FDP Europa Wahlkampf in Augsburg

27th of May 2009 - Augburg, Rathaus Platz

Europawahlkampf der FDP "Für Deutschland"

Europawahlkampf Mai 2009

"immer wieder gerne in ... Augsburg"
Add comment Oktober 23, 2009
Bitte lächeln..!
In Franz Lehars Operette „Land des Lächelns“ wird das Dauerlächeln als Eigenschaft den Chinesen zugeschrieben. Dort heißt es: „Und wenn uns Chinesen das Herz auch bricht, wen geht das was an, wir zeigen es nicht. Immer nur lächeln, immer vergnügt, immer zufrieden wie immer’s sich fügt.“ Trotzdem der durchschnittliche Chinese von dieser Zuschreibung mangels Operettenkenntnis in der Regel keine Ahnung hat, ist diese die äußere Form wahrende Freundlichkeit bei uns zum Sinnbild und sprichwörtlichen Charakter der Chinesen geworden. Mittlerweile ist das Lächeln freilich ein globales Markenzeichen und so verwundert es auch nicht, dass es überall Ratgeber, Seminare, Kurse, Lektüren, Videos und dergleichen mehr gibt, die uns Nachhilfe in dem geben wollen, was wir offenbar in Elternhaus und Schule nicht fürs Leben gelernt haben, oder zumindest nicht ausreichend. Heilpraktiker, Motivations- und Mentaltrainer suggerieren uns eine Art Lächel-Defizit, das eine Schwäche, wenn nicht gar ein Defekt ist, ohne welchen wir im Leben viel besser zurecht kämen.
„Ein Lächeln hätte genügt“, ist ein oft gehörte Klage.
Wir wundern uns mit einer gewissen Verärgerung darüber, warum die gestresst wirkende Verkäuferin im Supermarkt nicht immer lächelt. Immerhin ist das ihr Job und sie bekommt dafür 4.40 Euro netto die Stunde. Oder die Bedienung im Restaurant, die gerade 20 Cent Trinkgeld bekam. Ist das nicht wenigstens ein Lächeln wert? Es fehlen ihr doch nur noch 14 weitere Leute wie wir und sie kann sich selbst eine Tasse Kaffee genehmigen. Sicher, sie kann den auch billiger haben, aber das könnten wir auch.
„Optimismus kann man lernen“
Das behaupten zahlreiche Motivationstrainer, die nicht weniger bemüht sind uns zum Lächeln zu bringen wie Zirkus-Clowns oder Kabarettisten. Doch mittels stetig lächelnder Werbeträger, die uns in Zeitungsanzeigen und Fernsehspots den Eindruck vermitteln, die bloße Nähe zu einem bestimmten Joghurt, einer Schokoladentafel oder einem Auto könnte unser Leben aufheitern, sind wir längst darauf abgerichtet, immer zu lächeln, oder doch wenigstens von anderen ein Lächeln zu erwarten. Mehr noch als unterbezahlte Arbeitskräfte könnten noch Langzeitarbeitslose von einer Image-Beratung profitieren. Zeit genug hätten sie vielleicht, um zumindest im Fernsehen zu verfolgen, wie selbst in Verlegenheit geratene korrupte Politiker und Wirtschaftsvertreter allerwenigstens dann noch über ein gewinnbringendes Lächeln verfügen und so (neben Schulden) zumindest doch einen positiven Eindruck hinterlassen.
Das inzwischen längst zum gesellschaftlichen Ideal stilisierte grundlose Lächeln ist in der Psychologie freilich ein typisches Merkmal einer ausgeprägten Schizophrenie. Es ist dieses bestimmte, oft sehr sanfte, milde, „wissende“ Lächeln („bland smile“), bestens geeignet für stille Menschen in Gruppen oder auf Fotos. Kunstkenner schätzen es im Ausdruck der Mona Lisa. Fast immer hinterlässt es ausnahmslos positive Eindrücke, aber nicht selten verbirgt sich dahinter eine ernsthafte Psychose. In seltenen extremen Fällen kann sich hinter diesem Lächeln ein Serienmörder verstecken, wie etwa Ed Gein, das berüchtigte Vorbild für Filme wie „Psycho“ oder „Schweigen der Lämmer“, dem man wegen seiner Freundlichkeit seine brutalen Morde nicht zutraute. Auch dann noch nicht, als er am Stammtisch Witze darüber machte. Zahlreiche andere stets lächelnde Psychopaten, wie zuletzt etwa der „Amokläufer“ von Winnenden, waren und sind „immer nett und zu allen freundlich“. Zu fast allen.
Doch abseits der Frage, wie es sinnvoll ist, Psychopaten wegen ihres Lächelns nicht mehr zu erkennen, stellt sich die weitere, welchen wirklichen Vorteil wir nun im Alltag von einem überall angepriesenen „gewinnbringenden Lächeln“ haben, das uns genauso „natürlich“ zu eigen sein soll wie die gut sitzende Markenkleidung?
Wer hier den motivierenden Ratgebern Geld und Glauben schenkt und meint, dass sich durch Dauerlächeln außer einer Schizophrenie etwas entwickeln lässt, der kann ebenso gut darauf vertrauen, mittels Augenzwinkern eine Roulette-Kugel zu beeinflussen, um auf diese Weise reich zu werden.
Beruflich verordnetes Dauerlächeln macht krank.
Besonders gefährdet sind nach Untersuchungen von Psychologen der Frankfurter Universität Stewardessen, Verkäufer und Mitarbeiter von Call-Centern, von denen gegenüber Kunden zuvorkommendes „zwanghaftes Vorgeben“ von Freundlichkeit sogar vom Arbeitgeber verlangt werde. Ihnen drohten beispielsweise Depressionen und Herz-Kreislauferkrankungen. Gemäß dem Emotionsforscher Prof. Dieter Zapf ist „Nettsein wider Willen purer Stress“. Wie sich dauerndes Lächeln abseits des Berufslebens in unserem Alltag auswirkt, ist hingegen unerforscht und das wird vermutlich auch so bleiben. Schließlich wissen wir, dass wir in unserer Freizeit Spaß haben müssen, um das Leben genießen zu können. Nicht zuletzt deshalb fordern wir selbst Familienmitglieder und gute Freunde zum „bitte Lächeln“ auf, wenn wir sie für unsere Fotoalben ablichten. Anders könnten wir sie auch kaum in guter Erinnerung zu halten. Wie sollte das auch gehen?
Vielleicht gibt es uns zu denken, das anders als beim Menschen Lächeln in der Tierwelt seltsamerweise keineswegs als Zeichen der Freundlichkeit gilt, sondern als Zeichen der Unterwerfung, wenn nicht gar als Drohung (die Zähne zeigen) zu verstehen ist. Daran ändern in der Praxis auch Cartoons und Trickfilme nichts, wie jüngst eine Frau im Berliner Zoo lernen musste. Sie sprang in das Gehege der niedlichen Eisbären und wollte mit ihnen schmusen. Diese deuteten ihr Lächeln offenbar falsch und verletzten sie lebensgefährlich. Die Frau wurde als geistig verwirrt eingestuft. Das verstehe wer will.
Add comment April 20, 2009
Bittere Medizin für Hasenherzen
Who ever wanted to have a loan, knows that banks ask, what collateral, reserves or equity capital you have. Questions that now the banks themselves have to be answered. Ironically governments actually are trying to find solutions for problems they have brought on the banks. This sets a thief to catch a thief. The remedy applied are bitter pills we all have to swallow.

Wer schon mal einen Kredit haben wollte, weiß, dass Banken gewöhnlich danach fragen, welche Sicherheiten, Rücklagen oder Eigenkapital man hat. Fragen, die nun die Banken selbst zu beantworten müssen. Ironischer weise versuchen nun Regierungen diese Fragen zu beantworten und Lösungen für Probleme zu finden, die sie selbst verschuldet haben. Der Kreditmarkt ist ein Angebotsmarkt und Geld will fast jeder. Wenn Kredite billig, jedoch ohne eingehende Bonitätsprüfung zu haben sind, dann werden sie natürlich auch von jenen genommen, die sie sonst nicht bekommen würden. Von „maßlosen Bankern“ zu sprechen ist ebenso verfehlt wie von einer „gierigen Mittelschicht“. Schließlich gab keine Massendemonstration von Kreditwilligen, die Banken belagerten, um günstige Immobilienkredite zu erhalten. Die Idee einen „Subprime-Markt“ für weniger solvente Kunden zu schaffen, entstammt der Clinton-Ära. Anstelle eines ökonomisch stabilen Eigenheimprogramms das Häuser für Mittellose finanzierte, wurden riskante Kredite vergeben, fehlbewertet und weiterverkauft. Dies geschah unter dem bewusst in Kauf genommenen Risiko der mangelnden Bonität der Neukunden. Das Programm veranlasste die US-amerikanische Zentralbank ( FED) den privaten Banken Geld zu geben und entsprechende Kunden zu werben. Dies sollte die US-Wirtschaft ankurbeln und sich selbst tragen. Sozusagen ein Wirtschaftswachstum auf Pump. Zusammen mit erhöhten Steuern und abgesenkten Staatausgaben, insbesondere im Sozialbereich hatten die „Clintonomics“ Erfolg und einen ausgeglichen Staatshaushalt hinterlassen. Möglich wurde dies auch durch zunehmende Investitionen ausländischer Geldgeber, die nun auf den US-Markt drängten, um als Geld- und Kreditgeber am Clintonschen Wirtschaftswunderland teil zu haben. Saudische Ölscheichs, japanische Großbanken und nicht zuletzt auch Europäer karrten ihre Gelder Containerweise in die USA, um Kreditnehmer der unteren Mittelschicht aus den Vorstädten beim Häuslebau zu helfen. Diese wiederum wurden von den verlockenden Angeboten (vom Staat gefordert und gefördert!) verführt, die finanzierbaren Pläne nach bezahlbaren Wohnungen und kleinen Anschaffungen gegen die Aussicht auf privates Eigentum einzutauschen. Hätten die Banken so gehandelt, wie sie es ohne staatliche Vorgaben üblicherweise tun, wäre die Mehrzahl dieser „faulen Kredite“ nie vergeben worden. Alles schien ganz fabelhaft zu funktionieren, da die US-Wirtschaft boomte, während in Europa die Massenarbeitslosigkeit grassierte. Doch dann kam der 11. September 2001 und mit ihm der Zusammenbruch des Fortschrittglaubens. Rasch bröckelte das Vertrauen in die sog. New Economy und das virtuelle Wachstum zahlreicher Dot-Com-Firmen erwies sich als Luftblase. Der Dollar triumphierte zunächst über den neu eingeführten Euro, so wie Bush über Saddam Hussein. Letzterer hortete im Erdloch in den er ergriffen wurde bezeichnender Weise stapelweise 100 – Dollar-Noten. Doch seinem Beispiel wollte niemand folgen. Die US-Regierung unter George W. Bush sah sich zum weltweiten Kampf gegen den Terror berufen und verpulverte Milliardensummen im arabischen Sand. Doch stieß dieser militärische Kampf international auf, sagen wir mal, geteiltes Echo und zahlreiche Anleger der restlichen Welt investierten nun lieber in den Euro als in den Dollar – auch in der Hoffnung, auf diese Weise den Dollar und somit die USA-Wirtschaft zu schwächen, die andererseits aber in der eigenen Handelsbilanz vom niedrigen Dollar-Kurs profitierte. Das „kalkulierte Risiko“ des Subprime-Markts ging als Rechnung nun solange auf, solange die Kreditnehmer dazu in der Lage waren, ihre Kredite auch zurückzubezahlen. Steigende Kreditzinsen und explodierende Energiepreise machten dem aber nicht nur einen Strich durch die Rechnung. Die betroffenen US-Banken gingen ihrerseits nun dazu über, Teile dieser „faulen Kredite“, verbunden mit „regulären“ als collateralized debt obligations (CDO) mit attraktiven Ratings auszustatten und an ausländische Banken und Institute zu verkaufen. Diese griffen begierig zu, sahen sie doch die einmalige Chance im vordergründig boomenden US-Immobiliengeschäft Fuß zu fassen. Japanische, arabische, europäische Banken, darunter nicht wenige staatliche Landesbanken aus Deutschland sahen bei weiterhin künstlich erhöhten Immobilienpreisen auch kein unkalkulierbares Risiko. Mit den Immobilien selbst als Sicherheit sollten solide Käufer gewiss kein Problem sein. Diese blieben freilich aus. Die nun ab 2006 einsetzende Welle an Zwangsversteigerungen brachte den Banken erhebliche Verluste ein, da ein allgemeiner Preisverfall damit einherging. In der Folge nun stimmten die Zahlen der Banken, die mit überteuerten Assets bilanziert hatten natürlich nicht mehr mit der nüchternen Realität überein. „Gewinnwarnungen“ alarmierten Anleger und Banken wie Rückversicherer begannen einander im Interbankenmarkt zu misstrauen und schließlich platzte die Blase. Banken wurden zahlungsunfähig, gingen pleite, wurden aufgekauft oder zumindest teilweise verstaatlicht, während die Aktienkurse weltweit im Sinkflug waren. Wie immer wenn etwas ordentlich schief läuft stellt sich die Schuld-Frage und diese wird bereitwillig mit der allseitigen Anklage des „kapitalistischen Systems“ beantwortet. Das ist populistisch und kommt gut an, verschweigt aber, warum etwa deutsche Politiker, die in den Aufsichtsräten der beteiligten staatlichen Banken saßen, jede eigene Verantwortung verleugnen und stattdessen Manager weit weniger betroffener privater Banken an den Pranger stellen und Debatten über deren Haftung und Bezüge anzetteln. Der Staat hatte massiv lenkend und verzerrend in den Markt eingegriffen (und damit die Gier jener Banker, die er nun als Ursache des Problems ansieht, verschuldet.. Die nun in den USA und in der EU aufgelegten Rettungspläne in utopischen Milliardenhöhen sind dabei nun aber keine Lösung des ursächlichen Problems, sondern schlicht die massive Erhöhung jenes Medikaments, das den Markt vergiftet hatte. Kapitalismus, bzw. Marktwirtschaft, basiert jedoch auf Freiheit und Eigentumsrecht. Die massive Umverteilung von Eigentum durch den Staat zur Ankurbelung der Konjunktur ist genaue das Gegenteil einer freien Marktwirtschaft. Die in Europa als erz-kapitalistische geltende US-Wirtschaft hat sich von den Prinzipien des freien Marktes aber schon seit Roosevelts „New Deal“ im Prinzip verabschiedet. Immer dann wenn es zu einer Konjunkturdelle kam, griff der Staat ein, um den Markt mit Geld zu Investitionen anzuregen. Das entspricht vielmehr einer staatlichen Planwirtschaft als einem „zügellosen Kapitalismus“. Eine Privatisierung der Post etwa ist in den USA kein Thema. Der United States Postal Service ist und bleibt ohne Diskussion in Staatsbesitz. Als Ende der 80er-Jahre US-Sparkassen zu Hunderten kollabierten, sprang bereits der Staat ein, was US-Steuerzahler 125 Milliarden Dollar kostete. Bereits 2003 nach den Bilanzskandalen bei Enron vertrieb die Bush-Regierung mittels vor Überregulierung strotzenden Gesetzen zahlreiche börsennotierte Unternehmen von der Wall Street. Nun folgt mit der De-facto-Verstaatlichung der ohnehin einst staatlichen Unternehmen Fannie Mae und Freddie Mac „die größte Nationalisierung in der Geschichte der Menschheit“, die der Ökonom Nouriel Roubini als „den radikalsten Regimewechsel in der globalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte“ beklagt. Die USA seien auf dem besten Wege, sich russischen Verhältnissen anzugleichen, weitere Forderungen an Moskau sich dem freien Markt zu öffnen, seien überflüssig. Und in Deutschland? Es stellt sich schon mal die Frage, wie der Staat überhaupt Gebühren für seine „Garantien“ bemessen will, wenn er die Bonität der besicherten Banken nicht kennt. Die Bundesregierung wird sich mit 80 Milliarden Euro an klammen Banken beteiligen, also eine Teilverstaatlichung betreiben. Verstaatlicht werden logischerweise nur die miesen Banken und Geschäfte der Staat selbst wird dadurch das was er anderen vorwerfen will: zum Zocker. Ganz so als ob die Pleiten diverser Landesbanken und der KfW noch nicht reichten. Sicher ist es vorstellbar, dass diese Banken irgendwann auch wieder reprivatisiert werden könnten. Zu wahrscheinlich ist dies nicht. Der Weg aus der Krise: Nicht mehr Staat, sondern weniger Staat ist die Lösung. Wenn der Preis hierfür eine Wirtschaftskrise ist, dann muss er bezahlt werden, denn die Krise kommt früher oder später, nur wenn sie früher kommt, ist ihr Ausmaß geringer. Banken, Kunden, aber auch Politiker müssen (aufs neue?) lernen, dass es kein einklagbares „Naturrecht auf Gewinn“ gibt. Das meiste im Leben muss man sich erarbeiten. Und wie immer im Leben gibt es Aufs und Abs. Mal gewinnt man, mal verliert man. Besitz und Geld verschwindet nicht im Jenseits, es gehört nur einem anderem. Dieser Andere ist nicht selten der Staat. Andre Kostolany, der berühmter Börsenfachmann, sagte einst, die Börse habe ein Hasenherz. Damit brachte er jene hasentypische Eigenschaft ins Gespräch die meist als Feigheit oder übertriebene Furchtsamkeit gedeutet wird, andere aber als Wachsamkeit und Vorsicht werten. Hasen sind abgesehen davon aber auch dafür bekannt, sehr schnell zu sein, wenn es darum geht, sich vor Gefahren in Sicherheit zu bringen. Dabei sind sie dazu in der Lage für ihre Verfolger oft verwirrende Haken zu schlagen und Richtungsänderungen vorzunehmen. Nicht wenige neigen nun selbst zur Angst, vor den „Börsianern“ und blasen zur Hasenjagd auf die bösen Spekulanten. Und die Hasen selbst? Sie zerstreuen sich in alle Winde und suchen sich sichere Höhlen, sprich lukrative Anlagen und „bunny money“ und sie tun, was Hasen eigentlich am besten können: sich munter vermehren, so wie eh und je.
