Archiv für Dezember, 2009
Le terrain est tout
Le terrain est tout Les naturopathes, médecins, éducateurs et beaucoup d’autres stratèges de la publicité prêchent pour nous que notre vie ne se compose que de stress – du berceau à la tombe. Combien de mauvais démons dans le Moyen-Age les facteurs de stress (« stresseurs ») sont cachés partout, même sous le tapis. Tout le monde sait: Le diable est dans le détail, mais la plupart sont surpris quand ils apprennent: le stress n’a pas été inventé pendant 70 ans par Hans Selye, un médecin autrichien. Prévention du stress est maintenant une entreprise très rentable. Si vous voulez vous éloigner, vous pouvez épouser une famille heureuse dans la publicité ou vous pouvez tomber dans le coma (une île presque sans stress …) ou tout simplement ignoré les Selye-isme.
Wenige englische Vokabeln sind so unbemerkt im alltäglichen Gebrauch üblich geworden wie Stress. Gerade da man selbigen überall vermeiden möchte, begegnet er einem so häufig wie die Vokabel selbst. Deren ursprüngliche Bedeutung freilich ist ein wenig aus dem Sinn entschwunden, wie es immer der Fall ist, wenn etwas zunächst wenig, dann viel und schließlich (fast) alles bezeichnen kann oder soll. Die Grundbedeutung des englischen Verbs to stress ist in etwa strecken, dehnen, spannen – von dort aus gelangte es zur Nebenbedeutung anspannen. Wer nun an Freud, Jung, Adler oder andere übliche Verdächtige denkt, liegt falsch, denn es war der austro-ungarische, später kanadische Mediziner Hans Selye (1907 – 1982) der den Begriff prägte. Dabei unterschied er schlechten (distress) und guten (Eustress) Stress, letzterer ist heute gleichfalls etwas in Vergessenheit geraten und wird von manchen allenfalls noch als EU-Stress missverstanden. Selye verfasste rund 40 Bücher und 1700 Artikel zu seinem Thema. Seine Arbeiten dazu sind bis heute in mehr als einer halben Million anderen wissenschaftlichen Arbeiten zitiert – in allen Sprachen der Welt und stündlich werden es mehr. Dabei ist es gar nicht so einfach zu erklären, warum sich inzwischen alle Welt mit solchem Eifer befasst, was sie vorgeblich vermeiden will und was vor Hans Seyles Experimenten niemand kannte. Selye gab zu, dass der französische Physiologe Claude Bernard (1813 – 1878) einen starken Einfluss auf ihn ausübte. Dessen berühmtes Motto lautete: „Le germe n’est rien, le terrain est tout!“, was einen fast schon sozialistischen Beiklang hat und auf Deutsch in etwa heißt : „Der Keim ist nichts, das Milieu ist alles.“ Das erklärt womöglich bereits ein wenig, ebenso der Umstand, dass Bernard, ein Pionier der Vivisektion, von seiner Frau und Tochter verlassen wurden, weil sie seine „grausame Tierquälerei“ nicht mehr ertragen konnten und schließlich die Tierschutzbewegung in Frankreich anführten. Das würde man heute als Stress in der Familie bezeichnen. Selye, der in Wien geborene Sohn eines Chirurgen besuchte ein Benediktiner-Kolleg und studierte ab 1924 in Prag ehe er 1931 in die USA und dann nach Kanada auswanderte. Den Stress-Begriff lieh er sich aus der Physik (freilich ohne ihn jemals zurückzugeben), genauer gesagt aus der Werkstoffkunde („Materials Engineering“), in welcher in Belastungstests Zug, Spannung oder Druck eines Materials erprobt werden, um festzustellen, bei welchen Belastungen es zerbricht. Man spricht von einer Materialermüdung (fatigue (material)). Selyes „Material“ waren Mäuse und Ratten und so wie er diese in den 1930er Jahren in Kanada plagte, so nagt Selyes Entdeckung längst am modernen Alltagsmenschen, während sein eigene Name trotz einiger früher Bestseller der Allgemeinheit entronnen ist. Kurz vor seinem Tod erklärte er jedoch noch mit erkennbarem Stolz: „Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt: Stress“. So gesehen zeigt sich die Menschheit fast ein wenig undankbar, freilich ist das gesellschaftliche Leben heute noch viel schnelllebiger und die Anzahl an stress auslösenden Faktoren („Stressoren“) ist ungleich zahlreicher geworden. Zwei Schuljungen im ungefähren Alter von zehn Jahren verdeutlichten mir dies heute an der Bushaltestelle. Auf die Frage des einen: „Was machst heut noch?