Wahl in Bayern: CSU mit einem weiß-blauen Auge davongekommen

Wahl in Bayern: CSU mit einem weiß-blauen Auge davongekommen

 

Bei der Landtagswahl in Bayern erhielt die CSU am 14. Oktober 2018 nur 37.2 %. Medien kommentieren landauf und ab einen „Bayern-Schock“. Das Ergebnis entspricht freilich in etwa den Umfragewerten im Sommer. In den Wochen zuvor wurden CSU-Werte um 35 und kurz vor der Wahl sogar 33 % vermeldet mit wenigstens angedeutet sinkender Tendenz. Es geisterten bereits Phantasien von einer Regenbogen-Koalition ohne CSU durch die Medien. Die Sensation indessen blieb erwartbar aus.

Bei 37 % lag die CSU doch bereits in den Umfragen bereits vor einem Jahr, im November 2017. Sieht man von einer zwischenzeitlichen Erholung Ende April 2018 auf 42 – 44 % ab, die sich mit der Wahl des neuen Ministerpräsidenten erklären lässt, entspricht das Wahlergebnis grob gesagt, den Umfragewerten des letzten Jahres. Sucht man also nach Gründen dafür, warum die absolute Mehrheit der CSU abhanden kam, so kann man sie nur schwerlich in den letzten Wochen und Monaten vor der Wahl verorten, auch wenn diverse Berliner Querelen dies „über alle Maaßen“ nahelegen sollen.

Tatsächlich entfernte sich die CSU erstmals mit nur noch 43 % im Oktober 2015 (gegenüber 49 % im September 2015). Es war exakt jene Zeit, in der die Flüchtlingswelle Deutschland erfasste und bestimmendes Thema in allen Medien wurde. Die AfD lag damals in den Umfragen übrigens noch bei marginalen 2 %; im Oktober 2015 aber bereits bei 6 %. Nach einigen Schwankungen liegt die AfD in Bayern bereits seit Anfang 2017 konstant im zweistelligen Prozentbereich (und die CSU bei knapp 40 oder darunter).  Da nun auch die FDP seit Sommer 2016 schon andauernd (wenn auch knapp) über der 5-Marke liegt, war das Wahlergebnis des 14. Oktober bereits seit langem so ähnlich absehbar.

Man kann den Verlust der CSU-Mehrheit anhand demoskopischer Zahlen recht eindeutig in den Frühherbst 2015 datieren. Seit derselben Zeit schrumpfen übrigens auch die Werte der SPD kontinuierlich von 20 % (September 2015) auf 15 % (Januar 2017) über 13 % (Sommer 2018) auf 11-12 % in den Wochen vor Wahl. Ende April dieses Jahres lagen SPD und Grüne in Bayern erstmals gleich auf bei 13 %. Seit Juli liegen die Grünen mit zunehmendem Abstand vor der SPD.

Die eigentliche Überraschung der Bayern-Wahl ist somit auch nicht der Verlust der absoluten Mehrheit der CSU – schon von 2008-2013 gab es eine Koalition aus CSU und FDP sondern ist doch eher im Umstand zu sehen, dass im Sommer 2018 SPD und Grüne ihr Stärkeverhältnis ausgetauscht haben.

Bei der Landtagswahl 2013 erreichten SPD und Grüne noch 20.6 % und 8.6 %. Bei der jetzigen Wahl erreichte die SPD nur noch 9.7 %, während die Grünen auf 17,5 % kamen. Die Rollen haben sich vertauscht. Eine historische Zäsur, die noch durch den Fakt untermauert wird, dass die Grünen sechs Direktmandate errangen (davon fünf in Münchens Mitte), wo die SPD der CSU bei den letzten Wahlen von 90 Wahlkreisen allenfalls einmal ein oder zwei Mandaten abtrotzen konnten.

Für die Bayern-SPD ist das Ergebnis desaströs, ist sie von den Grünen nunmehr weiter entfernt als von der existentiellen 5-%-Hürde. Für die immer noch gefühlte Volkspartei wird es zappenduster.

Die CSU hingegen kann relativ gelassen mit den weitgehend analogen Freien Wählern von Bayern aus weiterregieren. Sie ist trotz aller katastrophalen Kommentierungen Wahlsieger geblieben und sozusagen mit einem weiß-blauen Auge davongekommen. Dass man sich derzeit trotzdem zerknirscht gibt , hat ganz sicher vor allem mit der noch anstehenden Wahl in Hessen zu tun, wo die regierende CDU in aktuellen Umfragen nur noch auf 28 % kommt (im Juli 2015 waren es noch 42 %), während SPD und Grüne sich in den Umfragen so langsam bei 20 % annähern. Auch in Hessen stieg die AfD seit Sommer 2015 von 2 auf nunmehr 13 %.

(ys, 15.10.18)

Oktober 16, 2018 at 2:04 pm Hinterlasse einen Kommentar

Politikersprache: Schwer von Begriff oder nur schön geredet?

erschienen im EuroJournal 1. OKtober 2018

http://www.eurojournal.info/?2018/10/2018-10-01_Schwer_von_Begriff_oder_nur_schoengeredet_Yehuda

Schwer von Begriff oder nur schön geredet?

von der Schwierigkeit, Politikerfloskeln zu verstehen und warum das so schlimm auch wieder nicht ist.

Hört man Politikern (aller Parteien und Gattungen) aufmerksam zu, was man bei tagelangen Sitzungen des Bundestages und zahllosen Interviews üben und vergleichen kann, so bemerkt man zunächst, dass sie in der Regel mit großer Vorsicht sprechen. Zweifelsfrei müssen sie darauf achten, nicht wirklich etwas zu sagen. Dass dem wirklich so ist, geht schon aus ihrer Wortwahl und Ausdrucksweise hervor, die selten klar und oft ausweichend ist und vorläufig klare Aussagen umschifft. Man muss eben eine halbe oder ganze Minute Redezeit halbwegs passabel überbrücken können, für mehr bleibt in der Medieneinfalt ohnehin keine Zeit. Deshalb nun sagen Politiker nichts mehr, sie weisen auf etwas hin: „Worauf ich in diesem Zusammenhang schon letzte Woche hingewiesen habe, ist der Umstand, dass …“ Häufig weisen Politiker aber nicht auf etwas hin, sondern legen etwas nahe oder deuten etwas an: „Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass ich meiner letzten Rede im Bundestag schon nahegelegt habe und auch bei früheren Gelegenheiten schon angedeutet habe, dass …“