(Oktober 2008, erschienen im EuroJournal 4/2008)
Add comment Oktober 25, 2008
Sicher ist sicher
Just in case: What will happen if you are going to install an alarm system, perhaps with motion detectors and a video surveillance facility in your house or garden, but your neighbor is responding aggressively and is threatening with retaliation? You would think the behavior of your neighbors would be absurd. In this very manner is the Russian response to the projected missile defense. The “West” must be politely but firmly to protect Russia’s former allies.
Fühlen Sie sich bedroht, weil es in Ihrer Nachbarschaft gelegentlich zu Überfällen, Belästigungen, Vandalismus oder Einbrüchen kommt? Dann liegen Sie wahrscheinlich im Trend, denn die Sicherheitsbranche erlebt in den letzten Jahren einen regelrechten „Boom“, wie nicht nur Umsatzzahlen, sondern auch Investitions- und Beschäftigungspläne der Unternehmen belegen. Gegenwärtig sind nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Wach- und Sicherheitsdienste alleine in Deutschland bereits rund 170.000 Menschen in dieser Branche – überwiegend im Objektschutz – beschäftigt. Ordner, die man früher eher von Kontrollschleusen auf Flughäfen oder bei Großveranstaltungen traf, begegnen einem heute bereits alltäglich als private Wachmänner in öffentlichen Parks, in Bussen oder Bahnen, in Einkaufszentren. Was wäre nun, wenn auch Sie in ihrem Haus eine Alarmanlage, vielleicht dazu Bewegungsmelder und eine Videoüberwachungsanlage installieren würden. Oder besser gefragt, was würden Sie sagen, wenn Ihr Nachbar darauf gereizt reagierte, Sie vor solchen Maßnahmen warnt und sogar in scharfen Worten damit drohte, dass er alles unternehmen würde, um Ihre Installation zu verhindern? Sie werden wohl rasch erklären, dass Ihre Alarmanlage doch gar nicht auf ihn gemünzt sei und auch keine Bedrohung darstelle. Vielleicht werden Sie sogar Ihren Nachbarn anbieten sein Haus in das Sicherheitskonzept mit einzubeziehen. Freilich nur bis zu dem Punkt, an dem er mit finsterem Blick ankündigt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um Ihre Anlage wirkungslos zu machen. Spätestens dann käme Ihnen das Verhalten Ihres Nachbarn wahrscheinlich absurd vor.
An genau diesem Punkt sind die Gespräche zwischen der NATO und Russland bezüglich der Stationierung des geplanten Raketenabwehrschildes angelangt und der Krieg in Georgien hat den Konflikt nochmals verschärft, fühlen sich einige der osteuropäischen Staaten durch Russlands vordergründigen Einmarsch in Georgien doch nicht mehr bloß theoretisch bedroht. Auch im Baltikum oder in der Ukraine leben zahlreiche Russen, denen der Kreml bei beliebigem Vorwand „zur Hilfe“ eilen könnte. „Ground –Based Midcourse Defense System“ oder abgekürzt „GMD“ nennt sich das geplante System, dessen Effizienz von vielen bezweifelt werden, freilich nicht von den US-Militärs. Das System soll dazu in der Lage sein, im Weltraum anfliegende Sprengköpfe und als Intercorps bezeichnete Raketen auf sie zu steuern um gegebenenfalls Atomwaffen noch im Weltraum zu zerstören. Die ersten Waffensysteme wurden bereits im Frühjahr in Alaska und Kalifornien installiert. Nun sollen Abfangraketen in Polen und eine Radarstation in Tschechien folgen.
Kritiker, insbesondere aus Frankreich oder Deutschland bezweifeln die Effizienz oder gar die Realisierung des Raketenschildes, dessen einzige reale Wirkung womöglich darin bestünde, das angespannte Verhältnis zu Russland weiter zu verschlechtern und einen neuen „Kalten Krieg“ mit einer weiteren Aufrüstungsspirale in Gang zu setzen.
Die NATO sieht das anders. Zwar schlug bislang etwa die Hälfte der bisherigen Abschusstests der USA fehl, doch eine zehntausendseitige Machbarkeitsstudie aus dem Jahre 2006 belegt sowohl die technische also auch finanzielle Realisation des Projektes, das den rapide veränderten Sicherheitsbedürfnissen des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen soll. In der Analyse dazu heißt es, dass es im Jahre 1972 lediglich neun Staaten gab, die ballistische Raketen besaßen. Heute ist diese Zahl auf 27 hochgeschossen – und sie schließt gegnerische Regime wie den Iran ein, die Verbindungen zu Terroristen haben und an der Entwicklung von Atomwaffen arbeiten.
Der Kreml fasst das GMD jedoch als Bedrohung seiner eigenen Sicherheit auf, ohne schlüssig begründen zu können, wie und warum ein defensives Waffensystem die Sicherheit Russlands gefährden könnte. Der russische General Anatoli Nogowizyn drohte Polen unverhohlen damit, die Installation könne „nicht ungestraft bleiben“. Polen setze sich damit „zu 100 Prozent der Gefahr eines Angriffs aus“. Man werde sodann eigene Raketen auf den früheren Warschauer-Pakt-Staat zu richten. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hingegen hob hervor, das Abkommen schließe die von Polen gewünschte „Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe“ ein, wozu auch die Verstärkung der polnischen Streitkräfte mit Patriot-Abwehrraketen gehöre. Die USA beteuerten, Polen in „schwierigen Zeiten“ umgehend zu Hilfe zu kommen. Die NATO, so Tusk, würde im Falle einer Bedrohung Polens wahrscheinlich viel zu langsam reagieren. Es könnte „Tage, Wochen dauern, diese Mechanismen in Gang zu bringen“. Deshalb sei die direkte Beistandsverpflichtung der USA für sein Land so wichtig, überlebenswichtig.
Man muss wohl kein Strategie-Experte sein, um den Äußerungen zu entnehmen, dass es bei dem schwelenden Konflikt nicht wirklich um das Für und Wider zu einem Raketenabwehrsystem gehen kann, sondern vielmehr um die Behauptung eigener Einflusssphären.
„Im Westen nichts Neues“ lautet der bekannte Roman von Erich Maria Remarque. Doch aus russischer Sicht gibt es durchaus etwas „Neues“ in den Tagen zunehmender Spannungen im Verhältnis zwischen Russland und „dem Westen“. Der „Westen“ nämlich reicht mittlerweile mit Polen, dem Baltikum und … ja auch mit Georgien an Russlands Grenzen. Russland nun sieht in der unzweifelhaften Orientierung einstiger kommunistischer Staaten hin zur EU und zur NATO den Verlust einer eigenen Einflusssphäre. Mehr noch fürchtet es nunmehr selbst gegenüber direkten Nachbarn sogar noch etwaige militärische Druckmittel zu verlieren. Dies wurde spätestens in der Kosovo-Frage deutlich, als Russland bei der Anerkennung der ehemals jugoslawischen Republik durch dem Westen trotzig damit drohte, im Gegenzug die georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien anzuerkennen. Dies ist nun bekanntlich so gekommen.
Russlands Verhalten gleicht ein wenig dem Mann der „Hammer-Geschichte“ aus der „Anleitung zum Unglücklich sein“ des Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Darin will ein Mann ein Bild aufhängen, hat aber nur einen Nagel, jedoch keinen Hammer. Folglich will er seinen Nachbarn nach dem Werkzeug fragen. Doch ihm kommen zunehmend Zweifel, ob der Nachbar ihm den Hammer auch tatsächlich geben wird und entdeckt bei seinen Überlegungen immer mehr Gründe, die dafür sprechen, dass sein Nachbar ihm eigentlich feindlich gesonnen ist, ihn letztens ja nicht mal richtig gegrüßt habe, usw. Schließlich stürmt er hinüber und schreit seinen verdutzten Nachbarn an: „Behalten Sie ihren Hammer doch!“
Letztlich gleicht das Verhalten des Kremls also einer Art von Selbsthypnose, um den Kontrollverlust über einstige Nachbarn zu kompensieren. Das soll nicht heißen, dass Russland nun ein altes Mütterchen ist, das man nicht als potentielle Bedrohung ernst nehmen muss – der Kaukasus-Konflikt zeigt gegenteiliges. Vielmehr spricht alles dafür, Russland mit Worten zu besänftigen, ihnen möglicherweise auf Jahre hinweg den UEFA-Cup und den Grand Prix de la Chanson zu schenken – insofern man die vitalen Sicherheitsinteressen seiner souveränen Nachbarn aktiv verfolgt. Denn sicher ist sicher.
(erschienen im EuroJournal pro management 3-2008)
Add comment September 15, 2008
„G’sund samma …!“
Israelis die ohne entsprechende Vorprägung Bayern besuchen, staunen oft über das bayerische Staatswappen, das von zwei Löwen flankiert ist und über dem Schild eine Krone trägt, denn in selber Weise zeigen sich seit Jahrhunderten auch zahllose Thoraschilder … und blauweiß sind die Farben Israels wie Bayerns. Das macht neugierig, manchmal stutzig, sind dies doch Hinweise auf eine tiefer gehende als allgemein wahrgenommene Verwandtschaft, als Resultat von mehr als tausend Jahren gemeinsamer bayerischer Geschichte.
Runde 60 Jahre alt wurde im August der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, der heute 13 Einzelgemeinden vertritt, woran eine Feierstunde Ende November in München erinnerte. Die Zahl der Juden ist hier in den letzten 15 Jahren durch zahlreiche Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR, die sich wie zahlreiche heimische Bayern mit dem Hochdeutschen schwer tun, kontinuierlich auf rund 20.000 Juden angewachsen, was trotzdem aber nur einem Drittel der Zahl von 1933 entspricht.
Jüdisches Leben in Bayern ist heute immer wieder ein Balanceakt zwischen gewohntem Alltagsleben, familiären Erinnerungen an finstere Zeiten, Zuversicht und latenten Bedrohungsszenarien. Nach wie vor herrscht 62 Jahre nach Dachau auf allen Seiten aber noch immer ein weit verbreitetes Gefühl der Verkrampfung und eine oft empfundene Kluft zu deren Abbau mit klassischer Musik untermalte zeremonielle Akte und mahnende Bekenntnisse breitenwirksam wenig beitragen können. Das alles ist in Bayern nicht anders als im Rest Deutschlands, trotzdem ist das Verhältnis in Bayern sicher etwas herzlicher und wärmer. Der Aufbau neuer Gemeindezentren wie in Nürnberg oder München zeigt aber auch einen Weg in die Zukunft, die an die reiche jüdisch-bayerische Geschichte anknüpfen will und kann.
Anhängend an verklausulierte Formeln wie etwa im Staatsvertrag zwischen Bayern und dem Israelitischen Landesverband von 1997 wo es heißt „Eingedenk des geschichtlich bedingten besonderen Verhältnisses zu seinen jüdischen Bürgern und geleitet von dem Wunsch, das freundliche Verhältnis zwischen dem Freistaat und der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu fördern und zu festigen…“ können wir Juden in Bayern heute aber auch ganz einfach sagen „G’sund samma …!“
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Yehuda Schenef
Add comment Dezember 6, 2007
Fussball ist unser Leben
Wenn man über Globalisierung spricht, denken viele zuerst an McDonalds, Coca-Cola, an Hollywood oder Rockmusik, doch kein anderer Lebensbereich ist globalisierter als der Fußball. Der einst lokal geprägte Sport hat sich zu einem multinationalen, kontinentale Grenzen überbrückenden Geschäft entwickelt. Spitzenpartien europäischer Ligen werden weltweit live im Fernsehen gesehen. Vereine wie der FC Bayern München bieten die Inhalte ihrer deutschen Webseite neben dem schon obligatorischen Englisch auch auf Spanisch, Japanisch und sogar Chinesisch an. Während in allen Teams international agierende Mäzene einen bunten Mix aus Südamerikanern, Afrikanern und unterschiedlichsten Europäern zusammenkaufen, erreichen die Transfersummen und Spielergehälter astronomische, stammen vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden aus Pakistan. Wie die begehrten, inzwischen jährlich neu gestalten Spielertrikots werden sie von renommierten Sportartikelherstellern wie Puma oder Adidas nicht selten in Kinderarbeit produziert. Andererseits färben sich abertausende Koreaner oder Japaner, die die „Marke Beckham“ lieben ihre Haare blond, um wie ihr Star auszusehen. Zugleich wird der Fußball von Politikern und Konzernen vereinnahmt, die ihr eigenes Image mit persönlicher Stadionpräsenz, Vereinsmitgliedschaften oder Sponsorentum volkstümlich aufwerten. Aus der TV-Perspektive sieht es so aus, als wären nationale Grenzen und Identitäten aufgehoben und in einer multinationalen, globalisierten Fußball-Welt aufgegangen. Doch der helle Schein der Inszenierung trügt. Fußball ist zwar ein weltumspannendes, zugleich aber durchaus ambivalentes und widersprüchliches Phänomen. Anderswo befürchtete Parallelgesellschaften sind zur gelebten Tagesordnung geworden. Fußball ist insbesondere in Europa längst nicht nur zum Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen gediehen, sondern zum identitätsstiftenden Faktor einer breiten Masse angeschwollen, die sich an der stets wachsenden Anzahl von Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen nicht mehr satt sehen kann. Zeitgleich ist der Sport zum Emblem radikaler Fußballfans aus gesellschaftlichen Randgruppen geworden, die ihre Frustrationen und ihre Wut auf den neuen Schlachtfeldern einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft mit brutaler Gewalt und offenem Rassismus abreagieren.