“ antwortete der andere, er habe jetzt die stressige Busfahrt vor sich. Obwohl oder weil uns Stress zumindest in dieser verbalen Form überall mehrmals täglich, ja „andauernd“ begegnet ist davon die Rede, dass man „Stress vermeiden“ soll. Die Vehemenz mit der dies mittlerweile fast in allen Lebensbereichen (vom Kreißsaal bis zum Altenheim) propagiert wird, ist längst selbst schon lästig, Entschuldigung, ein Stress-Faktor und dabei in etwa so sinnvoll wie die Aufforderung: „Seien Sie spontan!“ Um glücklich zu werden soll man sich insbesondere eine „positive Atmosphäre“ schaffen, sich entspannen („relaxen“), sich von „Problemen“ ablenken, wenn möglich lachen, tanzen und sich wohl fühlen. Wenn man sich überlegt, welche Bestandteile des Alltagslebens heute von Stress-Spezialisten als Stress-Faktoren gedeutet werden, müsste der erstrebenswerte stressfreie Idealzustand letztlich auf eine Art Wachkoma hinauslaufen. Jedenfalls sollte es ein Zustand sein, in welchen man nicht durch sog. Alltagsbelastungen davon ablenkt wird, sich von harmonisierenden Werbebotschaften beeinflussen zu lassen. Genaugenommen würde es Stressgeplagten also reichen, wenn sie ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und in einen Fernsehwerbespot umziehen, vielleicht zur Rama-Familie, die immer gute Laune und schönes Wetter hat. Wenn da nur nicht schon wieder dieser Umzugsstress wäre. Die „Stress-Lawine“ ist heute nicht mehr zu stoppen, aber wir können sie eindämmen. Dazu genügt es, übereifrige Experten, deren Plaisir es ist, möglichst alles in unserem Leben als Stress zu definieren, als gewöhnliche Menschen wahrzunehmen, die unterm Strich doch nur ihr eigenes Ein- und Auskommen sichern wollen und deshalb heillos dem Selye-ismus verfallen sind. Ihre Gelassenheit entspringt ihrer Fähigkeit sich auf ihr Bankkonto zu konzentrieren. Unser Glück wäre hingegen, zufrieden zu sein mit den Menschen, die um uns sind und mit dem was wir haben (und sind), auch wenn es nicht die Rama-Familie ist und unser Auto brummt, statt summt. Zumindest unsere Partner und Kinder werden uns nicht verlassen, weil wir andere quälen müssen um unseren „Lebensstandard“ aufrechtzuerhalten.
(Yehuda Shenef, Sept. 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)
Dezember 24, 2009 at 3:50 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Living in a bubble
“To live in bubble that is”, according to the former US President George W. Bush, “what happens when you are president”. Living in a bubble as a metaphor goes back to David Vetter, who suffered from SCID syndrome and spent his whole life in a sterile isolator until he died 25 years ago, age 12. He was known to the world media as “the boy in the bubble” – what now is a more political metaphor for fenced off senior politicians who lost contact to the normal everyday life and people.
Vor 25 Jahren starb David Philipp Vetter im Alter von 12 Jahren an einer Infektion, ausgelöst durch eine Knochenmarkspende. Da er an SCID, einer Erbkrankheit mit schwerem Immundefekt litt, verbrachte er sein gesamtes Leben innerhalb eines sterilen Isolators aus Kunststoff. Als „Boy in the Bubble“ wurde er in den 1970ern und 1980er Jahren weltberühmt und inspirierte gleichnamige Film-Erfolge mit John Travolta oder Hits von Paul Simon. Doch spätestens seit Ronald Reagan wurde das Leben in der Blase auch als politische Metapher etabliert. Erstmals war es sein Sohn Michael, der die Umgebung um seinen Vater entsprechend bezeichnete. Damals lebte David noch. Im Wahlkampf von 1992 münzte Bill Clinton den Begriff auf den amtierenden Präsidenten George Bush Sen., der in einem Interview nicht dazu in der Lage war, den aktuellen Milchpreis richtig einzuschätzen. Für den Herausforderer Clinton war dies ein klarer Beleg dafür, dass der Amtsinhaber hinter einer Sicherheitsblase lebte und zwischen dem White House, Camp David und diversen Terminen lückenlos abgeschirmt von Secret Service ein realitätsfernes Leben führte, das mit dem des Volkes nichts mehr zu tun hatte.