Wenn das nun dem Redner selbst zu schwammig wird, wird er freimütig eingestehen, dass er sich noch nicht festgelegt hat. Politiker entscheiden sich nicht mehr, sie legen sich fest, nach eingehender Prüfung, versteht sich und die muss man fairerweise ja auch abwarten. Alles andere wäre ja vorschnell und dem Ernst der Lage unangemessen. Einstweilen könne man allenfalls eine vorläufige Bewertung abgeben, aber eben kein Urteil. Worum es dabei nun eigentlich geht, sagen sie uns nicht mehr, stattdessen schlagen sie etwas vor oder teilen etwas mit. „Ich teile Ihnen mit, dass wir diesbezüglich heute noch keine Entscheidung getroffen haben und wir erst noch die Beratungen in den Gremien abwarten müssen.“

Politiker antworten auch nicht mehr, sie reagieren. „Bislang haben sie nicht auf unsere Initiative reagiert.“ Eine Initiative ist im „Polit-Sprech“ eine Idee, die zu keinem praktischen Ergebnis führt, vom Zeitgewinn abgesehen. „Wenn sie auf unsere Initiative reagieren, werden wir deren Gegeninitiative eingehend prüfen und dazu Stellung beziehen.“ Nicht antworten, Stellung beziehen: „Und wir werden dann unseren Gegenvorschlag unterbreiten.“

Die vorsichtigen Ausdrucksweisen von Politikern sind für gewöhnliche Menschen oft schwer nachzuvollziehen. Meist klingen sie zwar gut, oft sogar gewichtig, aber selten ist klar, was damit und ob überhaupt etwas damit gesagt werden sollte. Sie lesen keine Berichte, sie überprüfen sie, sie haben keine Meinungen, sondern beziehen Stellung, sie empfehlen nicht, sondern sprechen sich für etwas aus.

Nachdem dann nun aber zu den Initiativen alle Stellung bezogen und die unterbreiteten Vorschläge überprüft wurden, müsste dann eigentlich auch mal etwas getan werden. Das freilich wäre viel zu direkt. Man tut besser erst mal nichts, sondern setzt sich, engagiert und mit viel Elan für etwas ein. Dazu ist es erforderlich, die betreffende Angelegenheit erstmal zur Sprache zu bringen. „Wir haben bei unserer Unterredung das Thema auf meine Initiative auch angesprochen und werden dazu bald eine gemeinsame Erklärung vorlegen, die derzeit noch von den Fachleuten ausgearbeitet wird, so dass wir in dieser strittigen Frage nach langem Stillstand endlich ein wenig voranschreiten können.“

Als Politiker muss man Stillstand oder den Eindruck davon tunlichst vermeiden. Deshalb heißt es immer in Bewegung bleiben. Man schreitet immer voran, bewegt sich auf etwas zu, geht voran. „Haben Sie das Problem gelöst? – Wir haben uns intensiv beraten und in der Tat haben wir in den schwierigen Fragen Fortschritte gemacht.“ Sie gehen aber selten selbst voran, sondern lassen meistens etwas vorangehen oder in Gang bringen: „Wir müssen jetzt erst den ganzen Prozess in Gang bringen“, „… das Gesetz auf seinen Weg bringen“, „… die Initiative voranbringen.“

Wir müssen den Prozess in Gang bringen, um die Herausforderungen der Initiative anzunehmen.“ Keiner hat mehr Probleme, denn Probleme haben Leute mit Problemen. Politiker müssen aber Leute mit Lösungen sein, und an diesen arbeitet man unentwegt, oder berät mit Experten darüber, in Ausschüssen und Gremien, in Kommissionen, Komitees, Beiräten und Arbeitsgruppen, oder wie man sonst Gruppen nennen könnte, die sich über Probleme, … bzw. Lösungen unterhalten. Statt Problemen hat man Herausforderungen. Und dazu brauchen wir Leute, die dazu in der Lage sind, eine schwere Entscheidung zu treffen. Eine schwere Entscheidung ist die Abwägung, wie viel Geld oder geldwerte Vorteile man gegen seine inneren Werte einzutauschen bereit ist. Dabei hilft es sich einzureden, dass man das was man tut, schließlich für das Allgemeinwohl tut. Das ist das, was alle Politiker von sich annehmen und behaupten. Egal welcher Partei sie angehören und welche „Vision“ sie von einem „Allgemeinwohl“ auch immer haben mögen. Letzteres spielt dann – wie auch immer – auf die rechnerisch vorhandene Gesamtbevölkerung an, das Volk, die Wahlberechtigten, abzüglich aller unter 18 oder die zu dement sind, um selbst noch wählen zu können, die aber natürlich trotzdem „irgendwie“ im Blick bleiben müssen, ebenso wie Ausländer oder Asylanten und Flüchtlinge.

Ob die (potentiellen) Wähler nun aber so klug sind, wie Politikstrategen annehmen, ist fraglich. Möglich ist, dass viele nicht die Zeit haben, zu ergründen, was sich hinter den „Umstandswörtern“ (!) zahlreicher Politiker verbirgt. Oft ist das einfach nichts und das „Statement“ in den Nachrichten dient nur dem Zeitgewinn: „Wir müssen erst die Beratungen (die Untersuchungen, die Ergebnisse) abwarten“ … „mit voreiligen Schlüssen ist in dieser Angelegenheit niemanden gedient“. Soll heißen: „Reden wir noch mal drüber, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mehr dafür interessiert, … hahaha“. Das liegt freilich auch am Kino-Effekt, der im Fernsehen immer wieder zu Missverständnissen führt. Sieht man im Kino Nahaufnahmen der Protagonisten, so handelt es sich um eine Schlüsselszene und es folgt etwas für die Handlung Wichtiges, der langersehnte Kuss im Liebesdrama, das Geständnis des Täters im Krimi, und dergleichen mehr. Beim Interview mit dem Politiker trügt diese unterschwellige Erwartungshaltung in der Regel. Hier geht es nicht um Spannung oder Zuspitzung, sondern um Gesichtswahrung, darum zwanzig oder dreißig Sekunden ohne Versprecher zu überstehen.