Als Deutschland 1954 in der Schweiz gegen die favorisierten Ungarn nur neun Jahre nach Kriegsende (1950 war den Deutschen noch die Teilnahme untersagt worden) den Titel des Fußball-Weltmeisters gewann, hieß es allgemein “Wir sind wieder wer” und spätere Chronisten sehen in dem als „Wunder von Bern“ stilisierten sportlichen Erfolg die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik. Neun Jahre nach der Kapitulation den die überwiegende Mehrheit eher als Zusammenbruch denn als Befreiung erlebte, wagten Deutsche wieder einen gemeinschaftlichen Blick auf sich selbst und sie fanden, dass sie sich „als Weltmeister“ neben den anderen Nationen gut sehen lassen konnten. Die Fußballerspieler wurden in einem nationalen Taumel „als Helden gefeiert wie zehn und fünfzehn Jahre zuvor die Jagdfliegerasse und die erfolgreichen U-Boot-Kommandanten“, resümiert der Historiker Hans-Peter Schwarz in seinem Buch über „Die Ära Adenauer“. Dass ältere deutsche Spieler wie Fritz Walter, Max Morlock oder Toni Turek schon während der Nazizeit zu den Sportheroen gehörten und Herberger für die Nationalmannschaft schon seit 1937 als Reichstrainer verantwortlich war, interessierte die Gesellschaft nicht mehr. Als im Siegesglück noch „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt wurde, beanstande das kaum jemand. Augenfälliger war auch der Umstand, dass zum Berner Finale kein einziger deutscher Bundesminister angereist war. Adenauer und Heuß, aufgewachsen in einer Zeit, da das Spiel noch als „englische Fußlümmelei“ und „undeutsch“ galt, hätten eine Einladung auch als Unverschämtheit empfunden.
Die propagandistische Ausbeutung des Sports durch die Nazis (diese hatten als nationale Arbeiterbewegung vor allem den „Arbeiterverein“ Schalke 04 für ihre Zwecke instrumentalisiert, der in den zehn Spielzeiten der Naziherrschaft neun mal im Finale der Meisterschaft stand und dabei sechs Titel errang, während der „Judenklub“ FC Bayern München, Deutscher Meister des Jahres 1932, nicht nur sportlich ins Abseits geriet) spielte dabei sicher noch eine gewisse Rolle, doch mit dem Titelgewinn in Bern sollte sich sodann auch die Haltung nachkriegsdeutscher Politiker zum Sport im Allgemeinen und zum Fußball im Besondern ändern. Heute sind im Deutschen Fußball-Bund (DFB) über sechs Millionen Mitglieder in rund 170.000 Mannschaften organisiert (alle politischen Parteien in Deutschland wären froh wenn sie zusammen ein Drittel dieser Mitgliedszahl erreichten), darunter mit steil steigender Tendenz, fast eine Million Frauen und Mädchen. Selbstverständlich zeigt sich, nebst anderer, auch die politische Prominenz mittlerweile zu gern in Stadien und längst nicht nur bei Endspielen. Man sagt, Fußball spiegle den Charakter eines Volkes wieder und Deutsche rühmen sich dabei als diszipliniert, kampfstark und unbeugsam. Kommentatoren bewundern oder reklamieren je nachdem die „klassischen deutschen Tugenden“, die offensichtlich an die Stelle früherer preußischer Tugenden getreten sein mussten. Fußball als gesellschaftliches Vorbild.
Im vergangenen Jahr feierte „Fußball-Deutschland“ als erneuter Gastgeber des Turniers zwar anders als 1974 keinen weiteren Titelgewinn, so aber doch unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sich selbst als „weltoffenen“ Gastgeber. Den oft und auch im Ausland überwiegend wohlwollend zitierten Slogan hatte sich der jüdisch-österreichische Aktionskünstler André Heller ausgedacht. Franz Beckenbauer, Präsident des Organisationskomitees meinte, die WM biete „Deutschland die Riesenchance, sich der Welt als herzlicher Gastgeber zu präsentieren.“ Damit stand er keineswegs alleine. Immer wieder wurde dafür geworben, Deutschland und die Deutschen der restlichen Welt „anders“, sprich aufnahmebereit, kontaktfreudig, gesellig, ja „weltoffen“ darzustellen. Bundeskanzlerin Merkel pries Deutschland als „fußballbegeistertes und weltoffenes Land” zugleich an, so als ob Fußballbegeisterung und Weltoffenheit synonyme, ja austauschbare Begriffe wären. Doch abseits der medialen Kampagnen ist die Lebenswirklichkeit von Spielern wie Fans oft eine ganz andere.
Es mutet etwas schizophren an: Während Profiklubs wie ZSKA Moskau (UEFA-Pokal-Sieger 2005), 1923 als Sportklub der Roten Armee gegründet und mittlerweile wie Chesea London vom russischen Oligarchen Abramowitsch finanziell gefördert, inzwischen längst auch dunkelhäutige Spitzenstars aus Brasilien spielen, grassiert im Umfeld der der Stadien der Rassismus. Immer wieder thematisiert Amnesty International rassistische Gewalt in Russland, wo allein im ersten Halbjahr 2006 bei rund 100 Übergriffen 18 Personen getötet und 160 bisweilen lebensgefährlich verletzt wurden. Opfer haben es dabei selbst bei ganz eindeutigen Sachverhalten in der Regel schwer, vor ordentlichen russischen Geschworenengerichten Recht zu finden. Immer wieder kam und kommt es zu Freisprüchen der Täter, während dunkelhäutige Opfer der Gewaltverbrechen als „Unruhestifter“ mit der Abschiebung rechnen müssen. Der bizarre Mix aus der Bejubelung schwarzer Sporthelden auf der einen und rassistischer Gewalttaten auf der Straße ist aber beileibe keine russische Eigenart. Auch in westlicher orientierten Staaten wie der Ukraine, in dessen erster Liga allein 18 Nigerianer spielen, oder Polen (das gemeinsam mit der Ukraine 2012 Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein wird) haben Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Unter polnischen Hooligans, denen seitens der UEFA ein ausgeprägtes Gewaltpotential attestiert wird, ist derlei Gedankengut weit verbreitet. In Stadien sind antisemitische Slogans “Juden ins Gas!” zu hören und man sieht Transparente mit deutschen Aufschriften wie “Arbeit macht frei”. Roman Giertych, seit Mai 2006 stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Volksbildung Polens, gründete bereits 1989 im Alter von 18 Jahren die rechtsextreme “Allpolnische Jugend” (Młodzież Wszechpolska), heute eine Art Neonazi-Kameradschaft, die ihre Mitglieder vor allem aus der Szene gewalttätiger Fußball-Fans rekrutiert. Das Hooligan-Problem existiert in Polen seit Mitte der 1990er Jahre. Immer wieder kam es dabei zu blutigen Schlachten mit zahllosen Verletzten, allein bei Fehden zwischen den Krakauer Hooligans gab es in den letzten Jahren bereits fünf Tote. Zu lange hat die Öffentlichkeit in Polen das Hooliganproblem verharmlost, was bei einer gewissen Nähe mancher Politiker nicht zu sehr verwundern muss. Neuerdings aber reagiert der Staat mit Strenge. Besucher von Spielen werden gefilmt, Namen und Ausweise kontrolliert, straffällige Hooligans sollen vor Schnellgerichten gestellt und Stadionverbote ausgesprochen werden. Das sind begrüßenswerte Ansätze, die aber offenbar nicht zu viel bewirken. Gerade erst wurde Legia Warschau nach Ausschreitungen seiner Anhänger von der UEFA auf zwei Jahre für europäische Wettbewerbe gesperrt. Schwer wiegt eine kaum zu kaschierende ideologische Nähe zwischen verantwortlichen Politkern und Fußball-Schlägern. Wozu dies im Extremfall führen kann, zeigten in beispielloser Weise die Balkankriege. Željko Ražnatović, besser bekannt als „Arkan“ war im jugoslawischen Bürgerkrieg zu Beginn der 1990er Jahre Anführer der paramilitärischen Organisation „Tigrovi“, der der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eine aktive Beteiligung an Völkermord und ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo vorwarf. Zugleich war er, selbst bewährter und erfahrener Belgrader Hooligan, auch Präsident des Fußballklubs FK Obilic, dem er mittels Gewalt und Einschüchterung gegnerischer Spieler und Schiedsrichter 1998 zur jugoslawischen Meisterschaft verhalf. Seine Fußballkontakte waren entscheidend für den Bürgerkrieg in Jugoslawien, da die bisherige Armee des Vielvölkerstaats zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechens wegen ihrer Völkermischung kaum in der Lage war, die Schmutzarbeit des Krieges für Milosevic’ Zentralregierung umzusetzen. Arkans Tiger jedoch, als Fußball-Schläger mit alltäglicher Gewalt bestens vertraut und ohne Skrupel leisteten als Kämpfer an vorderster Front zuverlässige Dienste beim Überfall auf Häuser und Zivilisten. Schläger wie die Fan-Gruppe von Partizan Belgrad „Grobari“ („Totengräber“) schienen dabei ihrem Namen traurige Referenz zu erweisen zu erweisen.
Es scheint, als ob sich die durch den Fußball produzierten Emotionen längst nicht immer unter Kontrolle halten lassen. Auch im Land des Weltmeisters von 2006 ist die Diskussion um Fußball und Gewalt neu entbrannt, nachdem bei heftigen Fußball-Krawallen Anfang Februar 2007 auf Sizilien ein 38-jähriger Polizist ums Leben kam und mehr als 70 Menschen verletzt wurden. Erst die zeitweilige Einstellung des Spielbetriebs und drakonische Sicherheitsmaßnahmen und Umbauarbeiten in den Stadien haben die explosive Lage wieder beruhigt. Der eruptive Gewaltausbruch kam aber keineswegs zufällig zustande, sind Gewalt und Rassismus auch im italienischen Fußball alltäglich. Das traurigste Beispiel für eine offen rechte Gesinnung ist wahrscheinlich der frühere Stürmer-Star vom Römer Klub Lazio Paolo Di Canio, der 2005 im Derby gegen den verabscheuten Stadtrivalen AS Rom mit hasserfülltem Gesichtsausdruck mit dem Hitlergruß das Publikum grüßte. Der italienische Fußballverband verurteilte Di Canio zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Anhänger der offen rechtsextremen Fangruppe „Irriducibili” (“die Unbeugsamen”) demonstrierten sodann mit rund 500 Anhängern vor dem Sitz des nationalen Fußballverbandes, wobei es zu Tumulten, Verletzten und zahlreichen Verhaftungen kam. In den Spielen danach waren von Seiten der Lazio-Fans immer wieder Sprechchöre für den Stürmer zu hören, wobei hunderte von ihnen – wie ihr Vorbild – den rechten Arm ausstreckten. Auch rechtsradikale Symbole wie das Hakenkreuz tauchen im Fanblock von Lazio immer wieder auf und der Rivale AS Rom wird mit Spruchbändern adressiert, auf denen zu lesen steht: “Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser“.
Schwarze Spieler, wie der französische Welt- und Europameister Patrick Vierra von Juventus Turin werden von gegnerischen Fans ausgepfiffen und mit Affenlauten verhöhnt, so bald sie den Ball berühren. Der aus der Elfenbeinküste stammende Marc Zoro vom Erstligisten Messina, von Inter-Fans als “dreckiger Neger” beschimpft konnte erst nach minutenlangen Zureden von seinen Mailänder Gegenspielern zum Weiterspielen überredet werden, womit eine weitere Eskalation und ein möglicher Spielabbruch verhindert wurde. Fans von Inter hatten beim Mailänder Derby gegen den AC Milan, dem Club des ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi, im April 2005 den farbigen brasilianischen Torwart Dida mit einem Feuerwerkskörper getroffen und verletzt.
Im Oktober 2004 sorgte der spanische Nationaltrainer, der frühere Fußballprofi Luis Aragonés für einen Skandal. Ein heimisches Fernsehteam filmte vor einem Länderspiel gegen Frankreich auf dem Trainingsgelände zufällig mit, wie er seinen Spieler Reyes gegen dessen Londoner Mannschaftskollegen Thierry Henry mit obszönen rassistischen Bemerkungen scharf machen wollte. Der spanische Fußballverband leitete eine Untersuchung ein und belegte Aragonés mit einer eher symbolischen Geldbuße in Höhe von 3.000 Euro, limitierte zugleich aber auch die Bewegungsfreiheit der Presse und Fernsehteams auf dem Trainingsgelände. Offenkundig das falsche Signal. Im Folgemonat wurde beim Freundschaftsspiel zwischen Spanien und England jede Ballberührung eines der dunkelhäutigen englischen Kickers von den Rängen mit Affengebrüll und Schmähgesängen verhöhnt. Dieses Mal entschuldigte sich der spanische Fußballverband RFEF in einem offiziellen Schreiben ausdrücklich bei den englischen Nationalspielern. Da die Wellen der Empörung hoch schlugen und in England Boykottaufrufe gegen spanische Urlaubsorte laut wurden, sah sich sogar der spanische Außenminister Miguel Moratinos veranlasst, seinem britischen Amtskollegen Jack Straw, „im Namen der spanischen Regierung“ um Verzeihung zu bitten und betonte dabei, dass Spanien ein „weltoffenes und tolerantes Land“ sei, in dem Rassismus nichts zu suchen habe. „Rassismus bleibt weiterhin das größte Problem im europäischen Fußball“, ließ der europäische Fußballverband UEFA nach dem Skandalspiel im in Madrid verlautbaren.
Das Phänomen des Fußball-Rowdytums ist jedoch britischen Ursprungs, wie der moderne Fußballsport selbst. Fans von Vereinen wie dem FC Chelsea aus London waren in dieser Entwicklung stilbildend und prägten die Welt der Fußballschläger. Es entstanden Fan-Gruppen die sich „Chelsea Headhunters“ nannten und engste Verbindungen zu Organisationen wie „Combat 18“ (die 18 steht dabei für den 1. und 8. Buchstaben des Alphabets, also für AH = Adolf Hitler) unterhielten, jener berüchtigten Schlägertruppe die als „Sicherheitsdienst“ bei Veranstaltungen der rassistischen British National Party (BNP) fungierte und bei zahlreichen Überfällen, Anschlägen und mit dem Versenden von Briefbomben an farbige Sportler mindestens sechs Menschen tötete und in diversen Stadtteilen Rassenunruhen anzettelte. Traurigste Berühmtheit erlangten britische Schläger im Mai 1985 beim Europapokal-Endspiel im Brüsseler Heysel-Stadion, bei dem vor laufenden Kameras 39 Menschen tot getrampelt wurden. Die Folgen waren weit reichend. Alle englischen Vereine wurden danach für fünf Jahre gänzlich von internationalen Pokalwettbewerben ausgeschlossen. Doch schon 1989 sorgte ein englisches Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest für eine noch größere Katastrophe. Zu viele Fans wurden innerhalb des Stadions in den Liverpool-Block hinein gelassen. Die Fahrlässigkeit der Polizei führte dazu, dass tausende Liverpool-Fans gegen den Zaun gedrückt wurden. 96 Tote und 730 Verletzte waren zu beklagen. Bloße vier Jahre nach Heysel führte die neuerliche Tragödie dazu, dass es in englischen Stadien mittlerweile nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Auch sind britische Konzepte gegen Rassismus und Antisemitismus in Stadien sehr viel effizienter als anderswo in Europa. Es hat sich eine “Kultur der null Toleranz etabliert, die dem konsequent und aggressiv entgegentritt”, so Lucy Falkner von der englischen “Football Association” (FA). Mit bis zu 3 Jahren Haft muss ein Randalierer in England rechnen, wenn er sich diskriminierend verhält oder äußert. Auch im Ausland begangene Straftaten werden entsprechend geahndet. Vereinen, die nicht entschieden genug gegen Rassismus in ihren Stadien vorgehen, drohen Punktabzug, Platzsperren oder sogar ein Zwangsabstieg. Im Zuge von New Economy hat sich die Szenerie freilich auch gerade im Ursprungsland der Hooligans enorm verändert. Die dickste Kröte hatten rechtsgerichtete Chelasea-Fans zu schlucken, als der russische Milliardär Roman Abramowitsch den Verein im Jahr 2003 kaufte und seitdem mehr als sechshundert Millionen Euro in neue, meist ausländische Spitzenspieler investierte. Die stark von Antisemitismus geprägte Konkurrenz der Londoner Chelsea-Fans zu ihren lokalen Widersachern bekam eine eigentümliche Note, waren ihnen doch die „Yids“ von Tottenham und Erzrivale Arsenal London (dessen Hauptaktionär der reiche Diamantenhändler Danny Fiszman ist) verhasst. Nunmehr hatten sie selbst einen jüdischen Besitzer, der fleißig „Afrikaner“ wie Essien oder Drogba kaufte und jüngst sogar noch Israelis wie Ben Sahar und Tal Ben Haim verpflichtete (Anm.: inzwischen ist mit Avram Grant ein Israeli auch Cheftrainer des Klubs). Das ist offensichtlich zu unverdaulich, zumal sich „Chelski“ unter der Ägide des „Öl-Zaren“ mittlerweile zum internationalen Nobelklub und Treffpunkt der Schickeria entwickelte. Es ist kein Platz mehr für Hooligans, wo nun die feine High Society mit Martinigläsern in VIP-Loungen gastiert. Die meisten Hooligans wandern in unterklassige Ligen ab, wo es noch den „echten“, nicht kommerzialisierten Sport gibt – was Schlägereien freilich mit einschließt.