Vom Bubble Boy war zuvor bekannt geworden, dass er aufgrund seiner Isolation in der Plastikwelt ein eindimensionales Empfinden der Außenwelt hatte. Da er mit ihr nicht in Berührung kam und sich bis zuletzt kaum in ihr bewegen konnte, erschien sie ihm mehr oder minder eindimensional und eine Begebenheit wie Wind war ihm unbegreiflich und auch gedanklich nicht zu vermitteln. Dem gewählten und dann selbst im Amt waltenden Clinton wurde aber schnell klar, dass es kein Attribut seines Vorgängers war, völlig abgeschottet zu werden, sondern dass es das Amt mit sich brachte. Liebte Bush Sen. es, sich als aktiver Golfer zu zeigen, so wollte Clinton als joggender Läufer medial präsentiert werden. Der Preis dafür war die völlige Abriegelung eines Waldes und Landkreises, die nicht umfangreicher sein könnte, wäre ein Giftalarm ausgebrochen. Bush Sen. der sich nach väterlichem Vorbild mehr dem Golfen widmete, zog sich dann doch lieber auf die eigene Ranch zurück, wo er ungestört reiten und sich entspannen konnte. Als er im Mai 2002 zu einer seiner umstrittensten Auslandsreisen nach Berlin kam, wurden Teile der Millionenstadt komplett abgeriegelt. Der Präsident, der es bedauerte, die deutsche Hauptstadt fast nur aus dem Helikopter wahrzunehmen, betonte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sodann auch, dass man als US-Präsident inzwischen ein Leben in einer Blase führe. „I live in a bubble. That’s what happens when you are president.“ Später darauf angesprochen präzisierte er, dass er als Präsident aufgrund der Sicherheitsanforderungen sich nicht mehr frei bewegen könne, ohne einen enormen Apparat von begleitenden Personen zu bewegen. Das sei eine Blase, in der es sich freilich sehr angenehm leben lasse, da sie – außer Freiheit – alle Annehmlichkeiten biete.
Zwar mögen die Sicherheitsauflagen für US-Präsidenten besonders übertrieben erscheinen – man erinnere sich an Obamas Besuche in Dresden oder Prag – doch auch europäische und deutsche Politiker sind längst hinter einer sie schützenden Blase verschwunden. Wer zu ihnen durchdringen oder nur in die Nähe kommen will, wird handverlesen, durchleuchtet, datenrechtlich erfasst, beargwöhnt und kontrolliert wie ein Terrorverdächtiger und dergleichen mehr. Dutzende Personen warten parat als Chauffeure für die „0-1“-Staatskarosse, für Begleitfahrzeuge, die Motorrad-Eskorte, Sekretäre, … der medizinische Notarztwagen darf für den Fall der Fälle natürlich nicht fehlen und um all das herum postieren sich lokale Sicherheitskräfte vom Veranstalter und die örtliche Polizei, die auch mal ganz staatstragend und wichtig sein darf. Der Präsident, der eine Rede hält, die ein Referent geschrieben hat, schüttelt der ausgewählten lokalen Prominenz die Hand und lächelt mit ihr für die Lokalpresse, ehe er das Gebäude verlässt und mit der ganzen Entourage in die schnell vorgezogene Wagenkolonne entschwindet, zum nächsten entsprechenden Termin. Das gemeine, eher verwunderte als neugierige Volk, das in Vorbereitung in mitunter scharfen Ton herum gescheucht oder weggeschubst wird, versteht oft gar nicht so genau, was vor sich geht und so liest mancher das Kennzeichen laut und mit fragendem Unterton als „Null zu eins“, als handle es sich um eine Heimniederlage – was es vielleicht ja auch ist. Doch schon düst die Kolonne mit Standarte, Eskorte und Blaulichtwagen ab. Der Präsident hatte eine Rede zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises und dabei den angemeldeten Besuchern euphorisch zugerufen, dass Fahrradfahren inzwischen längst „cool“ sei und das Fahren im spritfressenden Geländewagen hingegen „out“. Das fand Beifall bei den Gästen, von denen nur vier ein Fahrrad vor der Halle abgestellt hatten. Die Sonderschutzfahrzeuge der präsidialen, höchsten Sicherheitsklasse B7 sind freilich etwas schwerer als gewöhnlicher Modelle und haben auch ohne begleitende Kolonne einen „etwas“ höheren Spritverbrauch. Das ist keine Kritik an der konkreten Person oder am Amt des Präsidenten, denn es ist klar, dass sich unter uns Volk gewiss auch einige Verrückte befinden, vor denen man auf der Hut sein muss. Darauf achten wir im Alltag doch auch. Problematisch ist es aber wohl, wenn eine ältere Dame von Sicherheitskräften relativ unsanft und harsch zum Absteigen vom Rad gezwungen wird, um einer Autokolonne zu weichen, die doch erst Minuten später abfährt. Sie ist nur leicht mit der Außenseite der Blase in Berührung gekommen, die offenkundig weit schmerzhafter als deren Innenwelt ist. Doch vielleicht kann es sie trösten zu erfahren, dass der Präsident in seiner Rede das Fahrradfahren ganz ausdrücklich lobte.
(Oktober 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)



