Le terrain est tout

Dezember 24, 2009 at 3:50 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar

Le terrain est tout Les naturopathes, médecins, éducateurs et beaucoup d’autres stratèges de la publicité prêchent pour nous que notre vie ne se compose que de stress – du berceau à la tombe. Combien de mauvais démons dans le Moyen-Age les facteurs de stress (« stresseurs ») sont cachés partout, même sous le tapis. Tout le monde sait: Le diable est dans le détail, mais la plupart sont surpris quand ils apprennent: le stress n’a pas été inventé pendant 70 ans par Hans Selye, un médecin autrichien. Prévention du stress est maintenant une entreprise très rentable. Si vous voulez vous éloigner, vous pouvez épouser une famille heureuse dans la publicité ou vous pouvez tomber dans le coma (une île presque sans stress …) ou tout simplement ignoré les Selye-isme.

 

Wenige englische Vokabeln sind so unbemerkt im alltäglichen Gebrauch üblich geworden wie Stress. Gerade da man selbigen überall vermeiden möchte, begegnet er einem so häufig wie die Vokabel selbst. Deren ursprüngliche Bedeutung freilich ist ein wenig aus dem Sinn entschwunden, wie es immer der Fall ist, wenn etwas zunächst wenig, dann viel und schließlich (fast) alles bezeichnen kann oder soll. Die Grundbedeutung des englischen Verbs to stress ist in etwa strecken, dehnen, spannen – von dort aus gelangte es zur Nebenbedeutung anspannen. Wer nun an Freud, Jung, Adler oder andere übliche Verdächtige denkt, liegt falsch, denn es war der austro-ungarische, später kanadische Mediziner Hans Selye (1907 – 1982) der den Begriff prägte. Dabei unterschied er schlechten (distress) und guten (Eustress) Stress, letzterer ist heute gleichfalls etwas in Vergessenheit geraten und wird von manchen allenfalls noch als EU-Stress missverstanden. Selye verfasste rund 40 Bücher und 1700 Artikel zu seinem Thema. Seine Arbeiten dazu sind bis heute in mehr als einer halben Million anderen wissenschaftlichen Arbeiten zitiert – in allen Sprachen der Welt und stündlich werden es mehr. Dabei ist es gar nicht so einfach zu erklären, warum sich inzwischen alle Welt mit solchem Eifer befasst, was sie vorgeblich vermeiden will und was vor Hans Seyles Experimenten niemand kannte. Selye gab zu, dass der französische Physiologe Claude Bernard (1813 – 1878) einen starken Einfluss auf ihn ausübte. Dessen berühmtes Motto lautete: „Le germe n’est rien, le terrain est tout!“, was einen fast schon sozialistischen Beiklang hat und auf Deutsch in etwa heißt : „Der Keim ist nichts, das Milieu ist alles.“ Das erklärt womöglich bereits ein wenig, ebenso der Umstand, dass Bernard, ein Pionier der Vivisektion, von seiner Frau und Tochter verlassen wurden, weil sie seine „grausame Tierquälerei“ nicht mehr ertragen konnten und schließlich die Tierschutzbewegung in Frankreich anführten. Das würde man heute als Stress in der Familie bezeichnen. Selye, der in Wien geborene Sohn eines Chirurgen besuchte ein Benediktiner-Kolleg und studierte ab 1924 in Prag ehe er 1931 in die USA und dann nach Kanada auswanderte. Den Stress-Begriff lieh er sich aus der Physik (freilich ohne ihn jemals zurückzugeben), genauer gesagt aus der Werkstoffkunde („Materials Engineering“), in welcher in Belastungstests Zug, Spannung oder Druck eines Materials erprobt werden, um festzustellen, bei welchen Belastungen es zerbricht. Man spricht von einer Materialermüdung (fatigue (material)). Selyes „Material“ waren Mäuse und Ratten und so wie er diese in den 1930er Jahren in Kanada plagte, so nagt Selyes Entdeckung längst am modernen Alltagsmenschen, während sein eigene Name trotz einiger früher Bestseller der Allgemeinheit entronnen ist. Kurz vor seinem Tod erklärte er jedoch noch mit erkennbarem Stolz: „Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt: Stress“. So gesehen zeigt sich die Menschheit fast ein wenig undankbar, freilich ist das gesellschaftliche Leben heute noch viel schnelllebiger und die Anzahl an stress auslösenden Faktoren („Stressoren“) ist ungleich zahlreicher geworden. Zwei Schuljungen im ungefähren Alter von zehn Jahren verdeutlichten mir dies heute an der Bushaltestelle. Auf die Frage des einen: „Was machst heut noch?“ antwortete der andere, er habe jetzt die stressige Busfahrt vor sich. Obwohl oder weil uns Stress zumindest in dieser verbalen Form überall mehrmals täglich, ja „andauernd“ begegnet ist davon die Rede, dass man „Stress vermeiden“ soll. Die Vehemenz mit der dies mittlerweile fast in allen Lebensbereichen (vom Kreißsaal bis zum Altenheim) propagiert wird, ist längst selbst schon lästig, Entschuldigung, ein Stress-Faktor und dabei in etwa so sinnvoll wie die Aufforderung: „Seien Sie spontan!“ Um glücklich zu werden soll man sich insbesondere eine „positive Atmosphäre“ schaffen, sich entspannen („relaxen“), sich von „Problemen“ ablenken, wenn möglich lachen, tanzen und sich wohl fühlen. Wenn man sich überlegt, welche Bestandteile des Alltagslebens heute von Stress-Spezialisten als Stress-Faktoren gedeutet werden, müsste der erstrebenswerte stressfreie Idealzustand letztlich auf eine Art Wachkoma hinauslaufen. Jedenfalls sollte es ein Zustand sein, in welchen man nicht durch sog. Alltagsbelastungen davon ablenkt wird, sich von harmonisierenden Werbebotschaften beeinflussen zu lassen. Genaugenommen würde es Stressgeplagten also reichen, wenn sie ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und in einen Fernsehwerbespot umziehen, vielleicht zur Rama-Familie, die immer gute Laune und schönes Wetter hat. Wenn da nur nicht schon wieder dieser Umzugsstress wäre. Die „Stress-Lawine“ ist heute nicht mehr zu stoppen, aber wir können sie eindämmen. Dazu genügt es, übereifrige Experten, deren Plaisir es ist, möglichst alles in unserem Leben als Stress zu definieren, als gewöhnliche Menschen wahrzunehmen, die unterm Strich doch nur ihr eigenes Ein- und Auskommen sichern wollen und deshalb heillos dem Selye-ismus verfallen sind. Ihre Gelassenheit entspringt ihrer Fähigkeit sich auf ihr Bankkonto zu konzentrieren. Unser Glück wäre hingegen, zufrieden zu sein mit den Menschen, die um uns sind und mit dem was wir haben (und sind), auch wenn es nicht die Rama-Familie ist und unser Auto brummt, statt summt. Zumindest unsere Partner und Kinder werden uns nicht verlassen, weil wir andere quälen müssen um unseren „Lebensstandard“ aufrechtzuerhalten.

(Yehuda Shenef, Sept. 2009, erschienen im EuroJournal 4/2009)

Eintrag abgelegt unter Lifestyle. Tags: , , , .

Living in a bubble Sto

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Diesen Artikel zurückverfolgen  |  Abonniere Kommentare via RSS Feed


Kategorien

 

Dezember 2009
S M D M D F S
« Okt   Mar »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Blog Stats

  • 2,462 hits

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.