Parallele Entwicklungen sieht man in Deutschland, wo deutsche Nationalspieler wie der in Ghana geborene Gerald Asamoah, Vize-Weltmeister von 2002, ausreichend einschlägige Erfahrungen sammeln konnten, obwohl es in der Bundesliga nur selten zu Randale oder rassistischen und antisemitischen Entgleisungen kommt. Ironischerweise ist der blonde, mehrfache Welttorhüter Oliver Kahn regelmäßiges Opfer entsprechender rassistischer Schmähgesänge, die ihn mit zugeworfenen Bananen als „hässlichen Affen“ verhöhnen, was möglicherweise auch mit seiner angeblichen, in bestimmten Fankreisen vermuteten, wohl gar nicht vorhandenen „jüdischen Abstammung“ zu tun hat. Ansonsten werden Rassismus und Gewalt wie in England verstärkt in die unteren Ligen verdrängt, wo die Mittel für Vorbeugung und Sanktionen fehlen. Fanbetreuer, Videoüberwachung, Stadionverbote? Fehlanzeige. Die viel zitierte „Weltoffenheit“ verliert sich in der Provinz. Im Dezember 2005 beispielsweise entfalteten einige Cottbusser Fans ein Transparent auf dem das Wort „Jude” zu lesen war. Das D in Juden wurde ersetzt durch den geschwungen geschriebenen Großbuchstaben, Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD. Kein Einzelfall. Selbst in Regionalligaspielen ist Antisemitismus präsent. Der Chemnitzer FC ist zu Gast beim FC St. Pauli. Bereits vor dem Spiel skandieren die mitgereisten Chemnitzer Fans Gesänge wie „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir – von St. Pauli bis nach Auschwitz“. Das Spiel selbst muss mehrere Minuten wegen Rauchbomben und Ausschreitungen unterbrochen werden.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das Oberligagastspiel von Sachsen Leipzig in Halle. Immer wenn der Leipziger Spieler Ade Ogungburean an den Ball kam imitierten die Fans Affenlaute. An sich bereits ein kaum mehr erwähnenswerter Vorfall, wenn der beleidigte Spieler sich nicht seinerseits mit einem Hitlergruß an die grölenden Zuschauer gewandt hätte. Der Mob stürmte daraufhin von der Tribüne und wollte Vergeltung üben. Es kam zu Handgreiflichkeiten, bei denen Ogungburean auch persönlich von Fans geschlagen und verletzt wurde. Die Partie musste abgebrochen werden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten zunächst nicht gegen die Angreifer, sondern gegen den Spieler, doch das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Sehr zum Unmut der gegnerischen Fußball-Fans, die nunmehr sogar noch eine Bevorzugung des Afrikaners monierten: „Wir kriegen auch ein bis anderthalb Jahre aufgebrummt, wenn wir einen Hitlergruß machen.“ Wo einige Schlachtenbummler meinten, man müsse „den Nigger erschießen“, zeigten andere durchaus – globalisierungskritisch – gesehen ein gewisses exemplarisches Verständnis für dessen Situation: „Die Feinde sind nicht die Nigger, die Feinde sind die, die es ermöglichen, dass die überhaupt hier spielen können.“
Tatsächlich gibt es im Fußball ausgeprägte Migrationsbewegungen vom armen Süden in den reichen Norden, analog zu den realen Flüchtlingsströmen etwa von Afrika nach Europa. Jahr für Jahr kommen tausende Menschen bei dem Versuch ums Leben, mit Schlauchbooten oder in völlig überladenen billigen Kuttern nach Europa zu gelangen ums Leben. Die spanische Guardia Civil schätzt, dass es an manchen Tagen bis zu 700 Menschen illegal versuchen das Meer zu überwinden. Experten gehen davon aus, dass mindestens die Hälfte der Illegalen, die niemand registriert und von keiner Statistik erfasst werden, im Meer ertrinkt. Weltklassespieler wie Michael Essien hingegen brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu kommen. Der Ghanaer, zweifacher Fußballer des Jahres in Frankreich wurde für 38 Millionen Euro von Lyon nach Chelsea geholt. Barcelona zahlte für den Kameruner Samuel Eto’o 27 Millionen Euro. Rund 5.000 „ballverliebte“ brasilianische Kicker spielen in Europa und längst nicht nur bei großen Spitzenklubs. Man findet sie in zweitklassigen rumänischen Mannschaften ebenso, wie in fußballerisch noch unbedeutenderen Ländern wie Albanien oder auf den Färöer-Inseln. Überall ist es besser als in den heruntergekommenen Slums von Sao Paolo oder Rio. Und wo sie erst einmal den Sprung ins Eldorado Europa geschafft haben, bekommen ihre Träume Flügel, denn die meisten Träumenden schaffen es nicht mal nach Albanien.
Doch Vorurteile und Rassismus zerstören nicht nur das Spiel, sondern auch so manchen Traum ums „runde Leder“, das pakistanischen Kinderhände für wenige Cents schon längst aus Kunststoffteilen zusammennähen, ehe sie in Europas Sportgeschäften mit Adidas-Logo und dem offiziellen Segen des Fußball-Weltverbandes FIFA, zugelassen und geprüft für 150 Euro verkauft werden.
Europas Fußball bleibt weiterhin das erfolgreichste und vielleicht folgenreichste Produkt jenes weltumspannenden Phänomens namens Globalisierung, das zeitgleich als Vehikel für brutalsten Rassismus und multikulturelle Völkerverständigung, für horrende Milliardengewinne und uneingeschränkte Ausbeutung, für exklusive Massenunterhaltung und soziale Verarmung auftritt. „König Fußball“ ist omnipräsent und wird in vollen Arenen inbrünstiger zelebriert als jede Religion. Als integraler Bestandteil der eigenen, der lokalen wie auch der nationalen Identität behaupten die jungen, athletischen Protagonisten stellvertretend eigene Wünsche und Träume in einer ansonsten fremden und unverständlichen Welt. Selbst entschiedene Globalisierungskritiker stellen den Fußball nicht in Frage, zu selbstverständlich nutzen auch sie die ihnen willkommenen Identifikationsmuster, sei es der Lokalpatriotismus oder die Freude an einer weltumspannenden Gemeinsamkeit. Trotzdem einige der größten Namen des Weltfußballs wie Pele, Beckenbauer, Matthäus oder neuerdings auch Beckham als Spieler und Werbeträger in den USA aktiv waren, stießen die Kicker im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ an Grenzen und konnte trotz mehrer Anläufe und einer im Land ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft nie richtig Fuß fassen. Das ist freilich nicht ohne Ironie, stehen die USA doch als angebliche Anstifter der Globalisierung oft am Pranger weltweiter Kritik. Tatsächlich aber lehnen die meisten Amerikaner den europäischen Fußball – mit bekannter globalisierungskritischer Rhetorik – als „unamerikanisch“ ab und fürchten, um eigene amerikanische Werte, wie sie Baseball, Basketball oder Eishockey verkörpern.
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Yehuda Schenef
erschienen im “EuroJournal pro management” Heft 4/2007)
Add comment Juli 30, 2007
Eine unsterbliche Botschaft
Man könnte Mietek Pemper für vieles bewundern, ist er doch keineswegs ein rüstiger Rentner, sondern ein ebenso viel beschäftigter Geschäftsmann wie umsichtiger Autofahrer und kann im Alter von 87 Jahren auf ein langes, erfülltes Leben zurückblicken. Nicht minder voll ist allerdings auch sein Terminkalender, der ihn nebenbei bei zahlreichen Reisen von der einen Ehrung zum nächsten Vortrag führt. Vor wenigen Tagen erst wurde er in der israelischen Botschaft in Berlin mit der Carnegie-Medaille als „Held der Zivilisation“ ausgezeichnet, zusammen mit Oskar Schindler, seinem bereits 1974 verstorbenen Lebensretter. Dass er mit ihm nun auf eine Stufe gestellt wird, behagt Mietek Pemper nicht so recht, müsse zwischen ihm und Schindler doch ein Abstand bleiben, wie er betont. Es ist keine vorgespielte Bescheidenheit, wie man sie bei Preisempfängern oft vernimmt, die ein Lob zurückweisen, um zweimal gelobt zu werden, sondern Ausdruck seines Charakters, maßgeblich verantwortlich für jene ergreifende, dramatische Geschichte, die sein Leben prägte und Stoff für Steven Spielbergs mit mehreren Oscars prämierten Film „Schindlers Liste“ bot, für den Mietek Pemper dem Erfolgsregisseur als maßgeblicher Beteiligter, als Augenzeuge und beratend zur Seite stand. 1200 Namen standen ursprünglich auf der nunmehr zu Weltruhm gelangten Liste, doch rechnet man deren Nachkommen mit ein, so sind es heute bereits mehr als 6000 Menschen die dem Retter Schindler ihr Leben verdanken und mit ihnen werden es mehr werden. Viele Gründe für Pemper, um sich für die Erinnerung an den Retter einzusetzen, zu dessen 100. Geburtstag 2008 eine Briefmarke erscheinen wird. Pemper selbst hatte sich dafür stark gemacht, zunächst beim Bürgermeister Augsburgs, wo er seit 1958 lebt. Dort wurde er in diesem Jahr mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt ausgezeichnet, eine Auszeichnung die ihm 2001 bereits die Universität Augsburg zuerkannte, weil er wie es in der Laudatio hieß „maßgeblich dazu beitrug, dass aus der Auslöschung der deutschjüdischen Gemeinschaft durch den nationalsozialistischen Rassenwahn die Hoffnung auf eine schließliche deutsch – jüdischen Versöhnung erwuchs“. Diese Hoffnung verkörpert Mietek Pemper in der Tat wie kaum ein anderer und so ist er unermüdlich in seinem Bemühen, als Zeitzeuge einer finsteren Epoche uns Ahnungslosen Rede und Antwort zu stehen, und Auskunft darüber zu geben, wie inmitten einer geistigen Hochkultur ein Absturz in die Barbarei möglich war und wie er Unerträgliches ertrug.
Der 1920 in Krakau gebürtige Mieczysław Pemper wuchs in einem eher konservativen jüdischen Elterhaus auf. Zwar war seine Familie nicht orthodox ausgerichtet, jedoch spielten regelmäßige Synagogenbesuche, wie auch Kontroversen über den samstäglichen Schulbesuch eine Rolle. Wie vielen anderen entging auch den Pempers nicht die bedrohlichen Entwicklungen im damaligen Europa und im deutschen Nachbarland. Wenig Zeit verging jedoch zwischen seinem Abitur und der Aufnahme seines Studiums der Rechtswissenschaften und Wirtschaftslehre bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, die den Zweiten Weltkrieg auslösten. Doch ein wieder aufflackernder Hass auf Juden war auch schon zuvor in Polen virulent und führte etwa dazu, dass noch 1938 an der Universität für jüdische Studenten separate Bänke eingerichtet wurden. Als dies zunächst von den Juden ignoriert wurde, wurden ihnen negative Zensuren für das Fehlverhalten erteilt, worauf sie den Unterricht stehend verfolgten. Mit dem deutschen Einmarsch in Polen wurden jedoch die polnischen Hochschulen für alle, auch für Nicht-Juden geschlossen.