Dabei sind Politiker oft dann am unterhaltsamsten, wenn sie in Schwierigkeiten stecken und … Probleme haben. Dann handelt es sich meist um schlechte Kommunikation, um Missverständnisse und diese Aussage wurde aus dem Zusammenhang gerissen, schlimmer noch die Worte des Politikers wurden verdreht, ihm andere Absichten als die eigenen unterstellt. Das ist deshalb unterhaltsam, da Politiker es berufsmäßig gewohnt sind, Sprache und Sprechabsichten zu vernebeln. Dann den Vorwurf zu erheben, man verdrehe ihre Worte. Schon mal versucht Nebel zu verdrehen? Immerhin muss man berücksichtigen, dass Politiker keineswegs so zartbesaitet sind, wie sie sich geben, wenn sie selbst in Bedrängnis kommen, denn untereinander, genauer gesagt, gegenüber der jeweiligen Konkurrenz wird wenig Rücksicht genommen: es wird einander beschimpft, unterstellt, in Abrede gestellt und beleidigt, was das Zeug hält. Politische Gegner sind demnach völlig außer Stande, redliche Absichten zu haben, sondern haben bestenfalls ihre eigene Klientel im Blick, niemals aber das Allgemeinwohl. Dafür steht man nur selbst ein, niemals der politische Konkurrent.

Wenn sich die Sache trotzdem nicht zurückdrehen lässt und der Politiker zum Politikum wird, heißt es zur einstweiligen Verteidigung oft, die Kritik sei unverhältnismäßig und man müsse wieder zum „eigentlichen Sachthema“ zurückkommen, etwa zur vorgeschlagenen Initiative, … denn das schulde man schließlich „den Menschen da draußen“ (= außerhalb des Smart-TVs), die sich „für die Lösung der Sachfragen interessierten und nicht für Personalquerelen“ … „im Übrigen hatte ja gerade erst vorgestern das von uns beauftragte Meinungsinstitut ermittelt, dass die Hälfte der Deutschen die Initiative der Regierung unterstützt.“

Hilft das auch nicht weiter, kommt es zur vorgeblichen Vermenschlichung: Fehler passieren überall mal. Man hat sie nicht etwa selbst gemacht, wohlgemerkt, sie sind passiert, einfach so. Es gibt Pech im Leben. Leider. Was kann man tun? Irgendwer im Büro hat da was durcheinandergebracht. Kennt jeder, der schon mal mit Behörden zu tun hatte. „Wir lassen gerade von unabhängiger Seite überprüfen, wie man die Abläufe künftig effizienter gestalten und voranbringen kann.“ So als könnte jemand der von uns beauftragt wird, von uns unabhängig sein: „… die Ergebnisse müssen wir erstmal abwarten, alles andere wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt unseriös und dient nur jenen, die daraus politisch Kapital schlagen wollen.“

Im schlimmsten aller Fälle treten Politiker sodann „von allen ihren Ämtern zurück“, immer seltener übrigens „mit sofortiger Wirkung“, weil sie ja ggf. noch kommissarisch im Amt bleiben wollen, bzw. müssen, da ein leerer Stuhl in der Politik als schlimmer angesehen wird, als ein falsch besetzter. Manches passiert aber auch zur Unzeit und es ist nicht immer sofort ein Ersatzposten in der Wirtschaft, bei Instituten oder Behörden frei, der ausreichend dotiert ist. Oft übernimmt man aber einfach nur noch „die Verantwortung“, was heutzutage nicht zwangsläufig den Rücktritt von irgendwas heißen muss, sondern: „Kehren wir zurück zu den Sachthemen.“

Eine sog. „Politikerverdrossenheit“ wurde in den letzten Jahren immer wieder mal beklagt und als Maßstab dafür hielten in der Regel immer die in Prozenten nachweisbaren Rückgänge der Wahlbeteiligungen her. Da für die mitunter lukrative Wahlkampfkostenrückerstattung die Ergebnisse jedoch ohnehin immer auf 100 % hochgerechnet werden, ist die tatsächliche Wahlbeteiligung letztlich irrelevant. Umgekehrt problematisch wird es jedoch, wenn wie derzeit sog. Populisten Zulauf von Unzufriedenen und bisherigen Nichtwählern bekommen. Als Populisten und Demagogen gelten jene, die „dem Volk aufs Maul schauen“ und dabei mitunter weniger wünschenswerten Begehren „des Volkes“ Ausdruck verleihen, etwa eine Begrenzung von Zuwanderung oder die Rückführung von Ausländern, nun ja, ins Ausland. Man könnte auch Denkmäler der Schande beseitigen oder internationale Konzerne enteignen wollen, und dergleichen mehr.

Wer nun aber auch immer dazu neigt – und welcher Politiker tut das nicht ab und an ganz gerne – anzunehmen, seine eigenen Überzeugungen würden von der stillen Mehrheit insgeheim geteilt, der könnte angesichts jener durch Populisten mobilisierten stillen Reserve der Demokratie, womöglich doch innerhalten und sich bei eigenen populistischen Anflügen an der eigenen Nase packen. Wer sich mit vielen, keineswegs homogenen Gruppe der Nichtwählern unterhält, stellt nämlich schnell fest, dass deren politische Vorstellungen sehr oft alles andere als demokratisch sind. Und da ist es vielleicht besser, man hat Politiker, die folgenlose Initiativen ergreifen, als solche, die folgenschwere Fehlentscheidungen treffen, die zwar im kurzfristig einem Mob gefallen mögen, die mittel- und langfristig aber gravierende Folgen haben, für das Allgemeinwohl. Denn manches lässt sich eben auch nicht mehr schönreden. Aber um zum Schluss zu kommen: darauf habe ich in diesem Zusammenhang schon bei anderen Gelegenheiten hingewiesen, meine Damen und Herren.

Oktober 15, 2018 at 1:58 pm Hinterlasse einen Kommentar

Mit Liebe und Musik im Kampf gegen das Böse

Vor genau fünfzig Jahren veröffentlichten die Beatles ihr epochales Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band», welches zusammen mit dem daraus entwickelten Film «Yellow Submarine» zu den einflussreichsten Werken der Popkultur zählt und Legionen von Musikern in aller Welt prägte. Viel mehr noch steht es heute für und geht es um unsere Werte von Freiheit, Offenheit und Toleranz.

Bedroht von Islamisten

Weiterlesen, read more: pdf sgt pepper

snapping Turk at work

http://www.eurojournal.info/

Juni 12, 2017 at 9:06 am Hinterlasse einen Kommentar

666 Die Zahl des Menschen

Zur Einstimmung auf das neue, bald (Februar 2016) erscheinende Buch:

Yehuda Shenef: „666, die Zahl des Menschen“

ISBN:  978-3739238159

666 – the Number of the Beast, by Iron Maiden (1982)

 

Februar 1, 2016 at 7:57 am Hinterlasse einen Kommentar

Apropos … „Überreaktion“…

Zu den Standardreaktionen westlicher und insbesondere auch deutscher Medien und Politiker gehört es Israel wegen mutmaßlicher Überreaktionen oder Unverhältnismäßigkeit im Kampf gegen Terroristen zu ermahnen oder anzuklagen.

