gepflastert war („… was paved with indifference“). Die Antwort des kleinen, bescheidenen Mannes darauf besteht darin zu reden und zu vermitteln, auch wenn es erkennbar ist, dass sein Kraftaufwand dafür enorm ist. Doch scheinbar genügen ihm kleine Momente der inneren Ruhe, um aus der Erschöpfung mit einer lustigen Anekdote oder einem Witz das Gespräch immer wieder aufzunehmen. Einzig die Frage danach wie sehr Spielbergs Film sein Leben verändert hat, veranlasst ihn zu einem längeren Schweigen. Eine dumme Frage vielleicht, aber er kontert sie nach einigem Überlegen … natürlich mit einem Witz.  

 

         Yehuda Schenef und Jan Stern

(Juli 2007)

(als Artikel erschienen im “eurojournal pro mangement” 02/2007)

Juli 25, 2007 at 12:23 pm Hinterlasse einen Kommentar

Ältere Artikel


Kategorien

 

Januar 2012
S M D M D F S
« Dez    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Blog Stats

  • 2,227 hits

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.