Nunmehr sollte Mietek Pemper, dessen Familie nun im Krakauer Ghetto Nachbarn der Familie Roman Polanskis waren, im Rahmen der Zwangsarbeitsverpflichtung im Büro der jüdischen Gemeinde arbeitete, zunächst vor allem davon profitieren, dass er eine deutschsprachige Großmutter in Breslau hatte und seine Sprachkenntnisse auch in der Schule in Intensivkursen weiter vertieft hatte und unter den deutschen Besatzern zum Übersetzer wurde. Der Umstand, dass er dabei die Sprache oftmals weit besser noch beherrschte und dass auch sein Polnisch anders als bei vielen polnischen Juden ohne jiddischen Akzent auskam, prädestinierte ihn wohl für seinen weiteren Weg, der ihn als Gefangenen bereits früher erkennen ließ, in welche Richtung sich alles entwickeln würde, als andere noch nicht einmal begriffen hatten, dass sie nunmehr Gefangene waren. Sein akademischer Sachverstand wie auch sein exzellentes Gedächtnis, dass ihn auch heute noch nicht ihn Stich gelassen hat und es ihm ermöglicht, im Gespräch wortgetreue Dialoge wiederzugeben, ermöglichte es ihm in einem Umfeld zu überleben, in dem ein einzelnes Menschenleben nichts mehr Wert war. Dies kristallisierte sich umso mehr heraus, als Pemper 1943 schließlich Sekretär von Amon Göth, dem zwölf Jahre älteren Leiter des KZ Plaszów bei Krakau wurde. Der Wiener Göth sammelte „Erfahrungen“ in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka, ehe er Ende 1942 die Liquidierung des Krakauer Ghettos durchführte und im Februar 1943 die Kommandantur über das KZ Plaszów übernahm. Seinen Spitznamen Schlächter von Plaszow bekam Göth, der ca. 1,92 Meter groß und 120 kg schwer war, für seine Vorliebe, morgens mit einem Präzisionsgewehr auf KZ-Häftlinge zu schießen oder sie von seinen beiden Hunden, der Dogge Rolf und dem Schäfermischling Alf zerfleischen zu lassen. Wenigstens 500 Menschen brachte er eigenhändig um. Jedes Mal nachdem Göth einen Menschen ermordetet hatte, forderte er zusätzlich noch die Karteikarte des Ermordeten an, um schließlich auch dessen Verwandte töten zu lassen, da er keine „unzufriedenen Leute” in „seinem“ Lager haben wollte. Für den schmächtigen, wesentlichen kleineren Mietek Pemper war der tagtägliche Umgang mit Göth folglich ein Tanz auf dem Vulkan, denn jede Kleinigkeit oder Laune hätte für den „Sekretär“, Stenograph und Übersetzer jederzeit tödlich enden können – und nicht nur für ihn. Welche Selbstdisziplin und Konzentration es dabei erforderte von früh bis spät unter unmittelbarer Todesangst und beständiger Lebensgefahr in den Diensten eines gewissenlosen, kaltblütigen Mörders fehlerlos und sorgsam zu arbeiten, kann man kaum nachvollziehen, doch Mietek Pemper vollbrachte dieses „Kunststück“ und sammelte in seiner Tätigkeit, die ihn mit vielen geheimen Dokumenten in Kontakt brachte, wertvolle, lebensrettende Informationen und manches mal gelang es ihm sogar, den intellektuell weit unterlegenen Göth zu beeinflussen und so beispielsweise die in den meisten anderen Konzentrationslagern übliche Tätowierungen mit rein technischen Argumenten auszureden. „Göth lebt wie ein Pascha, während unsere Soldaten im Osten sterben“, zitiert Pemper dessen SS-Untergebene. Diese zeigten ihn schließlich auch wegen persönlicher Bereichung und Unterschlagung von „Reichseigentum“ an, wozu alles gerechnet wurde, was das Regime selbst Juden und anderen unter der Besatzung geraubt hatte. Göth wurde daraufhin am 13. September 1944 in Wien von der SS verhaftet, jedoch kam es bis zum Kriegsende nicht mehr zum Prozess. Als Pemper nun unter die Obhut des Industriellen Oskar Schindlers kam, war es als ob er nach einem Teufel einem Engel diente. Ein Engel im klassischen Sinne war Schindler freilich nicht. Der wie Göth 1908 geborene sudetendeutsche Fabrikantensohn war angeblich noch vor der deutschen Besetzung und Zerschlagung der Tschechoslowakei Agent für den Geheimdienst unter Wilhelm Canaris und wurde, enttarnt für den Verrat tschechischer Eisenbahngeheimnisse wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Lediglich der deutsche Einmarsch rettete ironischer Weise den späteren Lebensretter das Leben. Die Uniformen für den von den Nazis inszenierten Überfall Polens auf den deutschen Sender Gleiwitz, den das Nazi-Regime der Weltöffentlichkeit als Grund für den Angriff auf Polen anführte, hat nach den Ergebnissen des US-amerikanischen Holocaust-Forschers David Crowe niemand anderes als Oskar Schindler besorgt. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen begab sich Schindler sodann auch in der Absicht, geschäftlich davon profitieren zu können, nach Krakau und übernahm im Oktober 1939 eine Emailwarenfabrik, die zuvor einem Juden gehört hatte. Die kleine Fabrik in Zablowic nahe Krakau, die nunmehr Küchengeräte für die Wehrmacht herstellte, wuchs rasant und beschäftigte Ende 1942 bereits etwa 800 Gefangene – rund die Hälfte von ihnen stammte aus dem Krakauer Ghetto. Schindler, ein Lebemann und Glücksspieler, genoss das Leben in vollen Zügen, war dem Alkohol zugeneigt und hatte zahlreiche Affären, wobei Pempers Einschätzung gemäß die Initiative meist von den Frauen ausging. Was ihn nun aber von den zahlreichen anderen Kriegsgewinnlern unterschied, war vor allem die menschliche Behandlung seiner Arbeiter. Nach und nach wandelte sich seine ursprüngliche, schnöde Absicht, sich zu bereichern, zu dem ebenso bemerkenswerten wie gefährlichen Anliegen, so vielen Juden wie möglich das Leben zu retten.
Im März 1943 wurde das Krakauer Ghetto geräumt und die verbliebenen Juden in das Arbeitslager Plaszow gebracht. Er überzeugte seinen Saufkumpan Göth, ihm die Einrichtung eines privaten Unterlagers für seine jüdischen Arbeiter bei seiner Fabrik zu erlauben, wo er ihnen auf dem Schwarzmarkt erworbene Lebensmittel zu den Ernährungsrationen bot. Als es nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad zu einem Wechsel in der Politik der Nationalsozialisten kam, war dabei die Einstufung seiner Fabrik als „kriegswichtige Produktion“ ausschlaggebend, die ihm von der deutschen Militärverwaltung des besetzten Polens eingeräumt worden war. Dabei profitierte Schindler auch maßgeblich von Pempers reichhaltigem Insiderwissen. Aufstellungen über alle technischen Anlagen wurden vorgenommen und aufgelistet, für welche Fabrikation sie eingesetzt und welche als „kriegswichtig“ gelten konnte. Schindler trickste nun, fälschte Papiere und gab sogar Kinder oder Akademiker als qualifizierte Metallarbeiter aus, was ihn oftmals unter den Verdacht brachte, seine jüdischen Häftlinge zu begünstigen und in Konflikt mit der Gestapo brachte. Mit dem immer weiterreichenden Vorstoß der Roten Armee und der damit einhergehenden „Liquidierung“ zahlreicher Lager wurde die ohnehin unfassbare Situation immer bedrohlicher, da nunmehr der Weg vieler direkt in die industrielle Vernichtung Auschwitz’ führte. Schindler und seinen Helfern gelang es aber nach und nach immer noch mehr Juden auf seine Liste zu bekommen und sie oft unter dramatischsten Umständen zu retten – unter anderem gelang es, in Auschwitz die Freilassung von Frauen auszuhandeln, indem der Gestapo 7 Mark pro Tag und Kopf versprochen wurden, der einzige dokumentierte Fall, in der eine größere Gruppe das Vernichtungslager verlassen konnte, solange es in Betrieb war. Bis zuletzt rechtfertigten Schindler und seine Frau Emilie die Wichtigkeit ihrer Juden und des Betriebs für den deutschen „Endsieg“, an dem zu Beginn des Jahres 1945 allenfalls noch Wahnsinnige glauben konnten.
Während Schindler in den letzten Kriegstagen sich nach Deutschland durchschlug, kehrte Mietek Pemper nun nach Krakau zurück, wo er davon erfuhr, dass auch seine Mutter unter glücklichen und ungewöhnlichen Umständen überlebte, als nämlich SS-Führer Heinrich Himmler, ohne Wissen Hitlers seinen persönlichen Masseur, den in Estland geborenen Felix Kersten, der häufig nach Schweden reiste, beauftragte, dort Kontakte zu einem Vertreter des Jüdischen Weltkongresses anzubahnen. Als Gegenleistung für die Freilassung jüdischer KZ-Häftlinge sollte der Kongress die US-Regierung dazu bewegen, Deutschland ihrerseits gewisse Konzessionen zu machen, die den ersten Schritt zu einem erhofften Waffenstillstand an der Westfront darstellen sollten, überzeugt, dass Briten und Amerikaner eine sowjetische Vorherrschaft in Europa nicht hinnehmen und früher oder später eine Übereinkunft mit Deutschland suchen würden, um den weiteren Vormarsch der Roten Armee in Europa zu stoppen. Im Februar 1945 traf sich Kersten in Stockholm mit einem hochrangigen Delegierten des Jüdischen Weltkongresses, Hillel Storch, der ihm zu Händen Himmlers eine Liste mit Forderungen übergab. Dazu gehörte als wichtigster Punkt die Freilassung zumindest eines Teils der noch in KZs inhaftierten Juden.
In der Nachkriegszeit vollendete Pemper sodann sein Studium in Krakau als Magister in Ökonomie und war zuvor noch ab dem Sommer 1945 Dolmetscher und Zeuge bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Polen, u.a. auch als Hauptzeuge im Prozess gegen Amon Göth, der nun wegen seiner Verantwortung für die Ermordung von mehr als 8.000 Menschen allein im Lager Plaszow, weiterer 2.000 Menschen bei der Liquidierung des Ghettos in Krakau-Podgórze am 13. und 14. März 1943 sowie bei Hunderten von Morden bei der Auflösung der Ghettos in Szebnie und Tarnów angeklagt wurde. Die Amerikaner hatten Göth an die Polen ausgeliefert, weil sie befanden, dass sich sein „Wirken“ fast ausschließlich auf das polnische Territorium beschränkte. Beim Verlesen der Zeugenliste in der Anklageschrift hatte er nach dem Zeugnis des Chefanklägers Dr. Jan Sehn wörtlich ausgerufen: „Was? So viele Juden? Und uns hat man immer gesagt, da wird kein Schwanz übrig bleiben“. Göth gab an „nur Befehle“ befolgt zu haben, doch Pemper sagte als zwölfter Prozesszeuge aus, dass Göth ganz offensichtlich auch ohne Befehl Menschen getötet hat, auch weil es schlicht unmöglich war, dass er sich für jeden einzelnen Fall der Tötung die Genehmigung seiner vorgesetzten Behörde hätte holen können. Göth, dessen Verteidigung damit in sich zusammen brach, wurde vom Gericht in Krakau zum Tode verurteilt und gehängt. Die Nachricht von seinem Todesurteil wurde in der ganzen Stadt plakatiert und auch seitens der polnischen Bevölkerung mit großer Beachtung aufgenommen. Mietek Pemper blieb bis zum Tod seiner kranken Mutter, die er pflegte, in Polen und übersiedelte hernach 1958 nach Deutschland, wohin er seinem Bruder folgte. Während dieser jedoch nach Hamburg verzog, blieb Pemper letztlich dann doch in Augsburg, wo er am Fuße des Judenbergs unweit des früheren mittelalterlichen jüdischen Viertels bis heute in seinem Büro als Unternehmensberater und Immobilenhändler tätig ist. Auch mit Oskar Schindler hatte er wieder zu tun. Schindler, von dem Pemper sagt „er war ein außergewöhnlicher Mensch aber nur für außergewöhnliche Zeiten“, lebte zunächst fünf Jahre in Regensburg, ehe er sich in Argentinien erfolglos als Tierzüchter und Fellhändler versuchte und schließlich nach seiner Rückkehr 1961 bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main und abwechselnd in Jerusalem wohnte. Pemper bemühte sich damals auch darum, seinem Beschützer und Retter, der in den letzten Kriegsjahren sein gesamtes finanzielles Vermögen aufbrauchte, um seine Arbeiter vor dem sicheren Tod in Sicherheit zu bringen, finanzielle Entschädigung für seinen Fabrikbesitz zu erzielen. Doch in der frühen Nachkriegszeit konnte man manches Mal den Eindruck gewinnen, als wäre dies leichter gewesen, wenn man nicht 1000 Juden gerettet, sondern getötet hätte. Über die heute so berühmte Geschichte sprach Pemper in den ersten Jahrzehnten kaum und schon gar nicht öffentlich. Auch als er im April 1993 auf Einladung von Spielberg bei den Dreharbeiten in Krakau war, fragte er sich, wie der Film besonders in Deutschland wohl ankommen würde und rechnete damit, dass er ebenso ignoriert würde wie das Buch des Australiers Thomas Keneally, auf dem Spielbergs Film basiert. Hier irrte sich Pemper, der im Film mit seinem Freund Itzak Stern zu einer Person vereint wurde, nur einmal kurz wird beim Verlesen einiger Namen der Liste zur Einblendung einzelner Darsteller auch kurz der Name Mietek Pemper erwähnt. Damit beginnt natürlich auch die Frage nach der Authentizität des Films und den Schwierigkeiten komplexe Sachverhalte unter oft völlig chaotischen mitunter aber auch absurd pedantischen Bedingungen zu vermitteln. Schon um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu überfordern war es nach Spielbergs Auffassung erforderlich sich auf wenige Protagonisten zu konzentrieren. Aus Gründen der Dramaturgie hatte er auch die Entstehung der Liste stark vereinfacht dargestellt. Im Film diktiert sie Schindler sie einfach. Aber 1000 Namen mit Geburtsdatum, Beruf usw. auswendig aufzusagen, wäre nicht möglich gewesen. Tatsächlich wurde daran jedoch in der Lagerkommandantur viele Tage lang bearbeitet. Andererseits aber sparte der Film natürlich auch reale Szenen aus, wie etwa die Zerfleischung von Menschen durch Hunde, die einem breiten Publikum nicht zu vermitteln wären. Pemper selbst wurde auch von einem dieser Hunde am Ellenbogen gebissen und er zeigt während des Gesprächs seine noch heute sichtbare Wunde. Damals musste er weiter in Göths Schreibstube arbeiten. Film und Wirklichkeit haben also durchaus eine unterschiedliche Färbung, doch wer außer den Zeitzeugen weiß es noch? Anders als rein dokumentarischen Werken, gelang es Spielbergs Film aber eben auch ein Publikum von inzwischen 200 Millionen Menschen zu erreichen und eine Breitenwirkung zu erzielen, die sonst nicht möglich wäre.
Mietek Pemper, der Mann der in seinem langen Leben vielen Mächtigen und Ohnmächtigen, machtbesessenen und – missbrauchenden Menschen begegnet und trotzdem vor allem er selbst geblieben ist, ist es heute vor allem ein Anliegen, dass man versteht, wie diese Ereignisse damals möglich waren und so nutzt neben seinem Buch das er geschrieben hat, bei häufig strapazierten Stimmbändern seine Kraft, um in Vorträgen zu erzählen von seiner Geschichte, von Schindler und von jener Zeit, die für uns jungen Generationen oft in Metaphern und Begriffen hängen bleibt. Zwar ist er unverheiratet und kinderlos geblieben, doch vielleicht kann man in einem bestimmten Sinne die Nachkommen der „Schindler-Juden“ auch als seine Kinder ansehen, jedoch ist Pemper wie auch immer keineswegs ein Opfer oder Gefangener seiner Erinnerungen, sondern ist trotz seines fast biblischen Alters geistig vital, vielseitig interessiert und belesen und man kann sich kaum ein Thema denken, bei dem er nicht informiert mitreden und etwas Kluges mit feinsinnigem Humor anzumerken versteht, häufig natürlich in Form von Geschichten und Anekdoten, die er im Laufe seines Lebens aufgesogen hat. Das kann sich auf Napoleon beziehen oder auf Goethe, etymologische Erklärungen über den slawischen Ursprung des Namens Porsche oder aber Betrachtungen über das mittelalterliche Augsburg, immer wieder auch lateinische Zitate, die er noch aus seiner Schulzeit kennt oder aus Werken der Weltliteratur, die er im Original gelesen hat … und wenn sein Gedächtnis ihn ausnahmsweise doch einmal etwas im Stich lässt, so steht auf, geht zu einem Bücherregal und weiß zumindest ganz genau, wo er nachschlagen muss. So ist er natürlich auch informiert über die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und macht sich auch manche Sorge über die Zukunft der jüdischen gemeinden in Deutschland. Er weiß von der Bedrohung die mitunter auch von radikalen Islamisten für Juden ausgehen, bringt seine Sorgen dazu aber nicht ohne Gegenbeispiel zum Ausdruck. Als er kürzlich in München einen Vortrag vor Schülern hielt, stand am Ende eine Gruppe geschlossen auf und ging Richtung Ausgang. Dort standen sie dann eine Weile abseits und warteten, sprachen mit dem Lehrer. Dieser kam später zu Mietek Pemper, der das Verhalten zunächst nicht einschätzen konnte, und erzählte ihm, dass diese Schüler Muslime waren und ihn baten, Pemper für seinen Vortrag zu danken. Deutschen Schülern schärft Pemper immer wieder ein, dass das Nazi-Regime nicht nur jüdische Menschenleben kostete und stellt immer wieder fest, dass nur wenige von ihnen auch nur ahnen, dass auch Millionen Deutsche im Krieg ums Leben kamen, sondern oft nur Erfolgsgeschichten über Blitzkriege verinnerlicht haben. Diese Unbedarftheit beunruhigt ihn. Der Historiker Ian Kershaw sagte eins, dass der Weg nach Auschwitz mit Gleichgültigkeit gepflastert war („… was paved with indifference“). Die Antwort des kleinen, bescheidenen Mannes darauf besteht darin zu reden und zu vermitteln, auch wenn es erkennbar ist, dass sein Kraftaufwand dafür enorm ist. Doch scheinbar genügen ihm kleine Momente der inneren Ruhe, um aus der Erschöpfung mit einer lustigen Anekdote oder einem Witz das Gespräch immer wieder aufzunehmen. Einzig die Frage danach wie sehr Spielbergs Film sein Leben verändert hat, veranlasst ihn zu einem längeren Schweigen. Eine dumme Frage vielleicht, aber er kontert sie nach einigem Überlegen … natürlich mit einem Witz.