Zuletzt war dies im Sommer 2014 so, als Israel nach anhaltenden Beschuss mit Raketen aus dem Gaza-Streifen Stellungen des islamistischen Hamas angriff. Jene die Israel kritisieren, meinen es dem Vernehmen nach „gut“ mit dem Judenstaat und äußern deshalb die Besorgnis, dass Israel mit gezielten Terrorschlägen die Terroristen nicht ausschalten könne. Ganz im Gegenteil könne dadurch die politische und militärische Lage „eskalieren“, sprich umfangreichere Dimensionen annehmen und darüber hinaus auch unbeteiligte Zivilisten in Mitleidenschaft ziehen.

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In Israel hingegen sieht die breite Mehrheit der Bevölkerung das Vorgehen gegen islamistische Terrorangriffe als angemessene und unverzichtbare Selbstverteidigung. Man hat sich aber auch längst daran gewohnt, dass europäische Medien immer wieder für Israels Feinde Partei ergreifen und deren Attacken gegen Israel meistens bagatellisieren und Israels Gegenwehr problematisieren.

Vergleicht man nun aber Israels Vorgehen gegen Terroristen mit dem anderer Staaten, die Ziel von Terroranschlägen werden, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Angesichts einer beinahe inflationären, weil fast täglich anwachsender Zahl islamistischer Terrorakte rund herum um den Globus, ist das nicht schwierig. Am Ende einer Woche hat man allenfalls Probleme sich an einzelne Vorfälle zu erinnern.

Die europäischen Reaktionen auf die neuerlichen Terrorakte in Paris auf Fußballstadion, Restaurants und eine Konzerthalle mit über 130 Toten indes belehren uns aber eines besseren und zeigen uns, wie drastisch sich das eigene (euorpäische) Handeln im Bedarfsfall unterscheidet von den wohlfeilen Vorschlägen für andere (Israelis).

Nicht nur die von den Anschlägen betroffen Franzosen bombardieren seit Wochen Stellungen der „Islamstaates“ in Syrien, auch die Briten bomben mit, mittlerweile sogar Ölfelder, als „strategisch wichtige“ Ziele. Auch die deutsche Regierung entsendet nun Tornados, um beim bewaffneten Kampf gegen die Islamisten in Syrien zu helfen, weil immerhin der Verdacht im Raum steht, dass die Terroristen in Paris „irgendwas“ mit dem selbst ernannten Islamstaat zu tun haben könnten.

Neben den Aufklärungsfliegern schickt die Bundesregierung auch gleich noch die Fregatte Augsburg mit, und zudem 1200 Militärs als Personal. Da Sicherheitsexperten bereits davon ausgehen, dass der deutsche Militäreinsatz durchaus zehn Jahre oder länger dauern könnte, ist es durchaus angebracht, kurz innezuhalten, und sich noch mal zu vergegenwärtigen, was gleich noch mal der Auslöser für den deutschen Marschbefehl war: Terroranschläge französischer und belgischer Islamisten auf zivile Einrichtungen in Paris.

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Man kann sich eigentlich kaum ausdenken, wie die deutsche Regierung dann erst auf Anschläge im eigenem Land reagieren wollte. Zweifelsfrei ist jedoch, dass israelisches Militär vergleichsweise zielgerichtet und überschaubar und vor allem rational handelt. Niemand käme in Israel auf die Idee, etwa wegen einen Terroranschlag islamistischer Terroristen auf eine Weihnachtsfeier in einem kalifornischen Behindertenzentrum, bei dem über ein Dutzend Sozialarbeiter mit Maschinengewehren zerfetzt wurden, zum Anlass zu nehmen um israelische Kampfflieger nach Pakistan zu schicken.

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Es ist gut, sich bei Zeiten der jetzigen Reaktionen europäischer Politiker und Militärs zu erinnern, wenn bei der nächsten Gelegenheit – und wird es zweifellos geben – Israel wieder mal zur Verhältnismäßigkeit ermahnt werden soll, weil es unmittelbare Angriffe auf seine Bürger militärisch unterbindet.

Farb Foto Schießen Plärrer Augsburg 2015

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Whenever Israel responds to rocket fire and mortars from Gaza with military power in order to stop the attacks, it usually does not take too long until concerned politicians and media from Europe (and the US) remind the government in Jerusalem to act responsible and proportional and to avoid excessive force, which may cause civilian casualties or even an political or military escalation.
What this consideration actually means may be studied by the European reaction to the newly terror attacks in Paris, where Islamists killed some 130 people near the football stadium, at restaurants and in a music hall.
Not only the French air force did not hesitate to attack the Islamists in Syria, also the Brits joined in and now let blow up oil fields. Also the Germans will send Tornado planes, some 1200 troops as well as a frigate.
And why? What has turned the balance for the German and British decision? Radicalized Islamists from Belgium and France, who maybe have some sort of connection to a terror group somewhere in Syria attacked civilian targets in Paris, … not even in London or Berlin.
Well, but if Israel responds to attacks on its own territory which harms the own people, … it is accused of „overreacting“.
Keep that it in mind for the next occasion … which certainly will come.

Dezember 6, 2015 at 5:34 pm Hinterlasse einen Kommentar

Yehuda Shenef – Trommeln in der Nacht

neues Buch, ab sofort überall bestellbar für 5 Euro:

Trommeln in der Nacht

Yehuda Shenef - Trommeln in der Nacht 2015

ISBN 978-3-7392-1187-9

http://www.bod.de/buch/yehuda-shenef/trommeln-in-der-nacht/9783739211879.html

Trommeln in der Nacht

Im ursprünglichen Stück von Brecht ging es um Heimkehrer aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg die auf eine revolutionäre Stimmung in der Heimat stießen und vor diesem Hintergrund um die ganz privaten Verwicklungen in Sachen Glaube, Liebe, Treue und Zuversicht.

Die Adaption versetzt die Handlung in den Sommer 2014 als ein zum Islam konvertierter Heimkehrer aus dem Syrien-Krieg gleichfalls in letzter Minute zur geplanten Verlobung seiner Liebsten stößt, die ausgerechnet am Abend des WM-Endspiels von statten gehen soll.

