Archiv für Dezember 17, 2009

Living in a bubble

“To live in bubble that is”, according to the former US President George W. Bush, “what happens when you are president”. Living in a bubble as a metaphor goes back to David Vetter, who suffered from SCID syndrome and spent his whole life in a sterile isolator until he died 25 years ago, age 12. He was known to the world media as “the boy in the bubble” – what now is a more political metaphor for fenced off senior politicians who lost contact to the normal everyday life and people.

Vor 25 Jahren starb David Philipp Vetter im Alter von 12 Jahren an einer Infektion, ausgelöst durch eine Knochenmarkspende. Da er an SCID, einer Erbkrankheit mit schwerem Immundefekt litt, verbrachte er sein gesamtes Leben innerhalb eines sterilen Isolators aus Kunststoff. Als „Boy in the Bubble“ wurde er in den 1970ern und 1980er Jahren weltberühmt und inspirierte gleichnamige Film-Erfolge mit John Travolta oder Hits von Paul Simon. Doch spätestens seit Ronald Reagan wurde das Leben in der Blase auch als politische Metapher etabliert. Erstmals war es sein Sohn Michael, der die Umgebung um seinen Vater entsprechend bezeichnete. Damals lebte David noch. Im Wahlkampf von 1992 münzte Bill Clinton den Begriff auf den amtierenden Präsidenten George Bush Sen., der in einem Interview nicht dazu in der Lage war, den aktuellen Milchpreis richtig einzuschätzen. Für den Herausforderer Clinton war dies ein klarer Beleg dafür, dass der Amtsinhaber hinter einer Sicherheitsblase lebte und zwischen dem White House, Camp David und diversen Terminen lückenlos abgeschirmt von Secret Service ein realitätsfernes Leben führte, das mit dem des Volkes nichts mehr zu tun hatte.

Vom Bubble Boy war zuvor bekannt geworden, dass er aufgrund seiner Isolation in der Plastikwelt ein eindimensionales Empfinden der Außenwelt hatte. Da er mit ihr nicht in Berührung kam und sich bis zuletzt kaum in ihr bewegen konnte, erschien sie ihm mehr oder minder eindimensional und eine Begebenheit wie Wind war ihm unbegreiflich und auch gedanklich nicht zu vermitteln. Dem gewählten und dann selbst im Amt waltenden Clinton wurde aber schnell klar, dass es kein Attribut seines Vorgängers war, völlig abgeschottet zu werden, sondern dass es das Amt mit sich brachte. Liebte Bush Sen. es, sich als aktiver Golfer zu zeigen, so wollte Clinton als joggender Läufer medial präsentiert werden. Der Preis dafür war die völlige Abriegelung eines Waldes und Landkreises, die nicht umfangreicher sein könnte, wäre ein Giftalarm ausgebrochen. Bush Sen. der sich nach väterlichem Vorbild mehr dem Golfen widmete, zog sich dann doch lieber auf die eigene Ranch zurück, wo er ungestört reiten und sich entspannen konnte. Als er im Mai 2002 zu einer seiner umstrittensten Auslandsreisen nach Berlin kam, wurden Teile der Millionenstadt komplett abgeriegelt. Der Präsident, der es bedauerte, die deutsche Hauptstadt fast nur aus dem Helikopter wahrzunehmen, betonte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sodann auch, dass man als US-Präsident inzwischen ein Leben in einer Blase führe. „I live in a bubble. That’s what happens when you are president.“ Später darauf angesprochen präzisierte er, dass er als Präsident aufgrund der Sicherheitsanforderungen sich nicht mehr frei bewegen könne, ohne einen enormen Apparat von begleitenden Personen zu bewegen. Das sei eine Blase, in der es sich freilich sehr angenehm leben lasse, da sie – außer Freiheit – alle Annehmlichkeiten biete.

Zwar mögen die Sicherheitsauflagen für US-Präsidenten besonders übertrieben erscheinen – man erinnere sich an Obamas Besuche in Dresden oder Prag – doch auch europäische und deutsche Politiker sind längst hinter einer sie schützenden Blase verschwunden. Wer zu ihnen durchdringen oder nur in die Nähe kommen will, wird handverlesen, durchleuchtet, datenrechtlich erfasst, beargwöhnt und kontrolliert wie ein Terrorverdächtiger und dergleichen mehr. Dutzende Personen warten parat als Chauffeure für die „0-1“-Staatskarosse, für Begleitfahrzeuge, die Motorrad-Eskorte, Sekretäre, … der medizinische Notarztwagen darf für den Fall der Fälle natürlich nicht fehlen und um all das herum postieren sich lokale Sicherheitskräfte vom Veranstalter und die örtliche Polizei, die auch mal ganz staatstragend und wichtig sein darf. Der Präsident, der eine Rede hält, die ein Referent geschrieben hat, schüttelt der ausgewählten lokalen Prominenz die Hand und lächelt mit ihr für die Lokalpresse, ehe er das Gebäude verlässt und mit der ganzen Entourage in die schnell vorgezogene Wagenkolonne entschwindet, zum nächsten entsprechenden Termin. Das gemeine, eher verwunderte als neugierige Volk, das in Vorbereitung in mitunter scharfen Ton herum gescheucht oder weggeschubst wird, versteht oft gar nicht so genau, was vor sich geht und so liest mancher das Kennzeichen laut und mit fragendem Unterton als „Null zu eins“, als handle es sich um eine Heimniederlage – was es vielleicht ja auch ist. Doch schon düst die Kolonne mit Standarte, Eskorte und Blaulichtwagen ab. Der Präsident hatte eine Rede zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises und dabei den angemeldeten Besuchern euphorisch zugerufen, dass Fahrradfahren inzwischen längst „cool“ sei und das Fahren im spritfressenden Geländewagen hingegen „out“. Das fand Beifall bei den Gästen, von denen nur vier ein Fahrrad vor der Halle abgestellt hatten. Die Sonderschutzfahrzeuge der präsidialen, höchsten Sicherheitsklasse B7 sind freilich etwas schwerer als gewöhnlicher Modelle und haben auch ohne begleitende Kolonne einen „etwas“ höheren Spritverbrauch. Das ist keine Kritik an der konkreten Person oder am Amt des Präsidenten, denn es ist klar, dass sich unter uns Volk gewiss auch einige Verrückte befinden, vor denen man auf der Hut sein muss. Darauf achten wir im Alltag doch auch. Problematisch ist es aber wohl, wenn eine ältere Dame von Sicherheitskräften relativ unsanft und harsch zum Absteigen vom Rad gezwungen wird, um einer Autokolonne zu weichen, die doch erst Minuten später abfährt. Sie ist nur leicht mit der Außenseite der Blase in Berührung gekommen, die offenkundig weit schmerzhafter als deren Innenwelt ist. Doch vielleicht kann es sie trösten zu erfahren, dass der Präsident in seiner Rede das Fahrradfahren ganz ausdrücklich lobte.

(Oktober 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)

Dezember 17, 2009 at 3:02 nachmittags 1 Kommentar


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