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Yehuda Schenef und Jan Stern
(Juli 2007)
(als Artikel erschienen im “eurojournal pro mangement” 02/2007)
Add comment Juli 25, 2007
C’est le ton qui fait la musique – Sarkozys neue Akzente in den transatlantischen Beziehungen
Frankreich hat gewählt und mit dem 52jährigen Nicolas Sarkozy einen neuen Staats- und Regierungschef. Der Sohn eines ungarischen Immigranten drängte bereits im Wahlkampf die Franzosen dazu, ihre berühmte entspannte Lebensart zu berichtigen, um mit Elan mehr für Frankreichs Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu leisten.
Zwar besitzt Frankreich nach Deutschland die zweitgrößte Wirtschaftsmacht in Europa, doch gemessen am Wirtschaftswachstum fiel das Land unter den Euro-Ländern bereits auf Platz 10 zurück und weist zudem eine der höchsten Arbeitslosenraten der EU auf. Waren Politik und Wirtschaft Frankreichs in den letzten Jahren von beinahe undurchschaubaren Intrigen und Skandalen („Clearstream-Affäre“) erschüttert, so verunsicherten Unruhen unter perspektivenlosen jugendlichen Immigranten und Arbeitslosen in den Pariser Vororten und in anderen Großstädten die Gemütslage der Franzosen zusätzlich. Eine allgemeine Lethargie und Mutlosigkeit machte sich breit, die auch mit einer konzeptionell wenig überzeugenden und zudem auch glücklosen Politik auf internationalem Parkett einherging.
Während Deutschland eine immer stärkere Annäherung an Rußland betrieb und die Briten unter Tony Blair den Schulterschluß mit den USA noch mal verstärkten, dümpelte Frankreichs Rolle in der Welt vor sich hin und Präsident Jacques Chirac mußte schon Teheran mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen, um überhaupt, wenn auch nur kurzfristig und keineswegs vorteilhaft, internationale Beachtung zu finden. Naturgemäß mußte bei einer solchen Ausgangslage bei Wahlen eigentlich die Opposition profitieren, jedoch mußte sich der Kandidat Sarkozy nicht zu sehr verstellen, um sich als Alternative zu jener Regierung zu präsentieren, der er selbst als Innenminister angehörte, setzte er sich doch gegen außerordentliche Widerstände des eigenen Lagers ebenso klar wie überzeugend durch. Sarkozy gelang es mit einer von vielen Kommentatoren in ihrer Machart als „amerikanisch“ empfundenen Kampagne, eine im Lande weit verbreitete Stimmung nach Veränderungen aufzugreifen und eine selbstbewußte nationale Aufbruchstimmung zu verkörpern, die vor allem auch an das Selbstverständnis der „Grande nation“ appellierte, in Anlehnung an die USA einen „französischen Traum“ versprach und somit schließlich sogar auch bei vielen Immigranten punktete. Ein Erfolg, der sich nun auch bei den Parlamentswahlen für seine Partei wiederholte.
Die Wahl des in Frankreich mal als „neuer Napoleon“ oder auch mal als „Petit Nicolas“ karikierten Politikers könnte nun aber auch helfen, die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und den USA (aber auch zu Kanada) zu verbessern, die seit der rigorosen Ablehnung der US-geführten Invasion im März 2003 merklich abkühlten. Schon als möglicher Kandidat für das französische Präsidentenamt ließ Sarkozy keinen Zweifel an seiner Verbundenheit zu den Vereinigten Staaten und besuchte so etwa eine Gedenkveranstaltung am fünften Jahrestag der Anschläge des 11. September in New York City. Damals sagte er, daß er alles daran setzen wolle, um die Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten wieder aufzubauen, um die gemeinsamen weltweiten Herausforderungen anzunehmen.
Die zurückliegenden Trübungen der transatlantischen Beziehungen litten seiner Einschätzung nach dann auch unter zu vielen Mißverständnissen, die durch einen Mangel an Dialog und manchmal vielleicht auch durch ein Haar verursacht worden seien. Er wollte nun auch keine Schuldigen auf der einen oder anderen Seite suchen, sondern Lösungen finden. Mit solchen Worten hinterließ er bei seinen New Yorker Gastgebern, insbesondere aber auch in der politischen Szene des Landes einen nachhaltig positiven Eindruck über alle Lager hinweg, freilich nicht ohne in Frankreich Mißstimmung dafür zu ernten, auch bei Chirac, der sichtlich verstimmt darüber war, daß „sein“ Innenminister sich außenpolitisch betätigte und noch dazu im klaren Widerspruch zu seinen eigenen Positionen. Für Sarkozy jedoch überwiegen bei weitem die positiven Seiten der franko-amerikanischen Beziehungen und er beruft sich dabei ausdrücklich auf eine lange und alte Partnerschaft zwischen den beiden ältesten demokratischen Nationen, wie sie auch etwa auf der Webseite der französischen Botschaft in den USA zum Ausdruck kommt. Dort heißt es selbstsicher: „Unsere beiden Staaten sind in einer Freundschaft vereint, die weit mehr als 200 Jahre zurückreicht und die Frankreich zum ältesten Verbündeten Vereinigter Staaten macht.“ Das Bekenntnis streift die lange und wechselvolle Beziehung von den Schlachtfeldern von Yorktown bis zu denen der Normandie und stellt letztlich auch fest, daß es gewiß kein Zufall sei, daß die Universelle Erklärung der Menschenrechte vor mehr als 50 Jahren mit Eleanor Roosevelt und René Cassin, von einer US-Amerikanerin und einem Franzosen verfaßt wurde.
An diese enge, auch emotionale Verbundenheit möchte Sarkozy anknüpfen, um dem längst verhallten Versprechen seines Vorgängers Chirac vom aus dem Herbst 2001 (“Frankreich wird Schulter an Schulter mit Amerika in der ersten Frontlinie stehen, um die internationalen terroristischen Netzwerke zu bekämpfen, und für immer sein engster Verbündeter bleiben“) Gehalt und Wirkung geben.
So verwunderte es nun auch nicht, daß Sarkozy, der den Irak-Krieg freilich nach wie vor für einen Fehler hält, noch am Wahlabend gleich in seiner ersten offiziellen Dankesrede vor Parteianhängern ausdrücklich auf die USA zu sprechen kam, die „auf unsere Freundschaft zählen“ könnten: „Ich möchte klarstellen, daß die Vereinigten Staaten wissen, daß Frankreich immer auf ihrer Seite stehen, wenn sie es benötigen.“
Wer nun aber wie zahlreiche Kritiker hinter Sarkozys emotionaler Bekräftigung des franko-amerikanischen Verhältnisses eine neue Achse Bush-Sarkozy wittert, die nach dem Ausscheiden des britischen Premiers Blair noch mal zusätzlich an Bedeutung gewinnen könnte, liegt wohl falsch, denn Sarkozy läßt zum einen keinen Zweifel daran, daß es zwischen den amerikanischen und französischen Positionen und Interessen durchaus substantielle Unterschiede gibt, wie etwa in der Klimaschutzpolitik, oder aber daß er französische Agrarinteressen auf dem Weltmarkt ebenso nachdrücklich verteidigen will, wie die Bush-Administration amerikanische. Sarkozys bedachte Strategie besteht dabei jedoch darin, Gemeinsamkeiten zu betonen und Unterschiede zu diskutieren. Zum anderen weiß er natürlich, daß eine zu enge Festlegung auf die Bush-Administration weder sinnvoll noch zeitgemäß wäre, stehen doch auch in den USA Präsidentschaftswahlen ins Haus, im übrigen die ersten seit mehr als fünfzig Jahren, in denen kein aktueller Regierungschef oder Stellvertreter für das Amt kandidieren wird. Umso schwieriger ist es demnach auch einzuschätzen, wer im Januar 2009 Bushs Nachfolge im Weißen Haus antreten wird, ob nun Hillary Clinton oder John Edwards von den Demokraten oder John McCain, bzw. Rudy Giuliani von den Republikanern oder gar ein aktuell noch weniger beachteter weiterer Kandidat aus den beiden Lagern.
Jedoch kann wie auch immer kein Zweifel daran bestehen, daß Sarkozy alles daran setzen wird, das verbesserte Verhältnis zur westlichen Großmacht auch dazu zu nutzen, nicht nur um den Führungsanspruch in Europa zu untermauern, sondern auch, um das französische Gewicht auf der politischen Weltbühne wieder zu stärken. Daß er dabei auch den engeren Schulterschluss mit Großbritannien sucht und findet, kam nicht nur in Tony Blairs viel beachteten, in makellosem Französisch vorgetragenen Videogrußbotschaft zum Wahlsieg Sarkozys zum Ausdruck. Tatsächlich könnten sich die Akzente der europäischen Politik nun auch wieder mehr in die transatlantische Richtung verschieben, nachdem sie sich in den vergangenen Jahren, gerade auch unter deutschem Einfluß vermehrt auf Rußland bewegten. Nicht nur deshalb überwiegt in Deutschlands Politik und Presse derzeit auch noch eine gewisse Skepsis gegenüber dem neuen französischen Präsidenten, der im Wahlkampf zudem auch mit als „deutsch-feindlich“ bewerteten Auffassungen aufgefallen war. Daß das deutsche Volk mit seiner Stimme am Nazi-Wahn teilgenommen habe, sei ihm ein „Rätsel“, war da zu hören, wohingegen Frankreich wegen seiner eigenen Geschichte nicht erröten müße, habe es doch weder einen „Völkermord begangen“ noch „die Endlösung erfunden.“ Aussagen, die nicht nur vom sozialistischen Lager im französischen Wahlkampf als „Verneinung der deutsch-französischen Aussöhnung“, an der alle Präsidenten seit 50 Jahren gearbeitet hätten, bewertet wurden. Jedoch wäre übertrieben, Sarkozy auf Grund solcher Aussprüche, die im Wahlkampf letztlich auch eher für die Stärkung des heimischen Selbstbewußtseins bestimmt waren, als germanophob einzustufen. Das ist er keineswegs. So steht Sarkozy beispielsweise der Merkelschen Ablehnung einer EU-Mitgliedschaft der Türkei – von den USA traditionell befürwortet – als klarer Verbündeter zur Seite. Eine pragmatische Form der Beziehung, die sich jüngst auch beim G8-Gipfel in Heiligendamm bewährte, als Sarkozy gemeinsam mit Blair Merkels Position stützend, auch Bushs Haltung einbezog und sagte, er wolle „lieber mit den Fingern auf China als auf die USA zeigen“ und damit das Eis brach und so einen Kompromiß zwischen zuvor unversöhnlich gegenüberstehenden Positionen ermöglichte.
Die Karten der Weltpolitik werden neu gemischt und Sarkozy will dabei nicht nur Akzente setzen, die Frankreichs Position stärken, sondern in der Übergangszeit zu den Wahlen in den USA, Rußland, Großbritannien und Deutschland in den nächsten beiden Jahren in die tonangebende Rolle des Dirigenten finden.
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Yehuda Schenef
July 2007, erschienen im „Eurojournal“ 2/2007
Add comment Juli 21, 2007
Supermans Rückkehr
Mit runden Geburtstagen oder prominenten Jubiläen ist es so eine Sache. Wer sie selbst feiert, kann persönliche Geschenke und Ehrungen ausschlagen und stattdessen um Spenden für einen wohltätigen Zweck bitten, um sich dem Trubel ein wenig zu entziehen. Das kommt immer gut an und schafft eine oftmals nötige Distanz. Anders sieht es aus, wenn der Jubilar nicht mehr am Leben ist und sich der Ehrung und Diskussionen um ihn nicht mehr erwehren kann. Ein solcher Fall wäre Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 15. November dieses Jahres runde 100 Jahre alt würde. Stauffenberg, der berühmt gewordene Hitler-Attentäter ist freilich noch nicht mal 37 Jahre alt geworden. Die Geschichte um „sein“ Attentat, im Deutschland der Nachkriegszeit als eine Art halboffizieller Feiertag mit alljährlichen Festakten gefeiert, ist von einem zarten Pflänzchen zum monumentalen Baum gewachsen, stets um weitere Jahresringe erweitert, imposanter, größer und gewichtiger geworden. Sie wuchs zur willkommenen Metapher des „Deutschen Widerstands gegen Hitler“, den es als nationales Phänomen freilich nicht gab. Je volkstümlicher das Stauffenberg-Thema durch Veranstaltungen, Theaterstücke, Filme und Bücher wird, umso mehr wird vereinfacht, pauschalisiert und ausgespart. Stauffenberg wird überlebensgroß, doch seine Motive werden immer nebulöser. Er wird zum Helden ohne Hintergrund, der ähnlich wie „Superman“ vor einer dramatischen Kulisse aus dem Nichts auftaucht, um die Welt zu retten. Die Rettung misslang. Hitler überlebte das Attentat für folgenschwere weitere Monate, Stauffenberg jedoch wurde mit anderen als Verschwörer tags darauf hingerichtet.
Anders als der einfache schwäbische Arbeiter und Hitler-Gegner Georg Elser, der „den Führer“ bereits 1939 im Münchner „Bürgerbräukeller“ töten wollte, war Graf von Stauffenberg allerdings auch ein früher Anhänger Hitlers, überzeugter Militär und stieg als Oberst in den Generalstab des Regimes auf. Noch im ersten Kriegsjahr schrieb er seiner Frau aus dem besetzten Polen: “Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt.“ Elser saß da schon als „besonderer Schutzhäftling” im KZ Dachau, das er nicht mehr lebend verlassen sollte. Es waren auch weder Parteienverbote noch Nürnberger Rassegesetze, weder Kristallnacht noch Auschwitz, die Stauffenberg zum „Deutschen Widerstand“ ermunterten. Zu zahlreich, begeistert und entschlossen folgte das deutsche Volk seinem Messias. Zu siegestrunken machten die Blitzkriege. Die damit verbundenen Entgleisungen nahm man zwar früh wahr, aber was wogen sie schon gegen die „Erfolge“? Die gaben Hitler Recht. Das sah der Patriot Stauffenberg auch so. Zum Putsch konnte sich Stauffenberg – seit dem 1. Juli 1940 mit regelmäßigem Zugang zu Hitler – folglich auch erst entschließen, als die militärische Niederlage unabwendbar war. Der Misserfolg gab Hitler nun Unrecht. Strittig war unter den Umstürzlern freilich, was an Stelle des Hitlerschen Regimes treten sollte. Eine parlamentarische Demokratie lehnten er und seine überwiegend konservativen aus dem Adel und Militär stammenden Mitverschwörer ab. Die Nazi-Propaganda tat sich da leichter und prangerte die Konspiration als feigen Landesverrat an, der dem Deutschen Reich in Zeiten höchster Not in den Rücken gefallen sei. Die Kontroversen um Stauffenberg und den 20. Juli blieben bis heute erhalten, wenngleich der Vorwurf des „Landesverrates“ aus den öffentlichen Debatten freilich verschwand und durch die Kritik eines zu späten und nicht unbedingt selbstlosen Handelns ersetzt wurde. Aber nicht nur Lob lässt sich aus zeitlicher Distanz leichter formulieren. Es dauerte seine Zeit, bis man Stauffenberg angemessen würdigte. Das Widerstandsrecht, welches moralisches, juristisches Argument dafür wäre, wurde freilich auch erst 1968 in das deutsche Grundgesetz aufgenommen. International wurde der 20. Juli hingegen kaum beachtet. Churchill hatte die Nachricht vom Attentatsversuch noch so kommentiert, dass sich die Nazis nun gegenseitig umbrächten, ihre Tage aber so oder so gezählt seien. Bis heute betrachtet man das Datum ganz im Gegensatz zur bundesdeutschen Wirklichkeit weiterhin als zu vernachlässigendes Randgeschehen. Nun zum runden Geburtstag Stauffenbergs könnte dieses „Desinteresse“ gerade auch international durchbrochen werden und dem Hitler-Attentäter die weltweite Aufmerksamkeit zuteil werden, die ihm nach Meinung vieler längst zustünde, nimmt sich doch nun Hollywood des Themas an. Wie so oft aber, wenn es die dunklen Jahren der deutschen Geschichte betrifft, geht dies nicht ohne bittere, mitunter skurrile Auseinandersetzungen von statten. Und so sind es gerade auch jene, denen am Vermächtnis Stauffenbergs besonders gelegen ist, die sich gegen diese Art der Würdigung heftig zur Wehr setzen.