Der Text wurde im Frühjahr 2015 als Wettbewerbsbeitrag für den seit 2005 jährlich verliehenen Literaturpreis des Bezirk Schwaben zum Motiv „In der Nacht“ eingereicht, wurde aber von der Jury nicht berücksichtigt.

Die Idee des Stücks die Feier von Fußball-Spielen mit der Furcht vor Terroranschlägen durch Islamisten zu verknüpfen, war vor einem halben Jahr sicher noch etwas abwegig, doch spätestens seit den Anschlägen von Paris und der Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover Mitte November 2015 leider kein bloßes Hirngespinst mehr.

(veröffentlicht am 19.11.2015)

November 20, 2015 at 10:19 am Hinterlasse einen Kommentar

Auf Sand gebaut – die Katar-Verschwörung

Manchmal kommt es knüppeldick und verschiedene, ja grundverschiedene Ereignisse und Sachverhalte, die man kaum in Verbindung bringen würde, betreten zur selben Zeit die mediale Weltbühne und halten Beteiligte und Zuschauer in Atem. Da Dinge die im gleichen Zeitraum passieren, nun aber nicht zwangsläufig in ursächlichem Bezug zu einander stehen müssen, ist es vielleicht auch nicht so offensichtlich, zumal zugrundeliegende Fakten nicht immer Allgemeinwissen sind und wirtschaftliche wie politische Verbindungen in den Alltagsnachrichten kaum Raum und Tiefe finden. Der Sommer und Herbst 2015 waren medial bestimmt von der Griechenland-Krise, dem Iran-Atom-Deal, den aktuellen Flüchtlingsströmen in Mitteleuropa, nicht zuletzt auch die Skandale um VW die internationalen Fußballverbände. Dass alles irgendwie in relevanter Weise mit dem kleinen, erst seit 1972 unabhängigen Emirat Katar zu tun hat, liegt keineswegs auf der Hand, kann aber sehr wohl auch nur bloßer Zufall sein.

Mehr: http://www.eurojournal.info/

Auf Sand gebaut – die Katar Verschwörung (pdf/ 3 Seiten)

November 18, 2015 at 5:37 pm Hinterlasse einen Kommentar

Zweck & Bester

Zweck & Bester

 

die Würde des Menschen

heißt es  kalt

ist unverletzlich

grad wie die Fülle der Wünsche

unermesslich

 

wie am Himmel die Sterne

wie die Körner am Meer

man hat alle gerne,

aber gibt kaum was her

 

und so fühlt sich ein jeder

der eine früher, der andre später

als der Menschen Letzter

finaler Zweck & Bester

 

(Yehuda Shenef, 7. Oktober 2015, ‏כ“ה תשרי תשע“ו)

Oktober 8, 2015 at 4:37 pm 2 Kommentare

Veggie-Day: statt grüner Lippenkosmetik, ein Plädoyer gegen die Verdummung der Herzen

Mit dem Aufruf zu einem wöchentlichen Tag fleischloser Ernährung in Kantinen meldeten sich die Grünen aus dem Sommerurlaub zurück und landeten damit auf dem Bauch, warfen ihnen politische Gegner doch „Bevormundung“, „Umerziehung“ und dergleichen vor. Umfragen sagen hingegen, dass 53 % die Idee eines sog. „Veggie-Day“ gut fänden und bei den Jungwählern unter 30 Jahren, liegt die Zustimmung sogar fast bei drei Vierteln.

Eine tierfreie Ernährung (Anmerkung: der Autor is(s)t vegan) ist ohne Mängel machbar und zudem sittlich, gesundheitlich wie auch „human“ plausibel und konsequent, die Forderung an einem Tag der Woche mal Wurst oder Rinderhack wegzulassen, hingegen ist es nicht. Und warum nun der Donnerstag? Weil andere Wochentage bereits von anderen Religionen (oder: Ideologien) beansprucht wurden? Wäre das nicht so, als würde man Rauchern einen rauchfreien Tag pro Woche vorschlagen? Was brächte das denn? Alkoholiker könnten künftig montags trocken bleiben, Junkies am Dienstag die Nadel beiseitelegen und Politiker mittwochs den Mund halten, bzw. die Allgemeinheit mit dummen, populistischen Vorschlägen verschonen. Letzteres wäre vielleicht tatsächlich erwägenswert, gerade auch weil Politiker nicht müde werden zu wiederholen, dass ihnen etwas am Allgemeinwohl liegt und sie nur unseres Bestes (Geld?) wollen…

In welchen Kantinen Spitzenpolitiker der Grünen verkehren, ist so fraglich wie nebensächlich, jedoch wären auch Vorschläge wie sonntags keine Katzen zu quälen, freitags keine Steuer zu hinterziehen oder samstags kein LSD zu nehmen nicht stimmiger, auch wenn die meisten übereinstimmten, dass ein entsprechendes generelles Verhalten dem Allgemeinwohl diente.

Im traditionellen Judentum, das trotz, oder gerade wegen der biblischen Tieropfer (die es in der Antike überall gab, daran erinnert auch im Christentum noch das Wort Hostie, das ist Latein und heißt „Schlachtopfer“), galt über den sehr seltenen privaten Fleischverzehr schon das Trinken von Milch als Timtum-ha-Lev, wörtlich als „Verdummung des Herzens“.

Warum? Wer sich ein wenig mit der Biologie von Mensch und Tier auskennt, der weiß, wann Mütter Milch „produzieren“, dann nämlich wenn sie Nachwuchs zur Aufzucht haben. Wie kommt der Mensch nun an die Milch der Kuh?  Richtig, er nimmt sie dem Kalb weg und damit dieses nicht stört, wird der Tiermutter auch das Tierkind genommen und geschlachtet, damit es Kalbfleisch gibt. Das ist ein einfacher, klarer Sachverhalt, der nicht schwer zu verstehen ist, aber komplett verdrängt wird in der Kultur der industriellen Massenverarbeitung.

Diesen Akt der Verdrängung, der es als „völlig normal“ erscheinen lässt, das Muttertier von seinem Säugling zu trennen, um an Milch und Kalbfleisch zu kommen, nannten die Weisen Verdummung des Herzens. Weder Milch noch Fleisch sind physiologisch erforderlich für eine kräftige und gesunde Ernährung. Elefanten gelten nicht gerade als Sinnbild der Schwächlichkeit und Gebrechlichkeit. Haben sie erst mal das Säuglingsstadium hinter sich gelassen, trinken sie für den Rest ihres Lebens keine Milch mehr, Fleisch essen sie nie, weder donnerstags noch an anderen Tagen.

August 20, 2013 at 2:42 pm Hinterlasse einen Kommentar

Schwarz auf Weiß – Erinnerung an ausgegrenzte Juden bei den Bayreuther Festspielen

 

At Bayreuth Festspielhaus theater this summer there is an exhibition in the park which has 53 moveable walls dedicated to Jewish musicians who were engaged at performances of Wagner’s operas but mistreated by the Nazi regime. At least 12 of them were deported and killed. However as the exhibition by Hannes Heer, which since 2006 already was shown in Hamburg, Berlin and Stuttgart, explains already the heirs of Richard Wagner systematically tried to exclude Jews on a racist basis, but time and again had to employ them, because no other capable musicians were available. The exhibition which covers up the time from 1876 until 1945 unintentionally sheds light on the continuity of subsidization of the Wagnerian  Festival from the almost forgotten Bavarian Kingdom to the Hitler regime to the united Germany whose first female chancellor Angela Merkel appears every summer at the “Green hill”.

Wohl um im kommenden Jahr „unbeschwert“ den 200. Geburtstag des in Leipzig geborenen Richard Wagner feiern zu können, präsentierten die diesjährigen Bayreuther Festspiele als Rahmenprogramm die Ausstellung „Verstummten Stimmen“, die belegen soll, was kaum jemand ahnte: dass Juden bei den Bayreuther Festspielen schon lange vor den Nazi systematisch ausgegrenzt wurden. Während ihre Verfolgung in den Jahren 1933 bis 1945 im Neuen Rathaus thematisiert wurde, widmete man sich auf dem Festspielhügel selbst der Geschichte der Juden in den Bayreuther Festspielen von 1876 bis 1945. Die Arbeit des Historikers Hannes Heers wurde von der Axel-Springer-Stiftung finanziert und war seit 2006 schon in Hamburg, Dresden, Berlin und Stuttgart zu sehen, fand aber wie in Bayreuth nur mäßige Beachtung, anders als die Tattoo-Affäre des 1973 geborenen russischen Opernsängers Jewgeni Igorewitsch Nikitin. Es waren alte Bildaufnahmen von ihm aufgetaucht aus seiner Zeit als Hardrock-Schlagzeuger, auf welchen eine inzwischen offensichtlich umgestaltete Tätowierung auf seiner Brust ein Hakenkreuz zeigte.

Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) selbst, als Verfasser der zunächst anonym herausgegebenen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ trat bekanntlich als antisemitischer „Stichwortgeber“ in Erscheinung, in einer Zeit, als liberale Kräfte sich längst für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger einsetzten. Wagner der sich keine moderne reale, sondern eine verklärte Welt erträumte, kam zum Schluss, dass Juden per se „unfähig“ seien „künstlerisch tätig“ zu sein, geschweige denn „richtig“ zu singen. Zwar gestand er ihnen zu, bestens nachzuahmen und zu kopieren, und auch als Musiker ihr „Handwerk virtuos zu beherrschen“, doch das Ergebnis wäre stets nur Trug und Täuschung. Den Juden bliebe deshalb nur eine Möglichkeit, um in den „Kreis der zivilisierten Menschheit“ zu gelangen: „durch Selbstvernichtung“. D.h. durch Aufgabe des Judentums: „Aber bedenkt, dass nur eines Eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluch sein kann: die Erlösung Ahasvers – der Untergang.“

Die Aussagen Wagners sind gerade in Bezug auf die nachfolgenden Nationalsozialisten zwiespältig. Zwar ist es kein Wunder, dass sich Judenhasser seitdem besonders gerne auf ihn beriefen, andererseits sehen sehr viele seiner heutigen Apologeten seine Position, die sich offenbar „bereits“ mit einer „Selbstvernichtung“ der Juden zufrieden gibt, als eine Abgrenzung vom „Wahn“ der Nazis, der auch Abkömmlinge ehemaliger Juden verfolgte. Dass beide Positionen vom Standpunkt des gleichermaßen verhassten „Judentums“ aus gesehen aufs selbe hinaus laufen, wird sehr gerne übersehen. Abgesehen davon gab es auch schon bei Richard Wagner Reden und Handeln als zwei Seiten der Medaille. Letzteres vielleicht auch nur weil sein junger Mäzen der bayerische König Ludwig II. (1845-1886), der den Juden in Bayern 1861 die politische und gesellschaftliche Gleichstellung zugestanden hatte, alles andere als ein „Antisemit“ war, sondern namhafte jüdische Freunde hatte wie u.a. Carl von Obermayer (1811-1889), dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, seines Zeichens auch Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern. Andererseits distanzierte sich Wagners Freund Friedrich Nietzsche schließlich von ihm und nannte als einen der Gründe dafür den unerträglichen Antisemitismus bei Wagner und in dessen Umfeld. All dies änderte jedoch nichts daran, dass jüdische Musiker, angetan von der als epochal erachteten Musik des Komponisten, weder abgeschreckt wurden noch selten waren. Sie entsprachen dabei auch nicht der Rolle des ehemaligen Affen Rotpeter aus Kafkas „Bericht für die Akademie“. Sie mussten auch keineswegs ihr Judentum aufgeben, um ein Engagement in Bayreuth zu bekommen.

Das herausragendste Beispiel der Rabbiner-Sohn Hermann (Henoch ben Benjamin) Levi (1839-1900), dessen Vorfahren aus dem österreichisch-schwäbischen Pfersee bei Augsburg stammten. Wie sein Vater Benedikt (Benjamin) war auch Hermann Levis Großvater Schmuel Wolf Levi (1751-1813) Rabbiner und gehörte leitend dem 1806 von Napoleon in Paris einberufenen „Großen Sanhedrin“ an, das das bürgerliche Judentum in der weltanschaulich „neutralen“ europäischen Praxis begründen sollte. Mütterlicherseits war er mit dem bereits genannten Konsul Obermayer verwandt. Hermann Levis deutsche Übersetzungen der Libretti des konvertierten Juden Lorenzo da Ponte zu Mozarts Opern „Cosi fan tutte“, „Don Giovanni“ und der „Hochzeit des Figaro“ haben bis heute Gültigkeit, stellten aber die Nationalsozialisten vor Probleme. Levi war 1872 von König Ludwig zum musikalischen Leiter der bayerischen Staatsoper in München ernannt. Er hielt diese Position bis zum Jahre 1896, als Richard Strauß seine Nachfolge antrat. Mit Wagner war er seit 1871 befreundet und dirigierte schließlich auch die Erstaufführung von dessen letzter Oper „Parsifal“. Wagner hatte alle Proteste sein „Meisterwerk“ ausgerechnet von einem Juden dirigieren zu lassen strikt zurückgewiesen. Auch nach Wagners Tod in Venedig blieb Hermann Levi, der auch mit Johannes Brahms befreundet war, noch bis 1894 in Bayreuth, wo er der Hauptdirigent des Festivals blieb. Mit einer gewissen Berechtigung lässt sich sagen, dass Levi, der auch eigene Werke komponierte, in der damaligen Musikwelt sicherlich keineswegs weniger anerkannt war als Wagner und dass nach dessen Tod ohne Levis Engagement die Bayreuther Festspiele nicht überlebt hätten.