Kontroversen über Filme, deren Dreharbeiten noch nicht einmal begonnen haben sind eher selten. Das Projekt „Valkyrie“, dass unter der Regie von Bryan Singer die Geschichte des versuchten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 thematisiert, ist eine solche Ausnahme, zumindest in Deutschland, wo der Film größtenteils entstehen soll. Der Streit, der inzwischen alle Feuilletons beschäftigt, wurde u.a. von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg losgetreten, der sich dagegen „ganz entschieden dagegen“ verwahrt, dass sein Vater vom international ungleich bekannteren US-Superstar Tom Cruise gespielt werden soll. Cruise nämlich bekennt sich zur Scientology Kirche, einer in Deutschland zwar nicht verbotenen, jedoch mitunter vom Verfassungsschutz überwachten und noch immer nicht als Religion anerkannten Organisation. Das Bundesfinanzministerium als Hausherr verweigerte für den Originalschauplatz Bendlerblock die Drehgenehmigung. Wo heute der Sitz des Verteidigungsministeriums ist, wurden Stauffenberg und andere nach dem Scheitern des Anschlags hingerichtet. Zur Begründung hieß es in einer offiziellen Stellungnahme, Dreharbeiten dort verletzen die Würde des Ortes. Merkwürdig jedoch ist, dass United Artists bislang gar keine Anträge für eine Drehgenehmigungen gestellt hat. Der Vorstoß der Bundessministerien kommt daher einigermaßen überraschend. Als vor vier Jahren Jo Baiers Fernsehfilm die Stauffenberg-Geschichte verfilmte, gab es diese Bedenken freilich nicht. Die Hauptrolle spielte damals Sebastian Koch, der just am selben Tag geboren wurde, als Adolf Eichmann hingerichtet wurde und somit einen Monat älter als Cruise ist. Vor Stauffenberg hatte Koch bereits Hitlers Architekten Albert Speer und den RAF-Terroristen Andreas Bader verkörpert. Irgendwo dazwischen musste dann wohl auch die Figur Stauffenberg hineingepasst haben, jedenfalls hielt es niemand für unpassend, dass er den Hitler-Attentäter mimte. Aktuell ist Koch in der Verfilmung des Kinderbuchs „Rennschwein Rudi Rüssel rennt wieder“ zu sehen, beworben als „vergnüglicher Kinospaß für die ganze Familie”. Das wird „Valkyrie“ wohl eher nicht werden.
Anders als Koch hat Tom Cruise mit der Verkörperung historischer Charaktere praktisch keine Erfahrung, dafür erlangte er Weltruhm durch fiktive Figuren in Filmen wie „Top Gun“, „Rainman“, „Mission Impossible“ oder „Minority Report“, die zu internationalen Kassenschlagern wurden. Cruise selbst ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, wollte in früher Jugend katholischer Priester werden und besuchte sogar ein Jahr lang ein entsprechendes Seminar des Franziskanerordens. Dann jedoch wandte er sich dem Ringen zu, ehe er nach einer Knieverletzung den Sport aufgab und sich der Schauspielerei widmete. Zwar zählt er längst zu den bestbezahlten Akteuren des internationalen Filmgeschäfts, aber trotz dreier Nominierungen hatte es für ihn noch nicht zum begehrten „Oscar“ gereicht. Und so sind es nicht zuletzt auch eher private Belange, wie seine Ehen (mit Nicole Kidman und Katie Holmes), die ihn regelmäßig in die Schlagzeilen bringen, die den Gerüchten über seine angebliche Homosexualität keinen Abbruch tun konnten (oder diese erst erzeugten?). Ein wenig fühlt man sich an seinen Freund David Beckham erinnert, von nicht wenigen Sportjournalisten als überbewerteten Fußballer eingestuft, der aber nicht zuletzt durch seine Ehe mit einem „Spice Girl“ zum Liebling der Boulevard-Presse mutierte. Andere Kommentatoren ziehen Vergleiche zu den Diskussionen um Steven Spielberg, dem man als Regisseur von Filmen wie „Weißer Hai“, „E.T.“ oder „Jurassic Park“ anfangs kaum zutraute, einen Stoff wie „Schindlers Liste“ zu meistern. Inwieweit solche Gegenüberstellungen und Kritiken angemessen sind, ist jedoch eine Geschmacksfrage, da es ja nun auch nicht Tom Cruise ist der Regie führt, sondern Bryan Singer, kein Scientologe, sondern wie Spielberg Jude, der zuvor gleichfalls mit Action-Filmen wie „X-Men“ oder „Supermans Return“ Erfolge feierte.
Cruise ist allerdings kein Antisemit und er leistete auch keinen Eid auf Hitler, jedoch bekennt er sich zur Scientology-Kirche, jener umstrittenen und bizarren Mischung aus Neurolinguistischem Programmieren (NLP), Science Fiktion und Mission Impossible, die nach eigenen Angaben etwa zehn Millionen Mitglieder hat (oder sollte man besser „Kunden“ sagen?). In vielen Ländern der Welt ist die Kirche zwar umstritten, aber auch anerkannt. In Deutschland betrachtet man sie als „Gefahr für Demokratie, Verfassung und Menschenrechte“ und sie wird deshalb seit über zehn Jahren von Verfassungsschützern beobachtet – sogar das Bayerische Innenministerium widmete ihnen eine eigene Broschüre – ohne dass freilich nennenswerte Erkenntnisse veröffentlicht wurden. Das aber soll die für ihre Geheimniskrämerei bekannte Scientology selbst ja ebenso handhaben. Oft angeführt wird die Behauptung die SO verfolge mittels manipulativer Psychopraktiken totalitäre, auf die Weltherrschaft ausgerichtete Ziele. Das gibt zu denken. Man fragt sich allerdings, wie das im Detail eigentlich funktionieren soll, ob es tatsächlich stattfindet und was dies mit Filmen zu tun haben könnte. Welcher Trick, auf den ich nicht komme, bringt die Scientology-Kirche mit Cruise als Stauffenberg der Weltherrschaft näher? Spielt Cruise die Rolle so gut, dass man seine Sekte als Widerstandsbewegung gegen das Nazi-Regime feiern wird? Oder befürchtet man etwa, der Scientologe wird die Stauffenberg-Rolle so boshaft interpretieren, dass ein weltweites Publikum Mitleid mit Hitler bekommt?
Peter Steinbach, Leiter der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin spricht im ZDF-Kulturmagazin „aspekte“ gar von einer „zweiten Hinrichtung des Protagonisten Stauffenbergs“ und Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg fordert „Cruise in dieser Rolle muss verhindert werden“. Man hat den Eindruck, als ob sich der deutsche Widerstand seiner Existenz versichern will und sich nun auf Cruise fixiert – freilich, Gott sei es gedankt, nicht in Form einer Bombe – aber doch in recht verbitterten, aggressiven Worten, ganz so als wollte man weitere Belege für die Einschätzung der Scientologen nachliefern, sie würden in Deutschland „wie einst die Juden diskriminiert und verfolgt“. An Boykott-Aufrufen gegenüber der Kirche in Deutschland mangelt es nach Auffassung deren Mitglieder hingegen nicht. Während einzelne Scientologen mit der Entlassung rechnen müssen, wurde der Frankfurter Niederlassung das Bankkonto aufgekündigt. Beispielsweise mussten auch schon mal alle leitenden Angestellten der Warsteiner GmbH, Deutschlands größte Privatbrauerei, schriftlich erklären, keine Mitglieder von Scientology zu sein. Aber auch Kindergärtenplätze werden verweigert, so die Eltern als Mitglieder bekannt sind oder sich als solche herausstellen und der Bundesverband Deutscher Privatschulen e.V. (VDP) versichert auf seiner Webseite „scientology-frei“ zu sein: „VDP-Mitglieder müssen eine Selbsterklärung ausfüllen, dass sie weder in Scientology-Techniken geschult wurden noch danach arbeiten und dass sie einen Einsatz dieser Techniken im Unterricht ablehnen.“ Entsprechend einer Weisung des Arbeitsministeriums an die Bundesanstalt für Arbeit von 1994 (IIa4-43/397) zur „Unvereinbarkeit mit Scientology“ verpflichtet sich auch der Bundesverband der Personalvermittler entsprechend. Und so weiter …
Hauptgegner der Sekte scheint aber – und dies eher abseits der breiten Mediendebatte - vor allem die Pharmaindustrie und mit zahlreiche Ärzteverbände zu sein, seitdem die Organisation in öffentlichen Demonstrationen und Kampagnen gegen Psychopharmaka und „die Psychiatrie“, zu Felde zieht. Laut Scientology wären diese nämlich bloße „Instrumente zur Versklavung der Menschheit“. Als solches Werkzeug diene bereits „Ritalin“, ein Methylphenidat-haltiges Präparat, das häufig u.a. hyperaktiven Kindern verabreicht wird. Das Mittel ist den Scientologen – wie anderen esoterisch angehauchten Heilspredigern – so verhasst, dass sie ihm einen “nationalsozialistischen und rassistischen Hintergrund” andichten. Den es freilich nicht gibt. In beinahe jeder TV-Show, in der Tom Cruise in den letzten Jahren auftrat, verdammte er die Psychologie zu einer „Nazi-Wissenschaft“ (die Nazis sahen sie komischerweise noch als eine „jüdische“) und blamierte sich mit der Unterstellung, der Heroin-Ersatzstoff „Methadon“ sei zu Ehren Hitlers zunächst „Adolophine“ benannt worden. Richtig ist, dass Hitler Deutschland im Rahmen seiner Kriegsplanungen von ausländischen Opiumlieferungen, die der Morphinherstellung dienten, unabhängig machen wollte. Der daraufhin von Mitarbeitern der I.G. Farben unter der Synthesenummer „Va 10820“ entwickelte Wirkstoff erhielt 1939 jedoch den Codenamen “Amidon”. Dem hingegen war es nun aber der US-Hersteller Eli Lilly, der der Substanz 1947 in den USA die selbstredende Bezeichnung „Dolo(r)phin“ (von lateinisch dolor = Schmerz und fin = Ende) gab. Es stimmt zwar, dass die „Ersatzdroge“ Methadon keineswegs harmlos ist – nach Angaben der EU sind die meisten Drogentoten in Europa auf Methadon zurückzuführen – dennoch ist die Kolportage bestenfalls ein schlechter Scherz, den Cruise freilich ernst nimmt. In den USA, wo Antidepressiva wie „Prozac“ so gängig sind wie hierzulande „Aspirin“, kommt Kritik gegen Pharmazeutika aber nicht überall gut an, schon gar nicht, wenn sie mit Halbwahrheiten oder barem Unsinn untermauert wird. Zur Bestürzung mancher Ärzte und der Pharmaindustrie verzeichnet die Propaganda von „Superstars“ wie Cruise oder Travolta durchaus Erfolg. Auch in Deutschland wächst seit Jahren die von der Sekte geschürte „Ritalin-Angst“, insbesondere in der „alternativen Heilkunde“-Szene. Befürworter und Gegner der Scientology-Kirche werfen sich nun neben psychologischer Manipulation auch vor allem wirtschaftliche Interessen vor. Kein Wunder: Allein im Bereich der medikamentösen Behandlung von Depression schätzt man das weltweite Marktvolumen auf rund 20 Milliarden Euro, was rund fünf Prozent des Gesamtpharmamarktes entspricht. Logisch, dass hier mit auf allen Seiten mit sehr harten Bandagen gekämpft wird. Für Außenstehende ist das schwer zu durchschauen.
Worum ging es gleich noch mal? Richtig, um einen Film. Sicher es gab in der Filmgeschichte einige krasse Fehlbesetzungen. Wer bekommt etwa nicht ein ganz anderes, als das beabsichtige, Gruselgefühl, wenn er den hölzernen Jack Palance als „Dracula“ sieht oder dessen Western-Kollegen John Wayne in seiner völlig verkorksten Rolle als Mongolen-Fürst „Dschingis Khan“? Wer hegt auch nur noch einen Funken Hoffnung für irgendeine Form von Gerechtigkeit auf dieser Welt, nachdem er Omar Sharif als „Che Guevara“ erduldet hat? Als Demokrat tut man sich zugegeben etwas schwer damit, das so offen auszusprechen, aber bei manchen Machwerken verspürt man als Cineast doch wenigstens den heimlichen Wunsch, alle an der Produktion Beteiligten umgehend mit Zensur zu belegen. Ob bei wirklich schlechten Filmen der Anteil von Scientologen überproportional hoch ist, hat aber meines Wissens noch keine Studie schlüssig belegt. Vielleicht aber wären derlei Befürchtungen berechtigt, wenn ausschließlich Angehörige dieser Glaubensrichtung Filme produzierten, wirbt die Gruppierung doch auch mit dem Slogan „Wir nutzen nur 10 % unseres Gehirns“ (was aus medizinischer Hinsicht im Koma-Bereich läge). Der einzig objektive Grund der mir einfiele, warum Cruise nicht geeignet wäre Stauffenberg zu spielen wäre ein rein körperliches Kriterium. Stauffenberg war 1.85 m groß, Cruise hingegen misst nur 1.68 m.
Man sollte aber wie auch immer die Sache gelassener sehen und einfach abwarten wie „Valkyrie“, dessen Drehbuch kein Kommentator kennt, denn nun wird. Sollte wirklich nur Murks dabei herauskommen, kann man immer noch „Vergeltung“ üben, etwa in Form einer schwülstigen Hubbard-Biographie mit Hape Kerkeling in der Hauptrolle.