Um die Büste Wagners herum war nun im Sommer 2012 eine Serie von Stellwänden aufgestellt, die kurz gefasste Lebensläufe von über fünfzig Künstlern mit knapper englischer Übersetzung anboten. An ihnen entlang konnten Festivalbesucher in festlicher Kleidung mit Sektgläsern in der Hand vorbei flanieren und sich ein Bild davon machen, dass noch weitere Juden irgendwann doch auch zu Bayreuth gehörten oder auch nicht. Künstler, die in Bayreuth tätig waren und nach dem Machtantritt der Nazis zumindest ihre Anstellungen verloren hatten. Ein Dutzend von ihnen wurde ermordet und das nicht, weil die Musik die sie in Bayreuth spielten so schlecht gewesen wäre. Henriette Gottlieb war darunter, die 1884 in Berlin geboren wurde. 1941 wurde sie deportiert und Anfang Januar 1942 kam sie in Łódź, damals im deutschen „Ghetto Litzmannstadt“ ums Leben. Von 1927 bis 1930 hatte die Sopranistin noch an den Bayreuther Festspielen gesungen. Als die Nazis ans Ruder kamen verloren Henriette und ihr Mann aus rassischen Gründen ihre Anstellungen. Die ihr gewidmete Stellwand besagt, dass niemand wisse, wie sie und ihr Mann bis 1941 überhaupt in Berlin überlebt hatten. Aus den Aufzeichnungen des früheren Dirigenten Karl Muck (1859-1940) hingegen geht hervor, dass er sich zwar bemühte, die Besetzung jüdischer Musiker in Bayreuth gemäß den Wünschen der Wagners zu vermeiden, dass dies aber nicht immer gelang. Ab und an konnte eine Position trotz aller Abscheu eben doch nur durch Juden besetzt werden, andernfalls hätte man die Aufführung absagen müssen.

Richard Wagners Witwe Cosima (1837-1930) war die uneheliche Tochter des ungarischen Komponisten Franz Liszt, der 1886 in Bayreuth starb und der Marie d’Agoult (1805-1876), die unter dem Künstlernamen „Daniel Stern“ ein dreibändiges Werk über die Französische Revolution von 1848 schrieb. Cosima hielt Deutschland für „verjüdelt“ und wollte alles dafür tun, diesen Einfluss Bayreuth als ein „deutsches Theater“ entgegenzusetzen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 gingen die Bayreuther Festspiele jedoch zu Ende. Erst im Jahre 1924 wurden sie wieder fortgesetzt, als Hitler in Landsberg im Gefängnis saß für den misslungenen Putsch im Vorjahr, den er wenige Tage vorher bei einem Besuch in der „Villa Wahnfried“ von Cosima Wagner absegnen ließ. Nach Hitlers frühzeitiger Haftentlassung wegen „guter Führung“ (!) wurden die Bande zwischen der Wagner-Familie und Hitler noch enger. Wie einst schon einmal durch Hermann Levi wurden die Bayreuther Festspiele dieses Mal von Hitler gerettet, der sich – quasi „zur Familie gehörend“ – ab 1933 natürlich auch in die Inszenierungen und das Bühnenbild einmischen durfte.

Die Bayreuther Ausstellungen kommt so auch zu dem Fazit, dass die oft zitierte Behauptung Richard Wagner sei von den Nazis lediglich „missbraucht worden, so nicht aufrechtzuerhalten sei. Wagners Erben – insbesondere Cosima und ihr Sohn Siegfried Wagner –, worüber fast drei Dutzend Biographien Aufschluss geben, setzten eindeutig rassische Merkmale über künstlerische. Mit deutschnationalen Kitsch und aktiver Mitwirkung an antisemitischen Aktivitäten hatten sie, als prominente Vertreter bereits in den Jahrzehnten vor dem Machtantritt des Nazi-Regimes dem eliminatorischem Antisemitismus in Deutschland den Weg geebnet und vorgezeichnet. Hitler selbst nannte den politischen Einfluss der Wagner-Spielstätte in Bayreuth „das Schwert, mit dem wir fechten“.

Ehrengast der Ausstellungseröffnung am 22. Juli war Avi Primor, 1935 in Tel Aviv geboren und von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Wie kein zweiter seiner Vorgänger und Nachfolger war und blieb Primor in Deutschland populär. Er war beeindruckt von der Ausstellung wie auch von der „Offenheit der Auseinandersetzung mit der dunklen Geschichte“. In Israel galt es lange Zeit als Tabu Musik von Wagner aufzuführen. Das war verständlich, immerhin meinte auch Adorno: „Der Wagner’sche Antisemitismus versammelt alle Ingredienzien des späteren in sich.“ Erst vor wenigen Wochen wurde ein lange geplantes, als „Sensation“ angekündigtes vollständiges Richard Wagner-Konzert in Tel Aviv letztlich doch abgesagt. Deutsche Holocaust-Überlebende hatten sich abermals empört darüber gezeigt und zu Kundgebungen aufgerufen. Zwar wurden in vergangenen Jahren immer wieder mal einzelne Stücke aufgeführt, doch zu einem ausgewiesenen Wagner-Konzert kam es bislang noch nicht.

Dabei gibt es in Israel kein ausgesprochenes Wagner-Verbot und es ist auch nicht so, dass das „Thema“ abseits der Feuilletons die Gemüter der israelischen Öffentlichkeit bewegen würde. Man könnte den Eindruck gewinnen, als bestünde die Provokation aber nun genau darin, die wenigen noch lebenden Überlebenden des Holocausts absichtlich mit Wagner zu ärgern. Das ist nicht annähernd so mutig wie man aus der Ferne denken mag, wenn man aufgewühlte, zitternde Männer und Frauen im Alter von 90 Jahren vor Augen hat und sich vorstellt, wie „revolutionär“ es ist, sie zum Weinen zu bringen. Jüngere Israelis interessiert es noch weniger als deutsche Jugendliche. Wie Umfragen belegen, haben 95 Prozent der Israelis unter 40 Jahren Wagners Musik buchstäblich „noch nie gehört“. Anders als in Deutschland denkt man aber auch nicht zuerst an Tiefkühl-Pizzas, denn immerhin zwei Drittel ist sogar der Name des Komponisten unbekannt. Es mag sein, dass Wagners Musik im zeitlichen Kontext bewertet, „revolutionär“ war. Im Kontext heutiger Musik, die auch in Israel von TV-Casting Shows (auf der Bandbreite von Justin Bieber bis Lady Gaga) geprägt ist oder Stilblüten wie jiddisch-sprachige Heavy Metall Bands wie „Gevolt“ (im Stile von „Rammstein“) hervorbringt, sind Wagners Opern, die sich bei wenig erinnerbaren Glanzpunkten oft stundenlang hinziehen auch nicht mehr vermittelbar.

Zum „Mythos“ Bayreuth gehört auch die Behauptung, dass man bis zu zehn Jahren warten müsse, um eine Eintrittskarte zu den Festspielen zu erhalten. Das klingt, je nachdem wie man es werten will, elitär oder nur nach DDR. Tatsächlich stehen jedes Jahr 40.000 verkäuflichen Eintrittskarten auch fast zweieinhalb Millionen Euro Subvention allein aus Steuermitteln des Bundes gegenüber, was grob gerechnet einer Bezuschussung von etwa 60 Euro je Eintrittskarte entspricht. Anderswo kostet nicht mal der Eintritt so viel. Weitere 14.000 Karten, so legte der Bayerische Rechnungshof letztes Jahr offen, gelangen gar nicht in den Verkauf, sondern bleiben jedes Jahr der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ vorbehalten, die 1949 als eigetragener Verein gegründet wurde und derzeit etwa 5.000 Mitglieder hat und sozusagen die dritte Rettung der Festspiele nach Levi und Hitler vergesellschaften. Daneben gibt es noch die Bayreuther Festspiel GmbH, an der die Bundesrepublik Deutschland und der Freistaat Bayern jeweils mit 25 % beteiligt sind, danach der „Wagner-Clan“, die Stadt Bayreuth, usw. Die heute für die Festspielleitung verantwortlichen Mitglieder der Familie Wagner hatten übrigens keine Zeit, um sich mit dem israelischen Diplomaten zu treffen. Avi Primor mutmaßte deshalb auch, dass es ihnen vielleicht peinlich sei. Warum sagte er allerdings auch nicht. Immerhin liegt auch ein Mantel des Schweigens 

Um der lauter gewordenen Kritik zu begegnen übertrug man in diesem Jahr erstmals eine Aufführung auch live in zehn deutschen Kinos. Die an Fußball-Veranstaltungen angelehnte „public viewing“ ändern indes wenig am mittlerweile doch wieder zu „elitär“ geratenen Image. Abgesehen davon, dass nur die wenigsten Passagen der Musik Wagners einen Wiedererkennungswert haben, darf anders als bei Fan-Gesängen im Stadion auch nicht mal mitgesungen werden. Doch selbst wenn, wer könnte Texten wie „Was einzig mir geblieben, ein heiß inbrünstig Lieben, aus Todes, Wonne, Grauen jagt‘s mich, das Licht zu schauen, das trügend hell und golden noch dir, Isolden, scheint“ heute noch etwas abgewinnen?  

Der an der Übertragung beteiligte TV-Kulturkanal ARTE, auch sonst nur mit einem Marktanteil von ca. 0.5 Prozent gesegnet, erreicht seine schlechten Quoten  mit Opern und den meisten Zuspruch bei Spielfilmen. Das geht anderen nicht anders und muss nicht heißen, dass fast alle Menschen dumm sind und nur die Elite nicht. Man kann sich aber fragen, was außer einer höheren Form des weitverbreiteten „social networking“ heute Menschen dazu motiviert, Wagners Musik in Bayreuth in der einen oder anderen neuen, „gewagten“, ach ja, sicher ganz  „revolutionären“ Aufführung zu hören – falls nicht mal wieder ein Handy stört. Immerhin kommen regelmäßig Kanzlerinnen vorbei, um nach ihrer Kleidung begutachtet zu werden, bayrische und andere Ministerpräsidenten, Adelige, Minister, Bischöfe, Militärs, Konzernchefs, Professoren aller Art, Hochfinanz, Schauspieler, ehemalige Sportler und sonstige A-C Prominenz. Wo sonst kann man diese auch mal ganz beiläufig in der Pinkelpause treffen? 

Mehr Schwierigkeiten begegnete der Kurator und Historiker Hannes Heer bei seinen Recherche. Bei der Ausstellungseröffnung brandmarkte er es deshalb auch als „Skandal“, dass größere Teile des Wagner-Nachlasses bis heute weder für die Öffentlichkeit noch für die Wissenschaft zugänglich seien, darunter auch der jahrelange Briefwechsel zwischen Hitler und Winifred Wagner. Dies mag manche empören, doch gewissermaßen gehören auch Hitler und seine Wagner-Freunde längst zu den verstummten Stimmen. Gäbe es nicht die an für sich doch eigenartige Kontinuität vom bayerischen König und dem deutschen Kaiserhaus, über die Weimarer Republik in Hitlers Nazireich, die alte Bundesrepublik bis zum wiedervereinigten Deutschland, … man bräuchte sich für die „unzeitgemäße“, schwülstige, längst mehrfach überholte Musik Wagners keine weiteren Gedanken zu machen, denn es wurde alles schon gesagt. Und was nicht gesagt wurde, ließe sich viel leichter formulieren, weil niemand mehr rechtfertigen müsste, daran trotzdem festhalten zu müssen.

So jedoch bleibt der steuerfinanzierte Zwiespalt erhalten – gewollt. Denn, wie sagt bereits das jiddische Sprichwort „Wenn der Kaminkehrer sich mit dem Müller schlägt, wird der Müller schwarz und der Kaminkehrer weiß.“

(für das Euro Journal)

September 2, 2012 at 12:55 pm Hinterlasse einen Kommentar

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