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Yehuda Schenef
erschienen im „Eurojournal“ 3/2007
Add comment Juli 4, 2007
Ohne Israel geht es nicht
Vor noch nicht mal einem Jahr sorgte der Krieg zwischen Libanon und Israel für weltweites Aufsehen. Hunderte von Raketen aus dem Libanon gingen auf Städte und Siedlungen im Norden Israels nieder und verursachten die umfangreichsten Schäden und Flüchtlingsströmen (eine halbe Million Israelis wurden evakuiert) seit Jahrzehnten. Paramilitärische Einheiten der Hisbollah waren zuvor auch auf israelisches Territorium vorgedrungen und hatten, wie kurz zuerst Kämpfer der Hamas, israelische Soldaten gekidnappt. Die Reaktion des israelischen Militärs auf den Beschuss und die Entführungen ließ nicht lange auf sich warten, hielt indessen lange an und wurde international in ungewöhnlich heftiger Weise kritisiert. Trotzdem man Israel das Recht zur Selbstverteidigung durchaus zusprach, war es auch für die westlichen Medien eine ausgemachte Sache, dass Israel dabei „überreagieren“ und „unverhältnismäßig“ vorginge. In Israel selbst hingegen wurde die Ineffizienz des militärischen Einsatzes, der überfordert wirkende Verteidigungsministers Amir Peretz und die zu späte Bodenoffensive kritisiert. Letztere half doch wohl der Hisbollah, sich teilweise in Sicherheit zu bringen und sich hernach als „triumphaler Sieger“ auszurufen. Worin dieser Sieg der Hisbollah nun aber bestanden haben mag, ist ein vielen ein Rätsel. Auch für Hazem Saghieh, dem libanesischen Redakteur der Al-Hayat, der zweitgrößten pan-arabischen Tageszeitung mit Sitz in London, der als Resultat des Krieges sieht, dass lediglich Teile des Libanons zerbombt wurden, während Israel die Aufstockung der zuvor zahnlose UNIFIL erreicht hätte und nun weite Teile der hoheitlichen Aufgaben im Libanon übernommen habe. Ein „Optimismus“, den man zumindest in Israel nicht teilen mag, beklagt man doch weiterhin Schmuggel von Waffen und Drogen über die syrische Grenze, doch die erwartbar unterschiedlichen Wertungen in Israel und der arabischen Welt alleine wären nicht allzu bewegend, wäre die Region seitdem zur Ruhe gekommen. Davon freilich kann in diesem Frühsommer keineswegs die Rede sein. Wie im Vorjahr gibt es schwere Gefechte im Libanon zwischen Militär und als Terroristen eingestuften Kämpfern in sog. „palästinensischen Flüchtlingslagern“ einerseits und blutige Kämpfe in Gaza. Die Szenarien gleichen sich: Tote, Verletzte, weinende Kinder und Frauen, zehntausende Flüchtlinge, internationale Hilfskonvois, die behindert werden und schließlich doch zu den Notleidenden durchkommen. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied, der für eine andere Art der Aufmerksamkeit sorgt: fast alles findet ohne Israel statt.
Im Libanon ist es in diesem Jahr die libanesische Armee, die gegen Terroristen kämpft, etwas was ihr im Vorjahr niemand zutrauen wollte. Die blutigen Konflikte zwischen den palästinensischen Fatah-al-Islam-Kämpfern und den libanesischen Sicherheitskräften halten bereits seit Ende Mai an, obwohl sich die libanesische Armee schon mehrfach zum Sieger ausgerufen hat. Anders als vor einem Jahr gibt es dieses mal freilich keine Sondersendungen im deutschen Fernsehen und auch der im letzten Jahr obligatorische „Bodycount“ wird fast „lustlos“ vorgenommen und begnügt sich mit grob geschätzten „Hunderten von Toten“ (wer will es auch schon so genau wissen?). Für die dieses mal ganz „unvermeidlichen“ zivilen Opfers fand sich niemand, der die libanesische Armee anklagen wollte. Als vor einem Jahr bei beim irrtümlichen Beschuss eines UN-Postens, aus dessen unmittelbarer Nähe Hisbollah-Milizen Raketen auf Israel abgefeuert hatten, durch die israelische Armee vier UN-Soldaten ums Leben kamen, blieb der internationale Aufschrei nicht aus. Sogar der damalige Generalsekretär der UNO war sich bereits eine halbe Stunde nach dem Vorfall „absolut sicher“, dass der Beschuss kein Versehen, sondern Absicht war und forderte eine Verurteilung Israels. Zwar ruderte er schnell wieder zurück und entschuldigte sich für seine unparteiliche Voreiligkeit, aber keineswegs in derselben Lautstärke und Dringlichkeit, sondern still und mit leisen, freundlichen Tönen. Da freilich war der Imageschaden auch schon angerichtet. Ganz anders alles nun im Jahr darauf, als am Wochenende sechs der im Libanon stationierten spanischen UNIFIL-Soldaten bei einem gezielten Anschlag auf ihren Konvoi ums Leben kamen. Bei der Vorbeifahrt ihres gepanzerten Fahrzeugs explodierte eine ferngezündete Autobombe, wie der spanische Verteidigungsminister José Antonio Alonso mitteilte. Die Opfer waren junge Rekruten im Alter zwischen 18 und 21 Jahren. Drei von ihnen waren gebürtige Kolumbianer, die die spanische Staatsbürgerschaft angenommen hatten. In libanesischen Sicherheitskreisen hieß es schnell, 33 inhaftierte Mitglieder von Fatah al-Islam hätten eingestanden, dass die Organisation Anschläge auf die UNIFIL geplant habe. Wer will und kann das bezweifeln? Allseitiges Bedauern machte die Runde, aber wen wollte man nun anklagen, wem Vorwürfe machen? Den Libanesen, den Palästinsern? Syrien und die Hisbollah distanzierten sich sofort von dem Anschlag, den sie als „verbrecherisch“ bezeichneten. Das überraschte alle, die mit einem Geständnis aus dieser Richtung kalkulierten. Insgesamt wurden nun aber allein am zurückliegenden Wochenende im Libanon zwanzig Menschen getötet. Elf davon, unter ihnen ein zehnjähriges Mädchen, starben nach Armeeangaben in der Nacht zum Sonntag bei einer Schießerei zwischen Regierungssoldaten und palästinensischen Extremisten in einem Wohnhaus der nördlichen Hafenstadt Tripoli.
Das ist bedrückend und dennoch mangelt es nicht gänzlich an Optimismus. “Die politische Lage im Libanon ist schwierig, aber es gibt eine gewählte Regierung, und es sollte ihr ermöglicht werden, zu funktionieren“, betonte US-Außenministerin Condoleezza Rice, die freilich ignoriert, dass dieser Regierung nach wie vor auch die Hisbollah anhört, die den Energieminister des Landes stellt. Das überrascht ein wenig, da die USA eines der wenigen Länder sind, die die Hisbollah offiziell als Terrororganisation einstufen – in der Europa vertritt zwar auch das EU-Parlament diese mehrheitliche Auffassung, aber EU-Außensprecher Solana hält eine solche Festlegung „für eher hinderlich“. Wer will schon so genau wissen warum und wobei? Sicher ist, dass die Hisbollah nicht das einzige Problem im Libanon ist. In der Vorwoche etwa kamen bei einem Bombenanschlag in Beirut neun Menschen ums Leben, unter ihnen der prominente und charismatische, jedoch anti-syrische Abgeordnete Walid Eido, sein ältester Sohn Chaled und zwei seiner Leibwächter. Der Anschlag erinnerte sehr an die Liquidierung des maronitisch-christlichen Industrieministers Pierre Gemayel Junior im November 2006, Neffe des 1982 ebenfalls bei einem Attentat ermordeten früheren libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel, und freilich auch an den blutigen Anschlag auf den ehemaligen Premierminister Rafiq Hariri im Februar 2005, für den gemeinhin Syrien verantwortlich gemacht wird. Mit den Vorwürfen an Damaskus die bis in den Präsidentenpalast reichen, befassen sich seit zwei Jahren schon UN-Sonderermittler, zunächst unter der Leitung des deutschen Staatsanwaltes Detlev Mehlis, der bereits an der Aufklärung des Anschlags auf die Berliner Diskothek „La Belle“ im Jahre 1986 mitgewirkt hatte und dabei die Verwicklung des libyschen Geheimdienstes nachwies. Die Untersuchung im Hariri-Mord legte Mehlis freilich nieder, nachdem er zum einem persönlich bedroht wurde und zum anderen in der UN nicht den erforderlichen Rückhalt für seine Arbeit fand. Unter seinem Nachfolger, dem Belgier Serge Brammerts laufen die Ermittlungen seitdem eher schleppend weitern, sollen aber zu einem internationalen Tribunal über die Täter, die weiterhin in Syrien vermutet werden, münden. Wer überflüssigen Optimismus hat, möge ihn hier investieren.
Trotz des politischen Chaos und der ausufernden Gewalt im Libanon bleibt es zwischen Israelis und Libanesen seit Monaten erstaunlich ruhig und man könnte sich darüber verwundert die Augen reiben, hätte die weltweite Aufmerksamkeit in den letzten Wochen denn überhaupt sonderlich von den Konfrontationen im Libanon Notiz genommen. Der inzwischen als „innerpalästinensischer Bruder- oder Bürgerkrieg“ bezeichnete Kampf zwischen der Hamas und der Fatah im und um den Gaza-Streifen, den die radikal-islamistische Hamas für sich entschied, stahl den Libanesen sozusagen die „Show“. Hamas übt die vollständige Kontrolle in Gaza aus. Neben dem Fatah-Hauptquartier wurde dabei auch die frühere Villa des verstorbenen PLO-Führers Yasser Arafat geplündert, wobei der Hamas u.a. auch dessen Friedensnobelpreis-Medaille, sowie kostbare Abendkleider dessen Frau in die Hände fielen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sonst eher auf Vorwürfe gegen Israel spezialisiert, hat beiden Konfliktparteien schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Unter anderem seien Zivilisten ganz gezielt getötet, politische Gegner und Entführte ohne jeden Prozess hingerichtet und Gefangene sogar kurzerhand von Hochhäusern geworfen worden. Zudem wurde selbst in Krankenhäusern gekämpft und aus mit „TV“ und „Ambulanz“ markierten Fahrzeugen geschossen. Vorwürfe die auch das Internationale Rote Kreuz vor Ort bestätigte. Tausende Fatah-nahe Flüchtlinge warteten an der Grenze zu Ägypten auf die Ausreise in das Westjordanland (was Israel teilweise gestattete). Genauere Angaben über die Anzahl der Opfer gibt es freilich auch in diesem Konflikt nicht, was ein wenig verwundert, da sich in den letzten Jahren auch kein Mangel an Kameras bemerkbar machte, die Verletzte im Gazastreifen filmten. Jedoch gibt es als Resultat der Entwicklung nun faktisch zwei „unabhängige“ Autonomieverwaltungen, die der Fatah in Ramallah und die andere in Gaza-Stadt – die sich freilich gegenseitig nicht anerkennen und die Frage eines unabhängigen Palästinenserstaates scheint in weitere ferne gerückt. Selbst in der arabischen Welt, die oft genug immer neue Rekorde in Realitätsverleugnung und Selbstüberschätzung aufstellt, wird man immer deutlicher gewahr, dass man keinen „nationalen arabischen Befreiungskrieg“ führen kann, wenn es keine arabische Nation gibt. Der großarabische Traum zerfällt zunehmend in die Einzelfragmente seiner vorstaatlichen Bataillone, sprich in Ethnien, Religionen, Sekten und Clans, die mit poststaatlichen Ideologien dem Panislamismus hantieren wie Blinde mit Granaten.
Aber auch die internationale, zumal die europäische Politik tut sich nun etwas schwer, die verwirrende Lage um Israel herum einzuschätzen und Schlüsse zu ziehen. Noch vor Monaten wurde das Abkommen zur Bildung einer Einheitsregierung zwischen Hamas und Fatah stillschweigend begrüßt und seitens der EU baute sich allmählich einiger diplomatischer Druck auf Israel auf, weitere Verhandlungen mit „den“ Palästinensern nicht zu blockieren. Davon ist nun freilich nicht mehr die Rede, denn Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas bezeichnet die Hamas inzwischen als Terrororganisation, mit der es keinerlei Verhandlungen geben dürfe. Dafür bekommt er nun auch sofortige Rückendeckung seitens der EU wie auch der USA, was in der israelischen Presse freilich eine gewisse Verwunderung, und mancherorts auch gar Häme hervorruft. Anders als Israels Presse und Bevölkerung, die sich längst nicht darüber im Klaren sind, ob sie in der Hamas wirklich das größere Übel sehen müssen, schließt sich Israels Regierung freilich der neuen Sprachregelung an, die alle Diskussionen über die Anerkennung einer palästinensischen „Einheitsregierung“ vergisst, als hätte es sie nie gegeben und stattdessen in der Fatah die alleinige Vertretung der Palästinenser sieht. Zwar wäre dies nicht grundlos, denn immerhin schloss Israel die Autonomieverträge doch mit der PLO/Fatah, aber mehrten sich nicht Stimmen, die Hamas als „gewählte Regierung“ anerkannten? Nun ist jedoch klar, dass man Abbas im Vierergipfel Fatah, Jordanien und Israel beim ägyptischen Gastgeber in Sharm-el-Sheikh demonstrativen Rückhalt geben will. Damit aus dem Treffen etwas werden kann, hatten die Europäer auch weitere Finanzspritzen angekündigt, während Israel sich seinerseits mit tonnenweisen Hilfsgütern an die Palästinenser in Gaza ins Gedächtnis zurückruft. Der Dank dafür dürften früher oder später Kasam-Raketen sein und das eben ist das Dilemma.
Israel mag sich nun noch sehr wundern darüber, dass seine Nachbarn statt Israel sich selbst angreifen. Israel mag sich sogar darüber freuen, dass die internationale Sichtweise differenzierter geworden ist, man nicht mehr von dem Nahostkonflikt spricht, sondern deren verschiedene wahrnimmt, seien es nun Hisbollah, Fatah oder Syrer, Christen oder Drusen im Libanon, Hamas oder Fatah in Gaza und der Westbank oder Schiiten und Sunniten im Irak … Das oftmals schwarz-weiße Bild ist farbig geworden, bunt, internationale Beobachter verwirrend, wohl auch nervend. All dies ist für Israel weder neu noch erschreckend, aber unter Umständen gefährlich. Die eine Gefahr besteht darin, sich zu leicht daran zu gewöhnen, nicht im Blickpunkt der Aggression zu stehen – ein Zustand den man leicht mit „Frieden“ oder vielleicht sogar mit Hoffnung verwechseln könnte. Versuche Israel in den einen oder anderen Konflikt mit hineinzuziehen gab es und wird es weiter geben und Lunten liegen überall. Die andere Gefahr besteht aber darin, dass Europäer und Amerikaner einmal mehr ihre Probleme auf dem Rücken Israels lösen möchten. Die EU beispielsweise sitzt vor dem Scherbenhaufen ihrer Nahostpolitik seit dem Abkommen von Oslo 1993. Was damals hoffnungsvoll begann, wurde von der Hamas zerbombt, solange bis der Friedensprozess scheiterte. Was übersehen wurde, war, warum die Hamas den Frieden ablehnte. Sie wollte zu 40 % beteiligt werden am Geldsegen, der aus dem Westen kommen sollte, was Arafat allerdings kategorisch ablehnte. Folglich setzte die Hamas auf Terror – gegen Israels Zivilbevölkerung freilich und damit gegen das Abkommen von Oslo. Nun 14 Jahre später wollten EU und USA Israel wohl nicht ungern aufs Neue in dieselbe Falle tappen lassen, zum einem um die eigenen Fehler zu kaschieren, zum anderen, um Israel, das aktuell außerhalb der Konflikte im Nahen Osten steht, wieder zum kritisierbaren Akteur zu machen. Europäer wie Amerikaner mögen keine zu komplizierten Situation und Konflikte, denn sie differenzieren nicht gerne. „Israel gegen Araber“, das ist etwas womit Freunde und Feinde Israels gut umgehen können, zumal für beide Assoziationen zum Holocaust auf der Hand liegen. Was aber will man schon sagen, wenn maronitische Libanesen sich mit Al Kaida nahen Sunniten verbünden, um pro-iranische Schiiten zu bekämpfen? Wer weiß welche schiitische Gruppierung im Irak vom Iran finanziert, welche andere aber entschieden bekämpft wird und warum? Und so wird man im ägyptischen Ferienbad sicher schnell zu dem Resultat kommen, dass gegenwärtig etwas ganz besonders fehlt in der Region, nicht der Frieden, sondern Israel, denn ohne Israel geht es nicht. Und Olmert, der Abbas Zugeständnisse jeder Art machen wird, um dessen „Gewicht“ zu stärken, wird den Israelis beibringen müssen, dass irgendwann bekanntlich auch die schönsten Sommerferien zu Ende gehen.
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Yehuda Schenef
Add comment Juni 25, 2007